und warum es wichtig ist, keine Angst vor der Angst zu haben
Sagt sie so leicht in einem Nebensatz und ist zumindest für mich das Schwierigste bei dem Thema überhaupt.
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Aus Menschenperspektive, sucht euch so schnell es geht sichere Inseln, bei denen du weißt es wird schön. Nicht nur der Hund muss Akkus aufladen, auch der Mensch. Ich fand das ganz, ganz wichtig.
Da hast Du schon weiter gedacht als ich, ich war nämlich noch bei Bangbüx selbst. Ich wüsste es zwar nicht zu belegen, bin aber ziemlich überzeugt davon, dass auch Hunde die „Angst vor der Angst“ kennen, die auch bei menschlichen Angststörungen ein Therapiehindernis bildet.
Aber ja: Auch für den mitfühlenden Menschen ist es nicht einfach und es ist wichtig, ein Auge darauf zu haben, welche Last man selbst mitträgt und wo man sich entlasten kann. Im Sinne von Mensch und Hund.
Menschen und Hunde haben die Fähigkeit, sich artübergreifend zu verständigen und die Gefühle des anderen zu erkennen. Das macht das Team so erfolgreich. Und im Schnitt sind Menschen auch empathiebegabt (mal mehr, mal weniger) und wünschen sich und möchten dazu beitragen, dass es dem Umfeld gutgeht (auch mal mehr, mal weniger). Führt dazu, dass die miterlebte Angst Leid beim Menschen aufbaut. Und den Druck, da möglichst schnell Abhilfe zu schaffen.
Und weil man halt im eigenen Kopf feststeckt und das Gegenüber noch nicht wirklich kennt, will man mit dem Abhilfe schaffen, was man selbst als angstverringernd kennt. Die Gefahr dabei ist, dass man aus dem Auge verliert, dass die eigene Wirklichkeit nicht die des Hunds ist. Liebe Threadstartende, ich finde es z. B. klasse, dass Du erkannt hast, dass Dein Hund streicheln bestenfalls duldet und auf dem Arm nicht Sicherheit, sondern Schockstarre findet. Gibt einige Menschen, die das nicht tun bzw. wenn sie es tun falsch (persönlich) verstehen.
Jetzt gilt es, herauszufinden, was ihr hilft. Und dafür muss man den o. g. Druck aushalten, sich nicht in Hektik bringen lassen, sondern genau und aus Sicht des Hunds hingucken und das eigene Verhalten entsprechend anpassen. Bin da ganz optimistisch, dass Du das hinkriegst und Vriff hat da völlig recht: Je besser Ihr zuseht, dass Ihr auch Eure Entspannungszeiten bekommt, desto besser seid Ihr dafür gerüstet. Außerdem soll ja auch eine holprig beginnende Hundehaltung nicht zur Selbstkasteiung führen.
Wie versprochen nich kurz zum Thema generalisierte Ängste und Deprivation. Wobei nochmal angemerkt ist, dass Euch das gar nicht betreffen kann.
Von einer groben generalisierten Angst, wie es bei Lilly der Fall war, würde ich persönlich sprechen, wenn der Hund als vordringliche oder gar einzige Reaktionsmöglichkeit auf einen fremden Reiz Angst bus hin zum Paniktunnel hat. Heißt, der Hund kann auf vermeintlich Bedrohliches oder sehr Fremdes nicht anders reagieren, als mit blinder Flucht, Angststarre oder Angstaggression.
Bei der „klassischen“ Angstbehandlung geht es darum, den Hund in so kleinen Schritten an die angstauslösende Situation heranzuführen, dass er beim Ertragen unterhalb des Levels gravierender Angstsymptome bleibt. Platt gesagt Gewöhnung über fein dosiertes Heranführen. Das ist auch das übliche Training.
Bei einer generalisierten Angststörung wäre mein Weg erstmal ein Anderer. Also die im zweiten Beitrag genannte Basis ist gleich. Dann ginge es mir darum, erstmal zu schauen, welches verschüttete Verhaltensrepertoire da ist und wie man den Hund dazu bringen kann, andere Reaktionen als die blanke Angstreaktion zu zeigen. Im ersten Schritt ist mir da auch erstmal nicht so wichtig, wie gesellschaftskonform diese Reaktion ist, Hauptsache, der Hund probiert was Neues aus (sieht man mal von „Menschen oder andere Mittiere fressen“ ab
Auch Aggression ist ein wichtiger und natürlicher Teil des Verhaltensrepertoires beim Caniden, aber Schaden bei Anderen zu verhindern hat Prio).
Natürlich muss das dann mit Fingerspitzengefühl geleitet werden, aber was Neues an Verhalten ist größtenteils doch erstmal ein Gewinn.
Parallel würde ich das stärken, was man heutzutags die Erfahrung von Selbstwirksamkeit nennt. Also die Erfahrung, dass man mit seinem Handeln etwas bewegen kann. Und gleichzeitig das Selbstbewusstsein im wörtlichen Sinn, denn wer seine eigene Haut gut kennt und fühlt und sich in ihr wohlfühlt, der ist nicht so in Gefahr, durch Außenreize völlig aus der Contenance gebracht zu werden. Also z. B. kleine Übungen, die der Hund versteht, mag und gut lernen kann oder schon gut kann, die Spaß machen und die von einem Erfolgserlebnis und einer Belohnung begleitet werden (auch hier wichtig: Das nutzen, was der Hund auch als Belohnung empfindet, nicht das, was man selbst gerne hätte
). Da gibts auch andere Tolls, wie z. B. konditionierte Entspannung, Thundershirt o. Ä. Wichtig: Der Hund muss es gut finden. Tut er es nicht, ist es in dieser Phase nicht Mittel der Wahl mMn.
Bei Lilly war was ganz Basales höchste Belohnung und gleichzeitig der erste Schritt zur eigenen Angstregulierung: Rennen. Dafür mussten wir erstmal rauskriegen, wann und wie sie sich draußen sicher genug fühlt (Dämmerung außerhalb vom umbauten Gebiet und menschenleer), dann konnten wir das nutzen.
Hier erstmal ein Cut, mehr gerne bei Bedarf, funk mich in dem Fall gerne kurz dazu an.
Noch zur Deprivation und ganz klar angemerkt: Davon würde ich bei Euch nicht ausgehen, die geschilderte Neugier und Bereitschaft zur Orientierung an Euch schon in der ersten Woche spricht erstmal dagegen. Aber ich will der Vollständigkeit halber darauf eingehen:
Es gibt eine eng begrenzte Phase im Leben eines Hunds, in den ersten Lebenswochen, in der das Gehirn die neuralen Verknüpfungen ausbildet, die für das Verarbeiten, Speichern und Generalisieren von Reizen zuständig sind. Also platt gesagt die Verknüpfungen, die das Lernen als Solches ermöglichen. Damit das gut gelingt, muss der Hund 1. genug Reizinput zur Verarbeitung bekommen und 2. der Metabolismus auch die Möglichkeit zur Verarbeitung bekommen. Also Ruhe, Sicherheit und Schlaf, denn da werden die Verknüpfungen gebildet.
Ist eins von beiden nachhaltig und fortwährend gestört, dann kann es sein, dass sich diese neuronalen Verknüpfungen nicht so ausbilden, wie es idealerweise der Fall wäre. Die Folge ist ein bleibender Schaden an der Fähigkeit zum Erwerb von Lernerfahrungen.
Das heißt nicht, dass der Hund im Verlauf seines Lebens nicht lernen kann. Aber er braucht ggf. andere Möglichkeiten, mehr Zeit und hat vielleicht auch längere Grenzen. Wenn Du magst, schreibe ich nochmal was dazu, wie sich das bei Lilly gezeigt hat (ein wie schon angemerkt sehr glücklicher und kompetenter Hund. Nur eben etwas anders
Was für uns überhaupt kein Problem ist).