Beiträge von Momo und Lotte

    Achso, hab dich falsch verstanden. Ich dachte es geht darum, generell den Hund auch aus Frustsituationen innerhalb des Alltags fernzuhalten. Ich kenne Besitzer/innen, Trainer/innen die das versuchen (hab selbst dazugehört) und das Ergebnis gefällt mir nicht.

    Das klingt enorm spannend. Magst du mal genauer erzählen? Wie hast du oder haben die Bekannten von dir versucht, jeden Frust zu vermeiden und was kam dabei heraus?

    Ich würde Mal von einer Interaktion ausgehen? Zu einem groben Überblick von Frustration beim Hund finde ich btw dieses Paper ganz nett https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6535675/

    Vielen Dank. Ist bestimmt super, dafür reicht aber entweder mein Englisch, meine Motivation nach diesem Tag oder die Frustrationstoleranz durch die Kombination beider zuvor genannter Faktoren nicht. :hust:

    "Klassischerweise" kann ich nicht beantworten.
    Bei mir gibt es mal ein Wartenmüssen, auch mal ein Verbot, auch mal ein ähäh und sogar mal ein 'hey!' aber ich versuche ja eigentlich immer, keinen Frust aufkommen zu lassen. (Wir sind ja beide Lehrer*innen, und es ist sicherlich irgendwie in uns drin, dass man Frust einfach vermeiden will)

    Den Vergleich finde ich an dieser Stelle schwierig. Wenn Frust immer vermieden wird, wie soll der Hund dann lernen damit umzugehen? Das ist in unserer belebten Umwelt ohne deprivierte Haltung meiner Meinung nach nicht umsetzbar

    Nee, ich glaube der ist sowieso häufig genug da. Da muss ich keine zusätzlichen Situationen erzeugen. Und da Frust so häufig da ist (also bei meinen Hunden auf jeden Fall!) versuche ich eher, frustrierende Situationen zu umgehen (also z.B.: drei frustrierende Hundebegegnungen und zwei Katzen und einen Döner pro Tag musste ich bis zum Nachmittag in Kauf nehmen. Das ist genug Frust. Die Abendrunde wird einfach nur möglichst entspannt. Ganz lange Leinen, ganz spät losgehen, irgendwo, wo ziemlich sicher kein Essen rumliegt und keine Katzen sind, einfach schnüffeln, bummeln, rumwuseln dürfen)

    Und frustriende Situationen versuche ich einigermaßen aufzufangen. Geht nicht immer. Egal. Aber Umlenken, anderes Kommando, sanft durch die unguten Gefühle schiffen - wenn möglich, ist das eher mein Weg.
    Aber kann ja voll sein, dass das Quatsch ist. Ich kann nur selbst mit Frust und Stress schlecht umgehen und deshalb käme ich nicht auf die Idee, den extra zu erzeugen oder auch nur billigend in Kauf zu nehmen wenn es irgendwie zumindest ein bisschen abgefedert werden könnte.

    Hahahaha, direkt erkannt? Sehr gut.
    Bei deinen Gedanken bin ich dabei.
    Bei uns gibt es leider kaum Sachen, die später doch erlaubt wären.
    Hund apportiert Bananenschale, die er eigentlich gern heimlich fressen würde? MEGA. Dafür kriegt er etwas noch Besseres. Wäre es ein Apfelnüsel, darf er den auch nach Anzeige fressen.
    Hund zeigt Katze nur an ohne draufzustürzen? MEGA. Dafür kriegst du jetzt was, was du eigentlich nicht am liebsten wolltest und sobald möglich kannst du den Dummy hetzen.

    Es ist also mehr ein "den Frust länger/ruhiger aushalten" (-> also ja, einfach Impulskontrolle) mit Aussicht auf Bedürfnisbefriedigung. Keine angesteuerte Hornhaut gegen Frust durch Wiederholung frustrierender und nicht lohnender Erfahrungen.
    So meinst du das, oder?

    Frusttoleranz trainieren über spezielle Übungen finde ich jetzt eher schwierig.

    Was man gut trainieren kann, ist Impulskontrolle, also nicht jedem Reiz sofort nachgehen.

    Aber vielleicht bin ich da zu unbedarft. Wie trainiert man - abseits vom Alltag, den ich ja nicht als Training bezeichnen würde - klassischerweise Frustrationstoleranz?

    "Klassischerweise" kann ich nicht beantworten.
    Bei mir gibt es mal ein Wartenmüssen, auch mal ein Verbot, auch mal ein ähäh und sogar mal ein 'hey!' aber ich versuche ja eigentlich immer, keinen Frust aufkommen zu lassen. (Wir sind ja beide Lehrer*innen, und es ist sicherlich irgendwie in uns drin, dass man Frust einfach vermeiden will)

    Bei mir kam die Frage ja wegen eines Hundeverhaltensberaters in meinem Umfeld auf. Er sagt hierzu z.B.:

    "Viele Hunde haben Probleme damit, Frust aushalten zu können. Hier ein Hund, wo ich nicht hin darf, dort eine Stunde alleine sein. Hier etwas zu fressen, was der Hund findet aber nicht fressen darf, dort der Hund, der spielen darf und der eigene Hund nicht.
    Frust gehört zum Leben mit dazu und sollte gelernt werden. Eine gute Übung: nimm etwas, was der Hund toll findet. Dann sprichst du ein Verbot aus, wie hier im Video. Nach einer gewissen Zeit nehmen wir das Objekt wieder weg.
    Achtung ⚠️: wenn die Erwartungshaltung am Ende der Übung erfüllt wird, ist es keine Übung zur Frustrationstoleranz."


    Daraus entstand meine Frage, ob man (ohne irgendwelche bewussten Copingstrategien) Frust auszuhalten lernen kann, weil man ihn häufiger erlebt.
    Ich geh da halt nicht pauschal mit.

    Spannend. Vielen Dank für eure Antworten. Ich stimme auf jeden Fall zu, dass der Hund im Laufe seines Lebens ohnehin unzählige Erfahrungen macht, in denen er lernen muss, seine Impulse zu kontrollieren. Klar, meistens schreie ich nicht bei roten Ampeln Krambamboli . Ist aber schon vorgekommen.

    Vielleicht liegt der Fehler im Terminus "Frustrationstoleranz". Ich glaube, man kann Impulskontrolle ein Stückweit gut lernen. Aber Frustrationen besser abzukönnen, nur weil man häufiger frustriert wird? Hm.
    Meine These ist, das Menschen und Hunde lernen, Impulse zu kontrollieren, weil es sie weiter bringt. Weil eben die Alternative attraktiver ist wie bei @Vakuole oder weil das Verhalten nicht zum Erfolg führt wie bei Beaglebine . (Oder in manchem Fall vielleicht auch durch rigorose Hemmung.) Aber doch letztlich nicht dadurch, dass der gleiche Frustreiz immer wieder gesetzt wird und irgendwann dadurch eine Gewöhnung einsetzt?
    Darüber hinaus finde ich die Annahme erstmal schwer nachzuvollziehen, dass ein Hund die Lernerfahrung (z.B. etwas zu essen, was er nicht haben darf, obwohl es gefühlt für ihn auf den Boden geworfen wurde, nicht aufzunehmen und dafür auch keine andere Belohnung zu erhalten) auf andere Lebensbereiche übertragen soll (also z.B. dann brav im langweiligen Auto zu warten).
    Aber ihr habt ja z.T. andere Erfahrungen gemacht.

    Ich stelle bei meiner Hündin fest: je frustiger ein Tag für sie war, desto schlechter wird ihre Impulskontrolle zum Ende des Tages hin. Und nach dem Löffelchen-Prinzip macht das für mich auch Sinn, da ich das nachempfinden kann.

    Aber wahrscheinlich hängt das auch von tausend weiteren Faktoren ab. Wie der Hund gestrickt ist, in welchem Alter man was übt, mit welchem Trainingsstil, ob man frustige Situationen häufiger ungeplant erlebt... ?

    Ein Hundetrainer aus meinem Dunstkreis kommuniziert in letzter Zeit sehr oft das Thema Frustration als maßgeblich in der Hundeerziehung.


    Und ja, man kennt das auch: wirklich jede Person hat zumindest schon mal in einer Hundesendung im Privatfernsehen gehört, dass ein Hund Frustrationstoleranz lernen müsse.

    Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr zweifle ich das als Credo an und würde mich gern darüber austauschen.

    1.) Habt ihr mit euren Hunden "Frustrationstoleranz" geübt?


    2.) Waren sie da noch jung oder schon erwachsen?


    3.) Wie habt ihr das getan?


    4.) Habt ihr das Gefühl gehabt, dass es etwas gebracht hat? In welchen Bereichen? In denen, in denen das geübt wurde? Oder wurde eine generalisierte Frustrationstoleranz erreicht, die sich auf andere Bereiche übertragen ließ?

    Ich habe ja irgendwie das Gefühl (als selbst schnell frustrierte Person) dass ich nicht unempfindlicher gegen Frustrationen werde, wenn sie mir häufig begegnen. Im Gegenteil, eher wird die Zündschnur bei mir kürzer, denn ich werde eben gestresster (z.B. macht mir die 17. rote Ampel eher mehr aus als die erste, erlebe ich die Ameplstrecke an 5 Tagen hintereinander bin ich keinesfalls am 5. Tag gelassener weil ich desensibilisiert bin.)
    Das war jetzt vielleicht ein komisches Beispiel aber ich halt's kurz und kontrovers, meiner Erfahrung nach stößt das auf mehr Resonanz. ;)

    Wie unterschiedlich Hunde sein können - Nastro wäre so geflasht, dass ich seine Erregung teile. Das High würde er nie vergessen und immer wieder suchen.

    Aber cool, dass ihr einen Weg gefunden habt.

    Ja, das glaube ich, dass das nicht für alle Hunde funktioniert. Bei ihr hat es die Erregung natürlich auch erst mal gesteigert, ich hab aber irgendwie einen Fuß in die Tür bekommen. Sie wollte dann eben, dass ich mitmache, denn das war dann ja noch aufregender. Und so konnte ich sie dazu bringen, mich abholen zu wollen. Und inzwischen bleibt sie halt nach dem ursprünglichen "mich abholen" einfach bei mir. Da hat es tatsächlich geholfen, dass sie erst mal dachte, wir wären jetzt brothers in crime. Ich hab so die Verhaltenskette ganz anders modellieren und bis jetzt schon ein gutes Stück in meine Richtung verlagern können.

    Hier auch mal wieder Neues von der Terrier-Mischlingsdame Alma.
    Ich erzählte schon mal, dass sie bei Katzensichtung (aus dem Fenster in den Garten schauend) schreit und austickt.
    Verbieten brachte nicht viel und war vor allem auch nicht kontrollierbar, wenn ich nicht zuhause bin.
    Ich hab also mit ihr gejammert und aus dem Fenster gestarrt, dann hab ich nicht mehr gejammert und nur aus dem Fenster gestarrt, dann hab ich kurz aus dem Fenster geschaut und bin in einen anderen Raum gegangen und hab sie zu mir gerufen und es gab eine Belohnung.
    Inzwischen kommt sie bei Katzensichtung mit einem Fieps zu mir in einen anderen Raum, ich sage ruhig "ach, da war eine Katze?" und bestätige ruhig (verbal, mal auch mit Keks, Belohnung wurde langsam in der Erregung abgebaut) und dann ist die Sache für sie durch und sie glotzt nicht mehr aus dem Fenster. Bin ich ganz schön stolz drauf.
    Ab und zu "verbiete" ich ihr aber das aus-dem-Fenster-gucken, indem ich ihr einen Platz auf dem Sofa empfehle, damit sie dort zur Ruhe kommt.
    Sonst würde sie sich am liebsten permanent hochfahren wie ein Kind nach drei Horrorfilmen und Energydrinks.

    Im Garten hatte sie kürzlich fast eine Katze erwischt, deshalb ist da nun große Vorsicht geboten. Es wird an der Gartentür auf mein "okay" gewartet, den Garten betreten wir dann aber auch nur mit Retrieverleine, die ich fallen lasse, wenn alle Katzen in der Umgebung mitbekommen haben, dass wir jetzt da sind. Parallel üben wir Spiel und Entspannung im Garten. Entspannung mit Kauartikeln, Leckerchensuche und einfach zusammen im Gras liegen. Katzen zeigt sie an und das Stehen (und auch daran vorbeigehen) wird immer einfacher.
    Außerdem üben wir mit der Reizangel, die sie inzwischen super findet. Da darf sie mal hetzen, muss aber auf meine Freigabe warten oder zwischendurch mal kurz innehalten. Die Erregung fahren wir danach langsam runter:
    2 Min Reizangel
    2-3 Mal Apportieren
    2 Mal Apportieren und vorher auf Freigabe warten
    2 Mal versteckten Dummy suchen
    Leckerchen vom Boden suchen
    Bisschen schnüffeln
    Wieder rein

    Sie ist dadurch schon viel ansprechbarer und ruhiger im Garten geworden. Funktioniert für uns gut!

    Leider hatten wir im Urlaub im Garten (trotz aller Vorsicht) einen Tötungsdelikt, Alma hat ein junges Eichhörnchen erwischt, das war schlimm und ich hab kurz allen Willen verloren. Seit dem geht sie noch steiler auf Eichhörnchen als zuvor.
    Sie hat es auf mein "aus" direkt fallen lassen, da war es aber schon zu spät für das arme Ding.
    Nun haben wir hier jede Menge mit Eichhörnchen zu tun und üben auf dem nahegelegenen Friedhof ähnlich wie im Garten, viel sitzen und Ruhe reinbringen. Hier fange ich aber wieder von vorne an, was heißt, dass ich ihren Sichtlaut (der vielleicht auch eher ein Frustrationslaut ist) bestätige, solang sie noch steht und nicht in die Leine springt. Alma zeigt danach auch recht schnell eine Umorientierung zu mir, das hat sie aus der Katzenlernerfahrung wahrscheinlich übertragen. Wir haben da noch einen ganzen Weg zu gehen aber ich habe eigentlich ein großes Glück mit ihr, dass sie so sensibel ist und grundsätzlich Bock auf Kooperation hat. Für einen Terrier ist sie wirklich sehr 'weich', würde ich einschätzen. Hab da aber keine nennenswerten Vergleichsparameter.

    Seit Monaten versuche ich nun einen Termin bei der wunderbaren Anja Fiedler zu bekommen, leider bekomme ich auf meine Mails keine Antwort. Wahrscheinlich ist die Gute völlig ausgebucht. Aber ich muss sagen, dass ihre Webinare mir auch in vielerlei Hinsicht weiterhelfen und auch erschwinglich sind.

    Wisst ihr übrigens, was ich an diesem Forum so liebe? Auch wenn hier oftmals rauer Wind weht, ist es nicht schön, wie gut sich hier die meisten Menschen ausdrücken können.