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Erstens ist der Unterschied zwischen positivem und negativem Stress nicht von der Art, sondern von der Intensität und der Dauer abhängig, und zweitens spielen für den Dauerszustand natürlich auch die Ruhephasen eine Rolle.
Nicht zu vernachlässigen ist natürlich die genetische Komponente, die Verfassung der Hündin während der Trächtigkeit und der Aufzucht, und die Aufzucht der Welpen selbst. Dann kommt noch die Sozialisierung.
Nimmt man all das zusammen, findet man gestresste Hunde sowohl in Singlehaushalten als auch in Großfamilien. Hat ein Hund die Veranlagung zu Stress, genetisch oder umweltbedingt, würde ich davon ausgehen, dass die Belastung in einer Großfamilie höher ist, vor allem wegen der geringeren Ruhephasen.
Es ist schade, dass dieser Beitrag ein wenig untergangen ist.
"Offensichtlichen" Streß bei unseren Hunden, dessen Auswirkungen sich nach außen richten, wird wohl jeder von uns HH erkennen - inwieweit richtig damit umgegangen wird, ist dann die nächste Frage. Krönendes Beispiel sind mit Sicherheit die absoluten "Balljunkies", wo oft von den HH gar nicht erkannt wird, dass der Marker zwischen "fröhlicher Auslastung" und Streß für den Hund schon längst überschritten wurde. So aus der Serie "Wie kann denn etwas Streß mit all seinen negativen Folgen sein, was dem Hund doch soooooviel Spaß macht?".
"Ganz offensichtlicher" Streß, der auch von den meisten HH so wahrgenommen wird, ist der typische TA-Wartezimmer-Streß, diese Hunde, die hecheln, mit erhöhtem Herzschlag, unruhig bis panisch, kaum noch ansprechbar den Fußboden im Wartezimmer volltropfen...
Aber es gibt ja auch noch zahlreiche Streßvarianten, die sich gar nicht so offensichtlich darstellen und die eben nicht so ohne weiteres wahrgenommen werden - die Streßformen, in denen sich das Streßgeschehen nach "innen" richtet, in denen endogen hormonelle Regelkreisläufe aus den Fugen geraten, deren Folgen erst viel später offensichtlich werden - durch Erkrankungen, bei denen man unter Umständen lange benötigt, um auf den Zusammenhang mit "Streß" zu kommen. Immer dann, wenn Streß-Situationen sich verselbstständigen und die nötigen Entspannungs-Phasen mit der Regulation der körpereigenen Vorgänge bei Streß nicht ablaufen können, besteht die große Wahrscheinlickeit, dass sich "Streß" der ja primär eine sinnvolle Funktion hat, nämlich den Organismus in brenzligen Situationen in Alarm- und Handlungsbereitschaft zu versetzen, in einen pathologischen Zustand verwandelt, der Folgen auf Körper und Seele eines Lebewesens hat.
Um die Streßbelatung für den eigenen Hund ausmachen zu können, gehört schon eine Menge dazu - manches kann man nur vermuten, weil viele Parameter, die für diese Beurteilung wichtig wären, so ohne Weiteres gar nicht meßbar sind.
Dass es bereits genetisch bedingte Faktoren gibt - wird oft übersehen, deshalb finde ich es wichtig, Brush´s Beitrag noch mal vorzukramen.
Denn das bedeutet, dass ich mit Hund A, mit dem ich ein Prägungs- und Auslastungs-Programm laut Lehrbuch vollzogen habe, wo einfach alles gestimmt hat, dennoch streßbedingte Probleme bekommen kann, weil seine genetischen Grundlagen einfach einen normalen, gesunden, folgenlosen Umgang mit Streß nicht hergeben. Da muss ich mich als Halter schon auf einem ganz anderen Level bewegen, um diesem Hund ein gesundes Leben ermöglichen zu können.
Und das bedeutet auch, dass manche Hunde, mehr oder weniger auf sich allein gestellt in Sachen Streßbewältigung, dennoch mit allen möglichen, für manche HH fast schon unvorstellbaren Situationen klar kommen, einfach, weil etwas platt geschrieben, ihre Systeme in Sachen Streß, Streß-Bewältigung und - mit das Wichtigste - Entspnnung einfach absolut perfekt laufen.
Mich machen beide Typen von Hund stutzig - der Hysterie-Keks, genauso wie der fast unnatürlich ruhige, vermeintlich besonders "coole" Vertreter von Hund.
Ein "streßfreies" Leben ist gar nicht das, was wir uns für uns oder unsere Hunde wünschen, denn Streß ist primär etwas, wofür unser Organismus durchaus eingerichtet ist, aber den sinnvollen Umgang mit Streß, den sollten wir uns für uns und unsere Hunde tatsächlich wünschen.
In der Nutztierhaltung wird auf eine gewisse "Streßresistenz" übrigens schon seit langem gezielt gezüchtet - insbesondere bei Schweinen ist dies eine sehr wichtige Eigenschaft, aus dem Grund, dass die Fleischqualität durch die Ausschüttung von Streß-Hormonen extrem leidet, das Schwein, kann ein halbes Jahr ein leidlich gemütliches Leben "streßarm" geführt haben, wenn es 30 Sekunden vor seinem Tod Angst, Panik durch unsachgemäßen Umgang und/oder anlagebedingten "schlechten" Streßregulationsmechanismen vor der Schlachtung hat, wird durch die sofort ausgeschütteten Hormone die Fleischqualität dramatisch beeinflusst - kein nettes Thema, aber eines, das klar machen soll, wie sehr sich "Streß" (übrigens ein Wort, dass heutzutage sehr mißbraucht wird) körperlich auswirken kann.
LG, Chris