Ich war ja schon leicht stinkig, als das fleischgewordene (bzw. Buchstaben gewordene) Klischee der „Männerfresserin“ im gehobenen Hierarchiebereich des gehobenen Dienstleistungssektors aufgetaucht ist. Mit wem auch immer der Autor da seine postpubertäre Abrechnung gehalten hat ... Na denn.
Auf die wahnwitzige unmoralische krebsartige Bösartigkeit der internationalen Finanzmärkte und ihre Fragilität (die nicht nur in der Logistik liegt) nur in ein paar Nebensätzen einzugehen finde ich unbefriedigend. Wenn man das Thema schon aufgreift, dann sollte es für mein Empfinden doch ein bisserl mehr als Stichworte und Schlagsätze enthalten. Das man das Thema auch gut auf sehr unterhaltsame und eher anspruchslose Weise aufbereiten kann, hat z. B. ein Film wie „The Big Short“ gezeigt. Neu oder überraschend war da nichts. Dass exponentielles Wachstum bei endlichen Ressourcen nicht funktionieren kann, um das zu wissen, brauchts keinen Datenanalysten, dazu langts, wenn man nicht durchgängig ab der 8. Mathe verpennt hat.
Die allegorische Verbindung des siech liegenden Staatskolosses zum Wal - wenn ich auch die Einstiegsgeschichte sehr anrührend fand - und zu Hobbes bzw. dem biblischen Leviathan - auch das hat man schon weniger trivial gehört. Die Fragilität der Transportwege hat u. A. „Kollaps“, auf das im Buch Bezug genommen wird, bei Weitem besser behandelt.
Dass die Lösung des Ganzen dann ist, dass das internationale Großkapital sein Herz, der Staat seinen Verstand und der analytische Träumer die Realität der Mitmenschlichkeit entdeckt - und die Hoffnung dann darin liegt, den Rechner einfach mit anderen Daten zu füttern - ach Gott, schön wärs ... seufz ...
Und den Satz als Bestandteil des Hoffnungsschimmers zu präsentieren, dass es in Senegal bezirksweise über Monate hinweg keinen Strom gibt - und nichts zusammenbricht - das empfand ich angesichts des Einführungshintergrunds (Perversion der internationalen Finanzmärkte) als schallende zynische Ohrfeige
Schade. Leider hat diese ansonsten so schöne Geschichte mir mit Anlauf in einen intellektuellen wunden Punkt getreten.
Fazit: Eine wunderbar erzählte Geschichte. Mit einer Metaebene, auf die hervorragend eine (böse) Kritik passt, die ich mal über Byung Chul Han gelesen habe - Autor des Zitats unbekannt: „Es ist viel Gutes und Neues darin. Aber das Neue ist nicht gut und das Gute ist nicht neu.“