Beiträge von Estandia

    40. Lies ein Buch, in dem jemand etwas anderes ist als er vorgibt zu sein

    Chana Porter – The Seep

    Trina und ihre Frau Deeba leben in einer zukünftigen Welt, komplett verändert durch eine lang zurückliegende gutartige Invasion von Aliens, bekannt als The Seep. Während Trina immerfort versucht so menschlich wie irgendmöglich zu bleiben und den Konsum von The Seep in Grenzen zu halten, gehen andere Menschen im Gebrauch der Möglichkeiten durch The Seep total auf. Jeder Mensch kann einfach alles sein was er sich wünscht, jeder ist mit allem verbunden, viele Menschen leben viele Leben und lieben viele Menschen, die Welt ist voll von Charakteren, die nicht das sind, was sie mal waren oder sich ständig verändern. Speziell in Deeba reift nach einigen Jahren der Wunsch mithilfe des Seep als Baby wiedergeboren zu werden. Sie möchte ihr bisheriges Leben aufgeben, bei einer neuen Familie, die sie liebt, aufwachsen und neue schöne Erinnerungen sammeln. Trina ist am Boden zerstört. Sie fällt in ein tiefes Loch und begibt sich auf eine Reise, auf der sie rausfinden muss, "wer sie ohne Deeba ist".

    Ein ruhiges Buch, das primär Veränderungen und Trauerbewältigung behandelt, gepaart mit einer faszinierenden Art und Weise der Alien-Invasion, frei von Gewalt und Bösartigkeit. Die neue Weltordnung, die daraus resultiert war unglaublich interessant und spannend beschrieben. Größter Pluspunkt war das Thema Inklusion, jeder und alles wird vom Seep-Kollektiv akzeptiert, u.a. gab es allgemeingültige Gestiken, die es fremden Personen sofort ermöglicht, zu erkennen wie sich wer als was auch immer identifiziert. 5 Sternchen für mich.

    Um nur die Ausgangsfrage zu beantworten, ich würde es eher jetzt machen als in 2 Jahren.

    Sehe ich auch so.

    Da grundsätzlich ja Pläne gemacht wurden, wäre ich auch auf dem Standpunkt, eher jetzt den Welpen zu holen als später, da du Newton ja jetzt schon als gemütlich(er) beschreibst. In seinem jetzigen Alter mag er das besser verknuspern können als in einigen Jahren. Und wenn du erziehungstechnisch mit Hunter auch zufrieden bist, kann der Welpe doch grundsätzlich erstmal nur profitieren.

    45. Lies ein Buch, das einem oder beiden Elternteilen gewidmet ist

    Michelle Zauner – Crying in H Mart / Tränen im Asiamarkt

    "Als Michelle mit Mitte zwanzig erfährt, dass ihre Mutter an Krebs erkrankt ist, steht die Welt für sie still. Sie lässt ihr bisheriges Leben in Philadelphia zurück und kehrt heim nach Oregon, in ihr abgelegenes Elternhaus, um ganz für ihre Mutter da zu sein. Doch schon ein halbes Jahr später stirbt die Mutter. Michelle begegnet ihrer Trauer, ihrer Wut, ihrer Angst mit einer Selbsttherapie: der koreanischen Küche. Sie kocht all die asiatischen Gerichte, die sie früher mit ihrer Mutter aß und erinnert sich dabei an die gemeinsame Zeit: an das Aufwachsen unter den Augen einer strengen und fordernden Mutter; an die quirligen Sommer in Seoul; an das Gefühl, weder in den USA noch in Korea ganz dazuzugehören. Und an die Körper und Seele wärmenden Gerichte, über denen sie und ihre Mutter immer wieder zusammengefunden haben."

    4 Sterne für mich, selten habe ich in einer Biografie so sehr die Widmung auf jeder Seite gefühlt.

    19. Lies ein Buch eines/einer Autor*in, der oder die im selben Monat Geburtstag hat wie du

    Siri Hustvedt – Der Somme ohne Männer

    "Die New Yorker Dichterin Mia steckt in einer Krise. Ihr Mann Boris will eine Ehe-Pause. Als Mia feststellt, dass die «Pause» viel jünger als sie und überdies Boris’ Assistentin ist, erleidet sie einen Zusammenbruch. Und beschließt kurzerhand, den Sommer in der Nähe ihrer Mutter, einer rüstigen Neunzigjährigen, zu verbringen. Es ist eine Zeit ohne Männer. Mia trifft die alten Freundinnen der Mutter und unterrichtet eine Gruppe pubertierender Mädchen in Lyrik. Und sie lernt sich selbst neu kennen. Endlich atmet Mia wieder frei durch — bis eine flehende Mail von Boris kommt ..."

    Wobei der letzte Satz des Klappentextes dramatischer klingt als das alles eigentlich ist ... Der Sommer ohne Männer ist ein ganz ruhiges aber sehr interessantes Buch.

    Zum einen muss sich Mia mit ihrem Aufenthalt in der Psychiatrie auseinandersetzen und verarbeitet dies in Sitzungen mit ihrer Psychiaterin. Sie sinniert über ihren Ehemann, jemand der sie plötzlich (nach immerhin 30 Jahren Ehe und einer gemeinsamen Tochter) "mit Vorbehalt beiseite gestellt hat". Ohne Krach, ohne Trennung, vorerst ohne Erklärung...

    Dann verbringt Mia ihre eigene Pause in der Nähe ihrer Mutter, die in einer Anlage des betreuten Wohnens wohnt und macht dort Bekanntschaft mit den "alten Schwänen", wie sie die Seniorinnen um ihre Mutter herum nennt. Hier geht es viel um Erinnerungen, Familie und um den Tod.

    Mia hat sich ein Haus in der Nähe gemietet, sie freundet sich mit den Nachbarn an. Die kleine quirlige Tochter, der Sohn der noch ein Baby ist und der immer leicht gestressten aber sehr netten Mutter. Der Vater tritt nur in vage Erscheinung mit Gebrüll und Streit.

    Weiterhin unterrichtet Mia eine kleine Mädchengruppe in Lyrik. Die Mädels sind um die 12, 13 Jahre, gerade im Inbegriff ihre Körper und das eigene Selbst zu begreifen. Hier geht um Machtverhältnisse, Dynamiken und Mobbing innerhalb der Gruppe. Mia, selbst Opfer von Mobbing in ihrer Jugend, muss herausfinden wie sie sich und den Mädels sinnvoll helfen kann.

    Und dann geht es eben viel um Feminismus. Die Protagonisten sind alle Frauen, es geht um Sexualität, wie Frauen denken und fühlen und um die Unterschiede zu Männern, die offensichtlichen und die verborgenen...

    Ich hab das Hörbuch gehört, gelesen von Eva Mattes, wahrscheinlich die beste Stimme für diese Geschichte. Einzig den Punkt Abzug gibt es (für mich), für die Überbeanspruchung von (Lyrik-)Zitaten. Ansonsten eine großartige, emotionale, tiefgründige Geschichte mit viel Herz und wahnsinnig guten Beobachtungen. 4/5 Sternen.