Beiträge von Amica93

    eine offensichtliche Drohgeste hat meine Hündin aber jetzt nicht gezeigt. Also irgendwie Zähne fletschen, Knurren oder Ähnliches.

    Gerade bei fein kommunizierenden Hunden muss eine Drohgeste nicht immer für uns offensichtlich sein. Ich hab hier auch so ein Exemplar sitzen (Kooikerhondje, auch bekannt für sehr feine Kommunikation). Er knurrt so gut wie nie (hat eigentlich erst in den letzten zwei Jahren gelernt, dass das eine Option sein kann). Sein Zähnefletschen ist eher ein zartes Zucken der Lefzen, das man nur sieht, wenn man wirklich drauf achtet. Sein Drohen war lange Zeit lediglich ein kurzes Steif-Werden und eben ggf. dieses leichte Lefzenzucken. Darauf erwartete er innerhalb von ein, zwei Sekunden eine Reaktion, ansonsten ging er drauf los. Sowas kann durchaus "normal" sein, steigert aber natürlich leider das Risiko für ernsthaftere Auseinandersetzungen, weil wir Menschen diese Signale oft gar nicht wahrnehmen und anscheinend auch viele Hunde nicht (erst recht nicht, wenn die Sinnesorgane eingeschränkt sind).

    Mal davon abgesehen, dass mein Vertrauen in sie jetzt ziemlich erschüttert ist, hab ich Angst dass sie vielleicht wirklich was hat. Keine Ahnung irgendwelche Schmerzen, Gehirntumor, was weiß ich…

    Werd das auf jeden Fall auch mit unserer TÄ besprechen.

    Muss nicht sein, kann aber sein. An sowas Katastrophales wie einen Gehirntumor würde ich erst mal noch nicht sofort denken. Schmerzen könnte ich mir schon eher vorstellen; erfahrungsgemäß würden mir da als Erstes der Bewegungsapparat und die Zähne einfallen (bei Letzterem unbedingt auch Röntgenbilder machen lassen!). Sollte sich das Verhalten wiederholen, vielleicht auch gegenüber anderen Hunden plötzlich gehäuft auftreten, könnte man auch noch mal an die Schilddrüse denken. Das ist aber ein ganz schöner Aufwand (dafür braucht man i. d. R. einen spezialisierten Tierarzt für Verhaltenstherapie) und darauf würde ich mich nach einem einmaligen Vorfall noch nicht direkt versteifen. Nur wenn sie dir ab jetzt irgendwie grundsätzlich und dauerhaft verhaltensverändert vorkommt.

    Was ich zum jetzigen Zeitpunkt machen würde:

    - Hunde bis auf Weiteres konsequent trennen (geschlossene Türen, Tür-/Welpengitter, Leine).

    - Den Haustierarzt draufschauen machen, insbesondere in puncto etwaige Schmerzen (s. o.) sowie natürlich Aspekte, die ihm vielleicht noch einfallen.

    - Sofern noch nicht geschehen, Maulkorbtraining starten und zügig vorantreiben (bei Unsicherheit unter Anleitung eines Trainers).

    - Einen Trainer zurate ziehen, der sich die Interaktion der beiden Hunde mal anschaut. Gute(!) Hundetrainer können auch aus einer "normalen" Interaktion (also ohne Konflikt, ggf. sogar ohne direkten Kontakt der Hunde miteinander) schon viel herauslesen. Sind beide entspannt miteinander oder fixieren sie sich z. B. in bestimmten Situationen? Suchen sie gegenseitige Nähe oder sucht einer (oder beide) Abstand vom anderen...? Aus feinen körpersprachlichen Nuancen können Experten oft schon viele Rückschlüsse darauf ziehen, wie das Verhältnis der beiden Hunde wirklich ist - und das kann ganz anders sein, als es auf einen Laien wirkt.

    Mein Rico hat das im Moment auch. TA tippte erst auf Giardien, die vom Immunsystem noch halbwegs "in Schach gehalten" werden. Hat sich aber nicht bestätigt. Sein Vorschlag war jetzt folgender:

    1) Futter umstellen, am besten auf "Sensitive" mit anderer Proteinquelle als bisher.

    2) Falls das nicht hilft, Darmsanierung mit Pro- und Präbiotika.

    3) Falls das auch nicht hilft, Test auf virale/bakterielle Magen-Darm-Erreger.

    Hab jetzt gerade auf Sensitive-Futter umgestellt, mal schauen, ob das reicht.

    Hat sie denn ihr Futter sonst immer problemlos gefressen? Wenn ja, ist das ja schon eine deutliche Auffälligkeit. Bzw. würde ich das dann evtl. schon als Appetitlosigkeit werten, im Sinne von "besondere Leckereien gehen wohl noch, aber das Normale mag ich nicht fressen".

    Ist ihre Verdauung (Kotabsatz) denn unauffällig?

    Hast du mal versucht, auf ein anderes Hauptfutter umzustellen?

    Ich denke, ich würde mir eine Zweitmeinung einholen, sofern der Tierarzt nicht plausibel begründet hat, inwiefern er diese Symptome als "normal" ansieht. Aber vielleicht melden sich ja auch noch erfahrenere User, die dieses Phänomen kennen.

    Hat er denn begründet, inwiefern das "normal" sein soll? Muss sie sich erst an die Medikation gewöhnen oder soll diese Symptomatik insgesamt bei herzkranken Hunden normal sein (trotz Medikamenten)...? :denker:

    Die "Wetterfühligkeit" mag man ja hinnehmen, aber mir käme die Appetitlosigkeit zusammen mit dem "Wasserbauch" komisch vor.

    Ich kann Frau Christiane Wergowski empfehlen, die sitzt zwar nicht in deiner Nähe, bietet aber Fernberatung an. Du müsstest dann ggf. Untersuchungen bei deinem Haustierarzt durchführen lassen und ihr die Ergebnisse zusenden. Sie ist, soweit ich weiß, auf Schilddrüsenproblematiken spezialisiert, hatte bei meinem Hund aber durchaus auch andere mögliche Ursachen im Blick.

    Zusätzlich würde ich noch einen Tierverhaltenstherapeuten hinzuziehen. Bei uns griffen diese beiden Bausteine sehr gut ineinander und haben uns bei einer zwar anders gearteten, aber ebenfalls sehr schweren Verhaltensproblematik echt gut geholfen.

    Alles Gute für dich und deine Hündin! :kleeblatt:

    Millie hat leider eine Sozialisierung nicht erfahren können, da sie aus einem griechischen „Shelter“ stammt und wir sie mit circa 3-4 Monaten von einer Organisation adoptiert haben.

    Dann könnte das ja schon eine Erklärung sein.

    Mangelnde Sozialisation (immer gleichbleibende Umgebung in der kritischen Lebensphase) plus vielleicht ein allgemein unsicherer Charakter - da passt es aus meiner Sicht schon, dass da so ein "unflexibles" Verhalten bei herauskommt.

    Ich würde dem einfach nachgeben und ihr durch Routinen das Leben so angenehm wie möglich gestalten.

    „Ist das normal??“

    Oder habe ich‘s vermasselt???

    "Normal" im Sinne von "so verhalten sich die meisten Hunde" ist das sicherlich nicht.

    Ob du's vermasselt hast... ist natürlich schwer zu sagen. Ich könnte mir vorstellen, dass Millie nicht optimal sozialisiert wurde, was fremde Umgebungen angeht. Wie schätzt du denn ihre Zuchtstätte ein? Wurden dort Ausflüge mit den Welpen gemacht? Es könnte ja sein, dass sie in der Sozialisierungsphase entweder unter- oder überfordert wurde, was fremde Umgebungen bzw. Routinen (und Abweichungen von diesen) angeht. Das könnte sowohl beim Züchter als auch bei euch als Welpenbesitzern suboptimal gelaufen sein.

    Muss aber nicht so sein. Es könnte auch gesundheitliche Ursachen haben, oder es ist einfach ihr Charakter. Die Aussie-Hündin meiner Eltern ist da z. B. auch ähnlich, nur dass sie nicht zögerlich wird, sondern komplett kopflos und hektisch. Sie ist ganz eindeutig am glücklichsten, wenn sie jeden Tag immer genau dieselbe Strecke läuft. Dabei haben sowohl die Züchter als auch wir uns Mühe gegeben, sie als Welpe an unterschiedliche Umgebungen zu gewöhnen, ohne sie dabei zu überfordern. Nur geklappt hat das irgendwie nicht... :woman_shrugging: Ich glaube, es gibt schon Hunde, die charakterlich einfach so sind - was aber nicht heißt, dass ich das Verhalten vorschnell als "ist halt so und kann man nix machen" abstempeln würde.

    Unglaublich, dass die Schilddrüse solche Verhaltensänderungen auslösen kann.

    Ja, absolut! Wobei ich schon denke, dass es bei Rico die sehr unglückliche Kombi aus Schilddrüse und (wer weiß wie lange unerkannten... :crying_face:) Zahnschmerzen war, die diese extreme Verhaltensreaktion hervorgerufen hat. Ob (und wenn ja, wie) diese beiden Erkrankungen zusammenhängen könnten, konnte mir bisher niemand beantworten. Vielleicht hatten wir einfach unendliches Pech...

    Aber in jedem Fall spielt die Schilddrüse eine immense Rolle, denn bis heute merkt man ihm verhaltenstechnisch deutlich an, ob die SD gut eingestellt ist oder nicht. Körperliche SD-Symptome wie schlechtes Fell oder so hat er übrigens gar nicht; das Einzige, was ich gemerkt habe, war, dass er unter der SDU stets etwas mehr wog als sonst, und jetzt endlich sein Optimalgewicht wiederhat.

    Wünsche euch weiterhin alles Gute.

    Vielen lieben Dank! :kleeblatt:

    Mir kommen da sofort zwei, drei andere Geschichten aus'm Forum ins Gedächtnis wo der Hund urplötzlich massiv (wegen Krankheit etc) gegen Familienmitglieder gegangen ist (ihr seid damit also keinesfalls alleine möchte ich sagen! Auch wenn man sich in dem Moment vermutlich so unfassbar hilflos und allein fühlen muss)

    Oh ja, man fühlt sich echt so hilflos und allein... Ich habe wochenlang darauf gewartet, aus diesem Alptraum aufzuwachsen, weil ich immer dachte, dass kann doch irgendwie nicht die Realität sein...

    Dass es auch andere Betroffene gibt, ist zwar einerseits irgendwie tröstlich, andererseits aber auch beängstigend, weil es ja bedeutet, dass das Risiko, dass uns sowas noch einmal passieren könnte, vermutlich doch größer als 0,0000001% ist...

    Bei Chap hat damals mal jemand die "Cocker Wut" in den Raum geworfen ... aber ich kam dann gar nicht mehr dazu weiter zu recherchieren...

    Da hatte mein Haustierarzt auch ganz kurz dran gedacht - quasi laut denkend - das dann aber direkt wieder verworfen. Leider erinnere ich mich nicht mehr genau an seine Argumentation. Ich meine, zum einen sei die Cockerwut extrem selten geworden und zum anderen würden die Symptome nicht so richtig passen. Bei der Cockerwut sei es wohl so, dass der Hund anfallsartig um sich beißt, und Rico hat ja zu jedem Zeitpunkt sehr deutlich differenziert, wen er gerade angreift, und sich gleichzeitig ja von anderen Personen sogar noch halbwegs lenken lassen... Ich meine, das war es, was für den Tierarzt daran nicht passte.

    Darf ich fragen, warum du nicht mehr dazu kamst, weiter zu recherchieren? Und magst du allgemein ein bisschen mehr von deinem Chap erzählen, zum Beispiel, wie ihr zu ihm gekommen seid?

    Bei Chap wurde uns auch von mehreren Seiten zum Einschläfern geraten. Das muss man erstmal sacken lassen dass man da einen Hund vor sich sitzen hat den andere Menschen als so schlimm und gefährlich und v.a. unberechenbar erachten dass er verschwinden soll...

    Ja, das ist echt mega heftig. Selbst unser Tierverhaltenstherapeut hat das als Option in den Raum geworfen, sollten wir keinen "Fuß in die Tür" bekommen. Ich muss aber sagen, dass der Gedanke zu unseren schlimmsten Zeiten auch für mich nicht ganz abwegig war. Mir war völlig klar, dass ich meiner Familie diese furchtbare Situation nur für einen sehr begrenzten Zeitraum zumuten konnte, und mir selbst ging es noch nie in meinem Leben psychisch so schlecht wie damals. Natürlich hätte ich alternativ auch über eine Abgabe nachgedacht, aber wer nimmt so einen Hund...?

    Oh Mann, ich könnte jetzt noch heulen, wenn ich darüber nachdenke, und bin unendlich froh, dass wir einen Weg da raus gefunden haben!

    Dein Gefühlschaos muss unendlich groß gewesen sein! Großen Respekt auch an deine Eltern und deinen Freund... an sowas zerbrechen ja leider nicht selten Beziehungen..

    Ihr alle könnt wirklich unendlich stolz auf euch sein! Es ist keineswegs selbstverständlich dass Menschen so einen Aufwand für ihren Hund betreiben bzw bis weit über die eigene Schmerzgrenze hinaus dranbleiben.

    Vielen vielen lieben Dank, das bedeutet mir sehr viel! :smiling_face_with_hearts:

    Ich bin meinen Lieben auch unendlich dankbar und auch wahnsinnig stolz auf sie. Dieser Zusammenhalt und dieses Durchhaltevermögen angesichts der enormen Belastung sind wahrlich nicht selbstverständlich und nichts, was man von seiner Familie einfach erwarten kann.

    Er hat eine unfassbare Bewegungs- und Unternehmungsfreude und begleitet und bei fast allen Freizeitaktivitäten. Eigentlich ist er tatsächlich so wie es in den Rassebeschreibungen steht. Er ist sehr eng mit der Familie, aber legt nicht viel Wert auf Fremde. Mit Menschen, die er etwas genauer kennt oder öfters gesehen hat, freundet er sich durchaus an. Leckerlis können das schon etwas beschleunigen. :winking_face: Er ist sehr intelligent, lernt gerne und schnell und braucht entsprechend auch geistige Auslastung.

    Ich freue mich für dich, dass du so einen unkomplizierten Kooiker hast! Die oben aufgeführten Eigenschaften bringt mein Rico auch mit und ich liebe sie! :smiling_face_with_heart_eyes:

    Wir haben zwei Züchter und deren Hunde persönlich kennengelernt, die beide schon sehr lange züchten. Die Hunde waren durch und durch wesensfest. Vielleicht liegt es daran, dass diese Züchter jahrelange Erfahrung haben und wissen, was sie tun.

    Genau diesen Eindruck hatte ich von Ricos Züchter und dessen Hunden auch. Da war von Aggression oder auch nur übertriebener Nervosität absolut nichts zu merken. Okay, keiner der Hunde hat sich uns Besuchern an den Hals geworfen, aber nachdem wir kurz gemeldet wurden, entspannten sich alle Hunde (immerhin acht oder zehn) sehr schnell von alleine und flätzten sich im Haus auf diverse Kissen, Decken und Sessel. :smiling_face_with_halo:

    Wie gesagt, vor seiner Erkrankung empfand ich Rico auch als einen ziemlich alltags- und mitnehmtauglichen Hund, einzig seine doch ziemlich starke Unverträglichkeit gegenüber Fremdhunden war manchmal einschränkend, v. a. was enge und/oder statische Situationen wie Restaurantbesuche u. Ä. anging (war ein fremder Hund mit im selben Raum, wars halt unentspannt). Aber sonst... Ich werte unsere Geschichte im Wesentlichen schon als richtig unglücklichen Schicksalsschlag. Andererseits denke ich schon, dass ein Labrador mit denselben Erkrankungen möglicherweise nicht so extrem reagiert hätte...

    So, weiter geht's.

    Der Check beim Haustierarzt ergab erst mal nichts. Blutwerte schienen alle okay, keine Schmerzempfindlichkeiten im Bewegungsapparat festzustellen, Zähne schienen okay (Rico hatte erst zwei Monate zuvor eine Zahnsanierung gehabt)... Mein Haustierarzt setzte sich dann nachträglich noch mal hin, überlegte und recherchierte, was noch dahinterstecken könnte: Serotoninmangel, Toxoplasmose, eine seltene Erbkrankheit, deren Namen ich gerade vergessen habe, bei der das ZNS angegriffen wird... Alles getestet, alles negativ. Zum Schluss riet er mir zum MRT in der Tierklinik, weil er sich die Problematik eigentlich nur noch durch einen Hirntumor erklären konnte.

    Parallel zu den Gesprächen mit dem Tierarzt kontaktierte ich einen Tierverhaltenstherapeuten. Der war allerdings ziemlich ausgebucht; gab mir aufgrund der Heftigkeit unseres Problems zwar einen Termin, allerdings erst ca. sechs Wochen später.

    In der Zwischenzeit passierten weitere Vorfälle. Zuerst ging Rico auf die Hündin meiner Eltern los, mit der er aufgewachsen und sechs Jahre lang ein Herz und eine Seele gewesen war. Verletzungen konnten zum Glück verhindert werden, da er sich wohl durch strenges Einschreiten einschüchtern ließ, aber er muss wohl ziemlich massiv aufgetreten und ihr auch hinterhergegangen sein, als sie versuchte, die Flucht zu ergreifen. :weary_face: Ein paar Tage später griff er dann meine Mama an. Auch hier ohne Verletzungen durch entschiedenes Eingreifen einer dritten Person. Aber dennoch... Es wurde immer fürchterlicher. Mein Hund griff scheinbar unberechenbar Bezugspersonen an und keiner konnte sich den Grund erklären. Alle hatten Angst vor Rico. Ich entschied, dass bis auf Weiteres außer mir niemand mehr mit ihm Umgang haben sollte, weil ich das nicht verantworten konnte. Zu mir nach Hause holen ging wegen meines Freundes aber ja auch nicht... Also bekam Rico im Haus meiner Eltern ein Zimmer zugewiesen, wo er bleiben musste, und ich fuhr so oft und so lange ich konnte hin, um ihm Gesellschaft zu leisten und mich um ihn zu kümmern. Für jeden Spaziergang, für jedes Pipi und immer, wenn er in seinem Zimmer weinte oder bellte... Zehn Kilometer einfache Strecke. Es war der Horror.

    Zusätzlich entwickelte er draußen Panikattacken aufgrund von winzigen (z. B. das leise Brummen eines Flugzeugs am Himmel) oder sogar für mich gar nicht wahrnehmbaren Auslösern. Bald hatte ich das Gefühl, mit ihm nicht einmal mehr spazieren gehen zu können. :crying_face: Er tat mir so leid, aber ich war auch so hilflos und hatte solche Angst.

    Ein paar Tage später war der MRT-Termin. Gehirn und Rückenmark wurden komplett gescant - ohne Befund. Man bot mir an, den Hund einzuschläfern, denn er sei ja wohl richtig gefährlich und irgendetwas stimme ja gesundheitlich definitiv nicht, auch wenn es nicht diagnostizierbar sei. Aber ich war noch nicht bereit, diesen Schritt ohne Diagnose zu gehen.

    So weitergehen konnte es allerdings auch nicht. Deshalb meldete ich mich nochmals bei dem Tierverhaltenstherapeuten und fragte vorsichtig nach einem früheren Termin, da die Situation für uns und Rico nicht mehr tragbar sei. Tatsächlich rief er mich direkt am selben Tag zurück und nahm sich zwei Stunden Zeit. Neben einigen Erste-Hilfe-Tipps äußerte er die Vermutung entweder einer Zahn- oder einer Schilddrüsenproblematik. Daher verwies er mich an eine Tierärztin für Verhaltenstherapie, die zwar weit von mir entfernt ist, aber telefonische Beratung anbietet. Auch dort bekam ich zum Glück schnell einen Termin. Sie fragte auch im Wesentlichen nach den Zähnen und nach der Schilddrüse. Mein Haustierarzt hatte im Blutbild nur den T4 erfasst, der lag bei 2. Die Verhaltenstierärztin meinte, das sei zwar in der Norm, aber sie kenne diverse Hunde, die mit einem solchen Wert durchaus ernste Probleme hätten. Sie bräuchte aber ein komplettes Schilddrüsenprofil, um das wirklich zu beurteilen. Außerdem Röntgenbilder des Kiefers und einen Test auf Mittelmeerkrankheiten.

    Mein Haustierarzt war zum Glück bereit, das alles zu machen. Und tatsächlich: Auf den Röntgenbildern zeigten sich zwei gebrochene Zahnwurzeln! Das erwischte mich komplett kalt, denn zum einen hatte ich keinen Schimmer, wie/wann Rico sich diese Verletzung zugezogen haben könnte, und zum anderen hatte er nie Anzeichen für Zahnschmerzen (schlecht fressen, Kauartikel verschmähen o. Ä.) gezeigt. Natürlich wurden die betroffenen Zähne noch in derselben Narkose entfernt.

    Weniger angetan war ich zwei Tage später von dem "Schilddrüsenprofil", denn es waren nur drei Werte bestimmt worden. Ich konnte zu dem Zeitpunkt mit den Werten noch nicht so viel anfangen, aber der T4 lag nun nur noch bei 1,7.

    Der Verhaltenstierärztin reichten diese drei Werte erwartungsgemäß nicht, also noch eine Blutentnahme, diesmal wirklich für das große Schilddrüsenprofil. T4 inzwischen nur noch bei 1,2. Es wurde eine Schilddrüsenunterfunktion, vermutlich autoimmun, diagnostiziert.

    Ich ging auf dem Zahnfleisch, aber wenigstens hatten wir eine Diagnose. Mein Haustierarzt war zum Glück bereit, mir Forthyron zu verkaufen, auch wenn er mir offen sagte, dass er an die Sache mit der SDU nicht glaube. Aggression sei kein typisches Symptom dafür. Aber er tue alles, was mir Hoffnung mache, Rico das Leben zu retten.

    Die Einstellung der Schilddrüsenhormone war zäh und zog sich über ein Jahr hin. Meist zeigte sich nach Dosiserhöhung für ca. zwei Monate eine spürbare Besserung in Ricos Verhalten, dann ging es wieder bergab. Parallel zu der Medikation machten wir eine Verhaltenstherapie. Es war zäh, aber es ging bergauf. Nach einigen Wochen konnten meine Eltern wieder die grundlegende Versorgung übernehmen, sodass ich nicht mehr x-mal am Tag herkommen musste. Irgendwann konnten wir vorsichtig versuchen, die Hunde wieder miteinander zu vergesellschaften, zuerst auf Leinenspaziergängen, dann im Garten, dann im Haus. Die Hündin meiner Eltern war lange Zeit sehr misstrauisch und leider gab es auch immer wieder mal den einen oder anderen Rückschritt (zum Glück aber immer ohne Verletzungen).

    Am langwierigsten war es erwartbarerweise mit meinem Freund (der mich trotz dieser Umstände zwischenzeitlich heiratete :sparkling_heart:). Da saßen die seelischen Wunden auf beiden Seiten ganz offensichtlich am tiefsten und auch da gab es immer wieder Rückschritte, wenn Rico wieder mal einen "Schilddrüsen-Schub" hatte. Aaaber langsam, mit vielen Tiefschlägen zwischendurch, die aber immer "milder" wurden, arbeiteten wir uns bergauf. Zuerst gingen wir mit Abstand spazieren, dann zunehmend enger zusammen. Irgendwann konnte mein Mann mit Rico bekannte Tricks abrufen. Erst "Distanztricks", später sogar solche wie den Handtouch. Schwierig war es lange Zeit in Situationen, in denen Rico "einfach da sein" sollte. Also z. B. wir trinken Kaffee und er hatte keine klaren Anweisungen, was er tun soll. Hier hatte ich dann die Aufgabe, mit ihm zwar Handlungsoptionen zu shapen, aber eben keine klaren Kommandos zu geben, weil ja das Ziel sein sollte, dass Rico nicht dauerhaft konkrete Anweisungen braucht, sondern auch selbst entscheiden kann, was er jetzt Sinnvolles tun könnte. Es dauerte, aber es funktionierte. Inzwischen können wir sowohl im Garten als auch im Haus zusammensitzen und Rico ist entspannt. Und - *Trommelwirbel* - seit einiger Zeit kommt Rico sogar von sich aus zu meinem Mann und lässt sich von ihm streicheln! :partying_face:

    Es war ein unfassbar langer Weg, an dessen Ende wir auch immer noch nicht angelangt sind. Aber Stand jetzt ist Rico seit einem Dreivierteljahr mit seiner Forthyron-Dosis stabil und ist in den meisten Situationen wieder ganz der Alte. Leider nicht zu 100%... mit der Hündin meiner Eltern gerät er weiterhin manchmal aneinander, vor allem, wenn es um Futter geht. Eine Ressourcenaggression hatte er früher höchstens gegenüber Fremdhunden. Aber immerhin kann man das recht gut managen. Und obwohl er sich so gut macht, ist das Vertrauen in ihn einfach nicht mehr in dem Maße vorhanden wie früher, denn die ganze Geschichte hat uns auch ein Stück weit traumatisiert. Aber Rico kann wieder weitestgehend wie ein ganz normaler Hund am Familienleben teilnehmen, wir machen inzwischen wieder Agi-Gruppentraining und haben trotz aller weiterhin gebotener Vorsicht wieder Spaß an und mit ihm. Ich bin unserem Verhaltenstherapeuten und der Tierärztin so wahnsinnig dankbar, dass sie uns auf diesem Weg begleitet und Rico dadurch das Leben gerettet haben. Eine ganze Zeitlang hätte niemand in meiner Familie für möglich gehalten, dass wir das schaffen können.


    Tja, also meine Erfahrungen mit Kooikern... Ich liebe diese Hunde. Nach wie vor. Aber einfach war Rico schon vor seiner Krankheitsgeschichte nicht, und wenn ich lese, was für Probleme viele Besitzer mit ihren Kooikern haben, ohne dass diese eine (diagnostizierte) Erkrankung haben, denke ich, dass sich in der Zucht und vor allem auch in der Kommunikation der Züchter einiges ändern muss. Aus meiner Sicht sind Kooiker keine unkomplizierten Überall-dabei-Familienhunde - als solche werden sie aber leider immer wieder verkauft. Das finde ich hochproblematisch und würde mir da mehr Offenheit und Problembewusstsein wünschen.

    So, Ende des Romans. :smiling_face_with_halo:

    Danke, falls ihr bis zum Ende durchgehalten habt.

    Liebe Grüße

    Amica