Zitat
Selbst in einem gewachsenen "Rudel" gibt es immer wieder Änderungen, die zwar nicht den Grundcharakter ändern, aber doch das zusammenleben. Wenn ich da meine Hunde in eine Position packe und auf diese bestehen würde, würde ich hier mehr Konflikte schaffen.
Agiere ich aber im Vorfeld und lasse meine Hunde je nach Tagesform selbst entscheiden, dann ändert sich auch täglich diese Position.
Zum einen das, zum anderen haben wir hier, in unserer Gesellschaft, normlerweise eben keine "festen" Rudel.
Mehrhundhalter mit mehr als 2 Hunden sind immer noch die Ausnahme, und auch diese treffen immer wieder sporadisch oder regelmäßig auf fremde Hunde, und haben meist mit diesen auch Kontakt. So haben wir immer wieder verschiedene "Rudelkonstellationen" (ich weiß es sind keine, aber nach der Theorie der "Rudelstellung" und wie sie "erprobt" wird, ist das ja wurscht, schließlich soll es auf unseren Alltag mit den Hunden angewandt werden, um diesen leichter zu machen...).
Das hieße: Bei einer vererbten, unveränderlichen Rudelstellung dürfte sich das Verhalten und die Aufgabe des Hundes egal in welcher Kontellation nicht verändern, und somit sehr, sehr häufig Probleme geben.
Ich gebe zu, die gibt es auch, allerdings ist der Grund dafür, meines Wissens und meiner Erfahrung nach, in den allermeisten Fällen ein unsachgemäßes Handeln der Menschen, (durch unzureichende Sozialisation) mangelnde Kommunikationsfähigkeit der Hunde, einem Aufeinandertreffen zweier sehr statusbewusster Hunde, oder allem zusammen.
Ferner zweifle ich an, dass ein Hund immer die gleiche Funktion in einer Hundegruppe übernimmt.
Ich versuche es mal am Beispiel meiner Hündin Skadi zu verdeutlichen:
Sie hat ja nun das Glück, mit zwei anderen Hunden im gleichen Haus (aber nicht Haushalt) zu wohnen. Bei diesen dreien habe ich in der Tat das Gefühl, dass sie sich (zusammen mit uns Haltern) als eine Art "Rudel" empfinden.
Seit neuestem gehört zu dieser relativ festen Gruppe noch einer meiner Gassihunde.
Die vier sind sehr sozial mit einander, treten Fremdhunden als Verband gegenüber, und ja, innerhalb dieses "Rudels" hat jeder eine eigene "Stellung", die sich grundsätzlich auch wenig verändert.
Skadi ist hier diejenige, die (in dem Rahmen, in dem ich sie lasse) regelt, Verantwortung übernimmt, die Gruppe verteidigt und gegebenfalls auch schlichtet. Insgesammt tritt sie sehr sicher und selbstbewusst auf. Ganz eindeutig diejenige, die die Führung übernimmt, wenn ich nicht selber regele.
Die drei anderen orientieren sich stark an ihrem Verhalten und ordnen sich z.B. ihren Maßregelungen unter.
Gehe ich mit Skadi in einer anderen Gruppe (zu dem auch der Gassihund gehört), in deren Konstellation wir auch sehr häufig unterwegs sind, verändert sie ihr Verhalten total.
Hier übernimmt sie eine untergeordnete, völlig zurückgenommene Position. Sie nimmt sich nichts heraus, lässt andere Hunde neue Situationen klären (ist allerdings schnell zur Stelle, wenn es Stunk gibt, um ins gleiche Horn, wie die Gruppe zu stoßen), verteidigt keinen und neigt im Gegenteil eher zu albern Verhalten.
Auch schlichtet sie nicht, sondern ergreift bei Unstimmigkeiten in der Gruppe für eine Seite Partei - im Normalfall immer für den Agressor (olle Mobberin
).
Sie ist also eher ein Mitläufer, als ein souveräner Führer.
Bin ich mit ihr alleine unterwegs ist sie hingegen souverän, meist sehr freundlich und oft sogar ein wenig unterwürfig fremden Hunden gegenüber.
Klar - ihre grundlegenden Charaktereigenschaftenn bleiben immer die gleichen (eher ruhig, grundsätzlich unaufdringlich, aber mit einem Hang zum einmischen (Kontrolle bzw. zumindest Beeinflussung von Situationen), kommunikativ, sensibel), jedoch besetzt sie, bei verschiedenen Hundezusammenstellungen, andere Positionen, Stellungen, Rollen oder wie auch immer man das nennen will.
Bei meinem Gassihund ist es übrigens genau umgekehrt. Im häuslichen "Rudel" ist er ein Kontrolletti, der die anderen gerne auch mal zurecht weist, in Skadis "Rudel" hält er sich brav im Hintergrund, und spielt sogar die letzte Geige.
Beide Hunde wirken im übrigen mit ihren jeweiligen so unterschiedlichen Positionen nicht unglücklich. Beide sind aktiv und fröhlich.
Jetzt frag ich mich:
Wie passt das mit angeborener (und unverrückbarer) Rudelstellung zusammen? Wieso verhält sich mein Hund in der einen Konstellation so, und in der anderen anders?
Mir ist schon klar, dass das an den verschiedenen Charakteren liegt (und ich streite auch nicht ab, dass dieser Chrakter sich schon sehr früh zeigt, dass er durch die Lage in der Gebärmutter, den Geburtszeitpunkt beeinflusst wird - wohl aber, dass man ihn - und dann anscheinend auch noch 100%ig - anhand der ersten Schlafposition feste machen kann), die da aufeinander treffen, und ob ein Hund eher statusbewusst ist oder nicht. Ich vermute, letzteres wird in der Rudelstellungstheorie als "stellungsstark" bezeichnet?
Nebenbei ist auch die Erkenntnis, dass es Hunde gibt, die eben souveräner und statusbewusster sind als andere, ein völlig alter Hut.
Wie ich es auch dreh und wende, die Dinge, die mir an dieser ganzen Geschichte plausibel erscheinen, sind alt hergebracht und nichts weiter als altes neu verpackt - und das noch nicht einmal besonder schön.
Aber ok, ich habe also einen "stellungschwachen" (also nicht unbedingt statusbewussten) Hund - soweit meine Erkenntnis... aber was hilft mir das für den Umgang mit Hundebegegnungen und dem dort statt findenden, innerartlichen Verhalten? Nix. Denn diese Begenungen passieren nach wie vor völlig zufällig.
Was ziehe sonst aus dieser Einsicht?
Soll ich mir jetzt einen "stellungsstarken" Hund dazu holen, obwohl alle Hundebegenungen von der Seite meiner Hündin aus völlig problemlos laufen?
Doch halt: warum laufen sie wohl problemlos?
Möglicherweise, weil ICH selber die Aufgabe eines "stellungsstarken" Hundes übernehme....?
Brauch man also vielleicht gar keinen passenden Zweithund um die Rudelstellung des Ersthundes zuverbessern, sondern muss schlicht an sich selbst, seinen Fähigkeiten den Hund einzuschätzen, seinem Verhalten und seiner Ausstrahlung arbeiten? :denken:
Das wiederum würde die ganze Theorie für die Praxis völlig überflüssig machen...
Neben der Tatsache, dass sich meines Erachtens kein (nicht schon bekannter) Nutzen aus der ganzen Sache ziehen lässt, gibt es eben Dinge, die ich so gar nicht nachvollziehen kann.
Das sind auch eigentlich gar nicht die Grundlagen der Theorie, sondern (neben der Tatsache, dass es viele Leute geben wird, die sich nicht so stark mit dem Thema auseinandersetzen wie wir es hier grade tun, die das Thema nicht gänzlich verstehen und bei den falschen Schlüssen, die dann zwangsläufig gezogen werden, ihrem Hund nur schaden können) folgendes:
Der pauschalisierende (7 Positionen ohne Übergänge), unfachliche (Hunde falsch lesen, umherschubsen, sie nicht aus ihnen augenscheinlich unangenehemen Situationen nehmen), mystifizierende ("alter Mann", der Jahre Erfahrunge hat, mit vielen Rudeln gearbeitet hat etc.) und vor allem extrem herzlose Umgang mit diesem Thema.
Es wird sich allerorts aufgeregt über hunderttausende willkürlich getötete Straßenhunde, aber das aussortieren von gesunden Welpen, gleich nach der Geburt, ist ok?
Entschudigung - ich könnte ja verstehen (nicht unbedingt gutheißen), dass man eventuell kranke oder schwache Welpen tötet - aber welche, die nur an der falschen Stelle liegen? :irre:
Sorry, das geht in meinen Augen ein wenig in Richtung der Willkür und Lebensverachtung, die wir Deutschen ja noch von früher kennen sollten....auch wenn es hier "nur" um Hunde geht. :/