Beiträge von tassut

    Ich hatte heute eine kurzsichtige Wildbiene auf Wohnungssuche zu Gast. Anders kann ich mir nicht erklären, dass sie sich irgendwie beim Gassigang mit Lilli zwischen meinen Zehen durch unter meinen Fuß quetschen musste, um dort zu schauen, ob der Platz ihrer Vorstellung von 5-Zehen-Altbauwohnung entspricht. Tat er nicht, und ihren Unmut über die beengten Verhältnisse hat sie dann auch sehr direkt bekundet. Immerhin: ich hab sie irgendwie da rausbugsiert, und sie hat zwar noch ein bisschen außerhalb meines Fußes weitergemotzt, aber sie schien durchaus quicklebendig. :nicken:

    Welche Schlüsse ziehst du/zieht ihr denn aus diesen Grundlagen, die als Basis für eine Definition von "Angemessenheit im Verhalten" für unsere Haushunde gelten könnten?

    Da kann ich jetzt natürlich nur von mir reden: ich halte diese von Dir beschriebenen Grundlagen im Wolfsverhalten für ungeeignet, um auch als Basis für eine Definition von "Angemessenheit" im Verhalten von Haushunden zu dienen. Das liegt vor allem daran, dass Hunde in aller Regel nicht über alle Mittel des Deeskalierens verfügen können: die Hundedichte ist viel größer, ihre Kommunikation ist eingeschränkt u.a. durch die Leine, sie können bei Konflikten nicht bei Bedarf abwandern und sich ein neues Territorium/Rudel suchen, sie haben bereits entsprechende Lernerfahrungen gemacht aufgrund dieser Lebensumstände, uvm.

    Schau ich mir umgekehrt an, wie Wölfe sich in Gefangenschaft verhalten, in der sie ebendieser Deeskalationsmethoden beraubt sind aufgrund der Enge, dann ist dort ebenfalls ein deutlich gesteigertes Stresslevel und Aggressionsverhalten zu beobachten im Vergleich zu freilebenden Wölfen.

    Darum komme ich für mich zu dem Schluss, dass ich "Angemessenheit" im Aggressionsverhalten zwischen freilebenden Wölfen und Haushunden nicht vergleichen kann, weil die Voraussetzungen zu verschieden sind.

    Es gibt aber keine Möglichkeit, die Bedingungen dahingehend anzugleichen, dass alle Hunde auch die gleichen Ausgangsvoraussetzungen haben, z. B. hinsichtlich Aufzucht und Lernerfahrungen.

    Würdest Du denn dann unterschiedliche "Angemessenheitsgrenzen" festlegen je nach Aufzucht, Rasse, Lernerfahrungen,...?

    Verstehst du mein Problem mit deinen Grafiken?

    Meine Grafiken waren ja bewusst sehr vereinfacht gehalten, darum versteh ich auch jede Kritik daran. Sie können in meinen Augen dennoch eine Idee geben, nach welchen Kriterien man "Angemessenheitsgrenzen" festlegen kann, das war schon meine ganze Intention dabei.


    Mir fällt es nach wie vor schwer, überhaupt eine solche Grenze irgendwo generell festzulegen. Für mich ist es einfach stimmiger, das beobachtete Verhalten zu beschreiben, ohne es noch einer Wertung (angemessen/unangemessen) zu unterziehen.

    Oder hat nicht vielleicht zuvor der Rüde ihre Individualdistanz unterschritten, weshalb sie der Meinung ist, ihn anzublaffen?

    Da bin ich ganz Deiner Meinung, es kommt auf den Kontext an, welches Verhalten "angemessen" ist. (Mit ein Grund, warum ich von dem Wort "angemessen" in diesem Zusammenhang generell nicht überzeugt bin.)

    Hier gings in dem Fall um einen "genormten" Versuch, denn sonst ist Verhalten schlecht vergleichbar.

    D.h. , es wird also zu jedem Hund ein Ethnogramm gemacht und aufgeschrieben, wie oft er welche Intensität an aggressivem Verhalten zeigt?

    Gut, dass wir drüber reden, Missverständnisse passieren so schnell: nein, mit meinen Schaubildern wollte ich was anderes darstellen. Wir reden ja darüber (glaub ich :D ), welches Verhalten bei Hunden generell "angemessen" ist. Dafür schaue ich mir in der gleichen, "genormten" Situation an, in welcher Form viele, verschiedene Hunde jeweils auf diese Situation reagieren.

    Diese Reaktionen schreibe ich mir alle auf. Hund 1 nimmt Hund 2 gar nicht zur Kenntnis. Hund 1 hebt die Rute, wendet aber gleichzeitig den Kopf ab, Ohren gehen zurück. Hund 1 wird steif und knurrt. Hund 1 sieht anderen Hund und rennt sofort hin, um direkt in Tötungsabsicht zuzubeißen. Hund 1 sieht anderen Hund und rennt sofort hin mit Imponiergehabe. Hund 1 wedelt mit lockerer Rute. Hund 1 legt sich in Lauerstellung auf den Weg. Hund 1 geht in den Konflikt, es entstehen Schrammen auf beiden Seiten. Und so weiter. Viele, viele Versuche.

    Dann sortiere ich die beobachteten Reaktionen nach Intensität der gezeigten Aggression und ordne dem Verhalten jeweils zu, wie viele Hunde dieses Verhalten gezeigt haben.

    Ist das so besser verständlich?

    Hund 1 zeigt weniger Aggressionsverhalten als Hund 2, weil Hund 2 sich nicht nur auf Rüden beschränkt, meintest Du das?

    Nein, meinte ich zwar nicht, könnte aber so aus den vorliegenden Informationen abgeleitet werden.

    Dann differenziere ich noch mal weiter: Hund 1, die Zicke, zeigt ihre Zähne ind sehr kurzem Abstand zum Rüden und kommt dabei mitunter (also nicht immer) bis an die Haarspitzen des Rüden.

    Hund 2 nähert sich mit seinen Attacken bis auf 3m (ist jetzt eine willkürlich gewählte Grenze, aber nehmen wir diese mal an), und reagiert dann wahlweise mit Abbruch oder Flucht, je nach Reaktion des anderen Hundes.

    Das heißt, Hund 1 würde in Deinem Beispiel eine höhere Intensität von Aggression als Hund 2 zeigen, weil er die Individualdistanz des Gegenübers stärker unterschreitet? Dann finden sich die Hunde im Diagramm so wieder: a<2<1<3

    Welche Bedeutung hat der Scheitelpunkt bei der Gaußschen Glockenkurve?

    Das ist das Verhalten, das von den beobachteten Hunden am häufigsten gezeigt wurde.

    Wie stellt du bei dieser Kurve die Intensität der Aggression dar

    Das ist die Skala auf der x-Achse. Je weiter rechts, desto intensiver die Aggression.

    wo ist die Grenze zu "beschädigendem Verhalten", und Aggression ohne Beschädigung"

    an einer Stelle x=m

    Deine Wahl der Gaußschen Glockenkurve suggeriert übrigens eine gleichmäßige Verteilung von aggressiven Verhalten.

    Mal abgesehen davon, dass das in etwa tatsächlich meiner Beobachtung entspricht (= äußerst wenige Hunde haben Tötungsabsichten, äußerst wenige Hunde zeigen keinerlei Aggressionsverhalten, die meisten sind irgendwo dazwischen), spielt es für die Schaubilder keine Rolle. Ich habe lediglich versucht, darzustellen, wie man Grenzen für "angemessenes" Verhalten festlegen kann, in diesem Fall einmal über Häufigkeit eines auftretenden Verhaltens (Schaubild 2), und einmal über Intensität eines auftretenden Verhaltens (Schaubild 3).

    Genau darauf zielt ja offenbar auch Deine Definition von arttypischem Verhalten ab, wenn ich Dich richtig verstanden habe:

    Deeskalatives Verhalten ist weitaus häufiger bei innerartlichen Konflikten zu beobachten

    bzw. die Definition von anderen Menschen:

    Die Grenze ist "taktile Aggression"

    Das ist beides total legitim. So kann ich eine Grenze für "angemessenes" Verhalten festlegen und begründen. Ich kann genauso auch eine andere Grenze wählen und begründen, in meinem Fall wähle ich z.B. eine andere Grenze hinsichtlich der Häufigkeit, weil in meiner Interpretation der Aggressionsstatistik Aggression der Intensität x>m immer noch so häufig vorkommt, dass ich sie als signifikant einstufe. So kommen wir eben zu unterschiedlichen Bewertungen, was arttypisch oder "angemessen" ist.