Vielleicht bringen Dir ein paar Gedanken zu meinem Border Collie noch eine weitere Perspektive, dabei will ich nichts empfehlen, ich kenne Euch ja nicht. Einfach ein paar Ansätze von uns damals:
Leo kam 5jährig aus dem Tierheim zu mir, er hatte Probleme mit Menschenbegegnungen, die er nach vorne gelöst hat, und vor allem hat er sich wahnsinnig gerne in einen Erregungstunnel geschossen. Bei ihm waren die größten Auslöser Vögel am Himmel, sich im Wind bewegende Äste, überhaupt Wind. War er im Tunnel, dann war er nicht ansprechbar, ist gerannt, hat in (zu) hohen Tönen dauergekläfft. Noch im Tierheim konnte er die Sucht nach Bewegung nicht umsetzen und hat dann oft nur die Wand angebellt in diesen für ihn zu schrillen Tönen.
Das Problem mit Menschenbegegnungen war nicht aufregungsbedingt, da konnte ich ihm einfach unerwünschtes Verhalten verbieten und sagen, was er stattdessen tun sollte. Aber beim Rest war es bei Leo wichtig, ihn aus diesen permanenten Rauschzuständen rauszuholen bzw. ihn gar nicht erst reinkommen zu lassen, ihn gewissermaßen auf Entzug zu setzen. Rennen bedeutete Rausch für ihn (egal ob draußen oder im Garten). Das war überhaupt nichts, was ich von heute auf morgen lösen konnte, ich glaube wir haben zwei Jahre oder so damit verbracht, dieses Abschießen seltener werden zu lassen und schließlich auf null zu fahren. Wieder ausgelöst werden konnte das im Prinzip sein Leben lang, aber längst nicht mehr so leicht.
Wie ging das: Leo durfte weder zu wenig, noch (mindestens genauso schlimm, wenn nicht schlimmer) zu viele bzw. zu lange Spaziergänge bekommen. Sie haben lange, lange ausschließlich in der Pampas stattgefunden, weil für Leo reizarm. Bei zuviel Wind sind wir nicht spazieren gegangen. Traben war gut, rennen schlecht. Extra Beschäftigung mit ihm ging, wenn überhaupt, dann nur sehr dosiert. Medical Training war mein Hauptaugenmerk, weil das nötig war bei ihm; er hat auch gelernt, zu apportieren, aber gerade letzteres war mit Vorsicht zu genießen. Alle Beschäftigungsarten, die was mit Bewegung zu tun hatten, waren schnell zuviel für Leos Nerven. Insgesamt war echter Bedarf an Beschäftigung ziemlich klein bei ihm, weil er soviel damit zu tun hatte, Alltag zu lernen und auszuhalten und zu leben.
Bei dem Ganzen war Leo selbst meine allerwichtigste Rückmeldung zu jeder Zeit. Wenn er dicht gemacht hat, auch nur ansatzweise, hab ich ihn sofort aus den vorhandenen Reizen rausgenommen, weils offenbar davor schon zuviel war. Also Hund wird einen Hauch hektisch z.B. beim Dummytraining? Sofort aufhören. Er hat keine Lust auf tricksen? Dann war er schon weit drüber. Spaziergang, und er wird irgendwann spannig dabei? Sofort abbrechen. Es gab auch Situationen, in denen ich ihn dann einfach auf den Schultern getragen habe, weil genau das ihm geholfen hat, nicht selber in Bewegung sein zu müssen und sich z.B. mit Wind und aufgewirbelten Blättern auseinandersetzen zu müssen. Dann habe ich anhand dieser Rückmeldungen natürlich auch den Alltag immer wieder angepasst, Dauer der Spaziergänge etc.
Bei Leo war der "Fuß in der Tür", so wenig Situationen wie nur möglich zu erleben, in denen er irgendwas im Rausch getan hat. Jedes sinnlose Gerenne, jede kopflose Aktion, jedes nicht-zuhören-Können habe ich so oft wie nur irgend möglich vermieden. Echte Lerninhalte gabs nur in winzigen, winzigen Einheiten, und nur in richtiger Entspannung. Mit "winzige Einheit" meine ich sekundenweise. Einmal kurz was zusammen gemacht, Mini-Erfolgserlebnis, sofort fertig. Keine Aufregung, keine weitere Erwartung. Das war anfangs für ihn noch verarbeitbar und nicht mit Stress verbunden. Später ging dann auch etwas mehr.
Ich wünsch Euch, dass Ihr einen guten Weg für Euch findet!