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Ich glaube, dass nicht das Gassigehen das ist, was den Hund überfordert, wenn er denn überfordert ist.
Sondern die allgemeine Wohnsituation, gewisse Defizite, fehlende Strategien des Hundes und des Halters, diese zu kompensieren oder auch Krankheiten (unsere TÄ erzählte mir zb dass es immer mehr Tiere gibt mit Bauchspeicheldrüsen- oder Schilddrüsenproblematiken, das wirkt sich zb auch aufs Verhalten aus).
Ich lese gerade von Patricia McDonell "Das andere Ende der Leine" (hab ich übrigens hier im DF aufgeschnappt, den Tipp, merci vielmals) und mir ist noch nie so sehr bewusst gewesen, was wir alles von unseren Hunden verlangen. Wir kommunizieren in einem verrückten Kauderwelsch aus Sprachlauten, die sich ständig verändern und erwarten aber die "richtige" Reaktion unseres Hundes darauf, wir agieren körpersprachlich auf einem Niveau, dass auch der gutmütigste Hund geneigt ist, uns einen Vogel zeigen zu wollen und die Männer mit den weißen Jacken zu rufen. Unsere Hunde sind ständig damit beschäftigt, zu erspüren, was wir denn jetzt eigentlich wirklich von ihnen wollen.
Wenn ich jetzt noch daran denke, wie viele Menschen sich einen Hund holen, ohne wirklich Ahnung von Hunden zu haben, dann kann ich mir sehr gut vorstellen, dass diese Hunde schon durch ihren Alltag zwischen Homeoffice, Homeschooling, Kinderbesuch und Gästen im Haus, Treffen von fremden Hunden in Hundeausläufen (weil der Hund braucht ja Sozialkontakte) und der Unkenntnis ihrer Halter, wieviel Ruhe ein Hund braucht, um wirklich gesund zu bleiben, ihre Nerven aufreiben.
Und dann kann es schon zuviel sein, wenn sie noch stundenlange Spaziergänge machen, wo nochmal Reize, Gerüche und allerlei Interessantes auf sie einprasselt.
Ich hab mit Jack auch einen Hund hier, den ich eng führen und begrenzen muss. Okay, natürlich ist er ein Junghund, er ist ein Terrier, er ist ein Rüde, der gerade ein Hormonhoch hat, und er bombt sich regelmäßig mit Pipilecken, Festschnüffeln, alle 2 Sekunden das Bein heben und entweder stehen oder fullspeed rennen sein Hirn weg. Ich muss da wirklich gerade viel regulieren, und ich frage mich, ob es je anders wird. Ich hatte außer den Podenco vor Jahren noch nie einen Hund, der so von 0 auf 180 war (Ich liebe ihn trotzdem, falls er das liest
).
Der Clou ist, je weniger Reizen er ausgesetzt ist, umso schlechter kann er damit umgehen. Ich gehe inzwischen etwas früher als sonst Gassi, deshalb treffen wir weniger Hunde oder Passanten als sonst. Also ist aktuell jeder fremde Hund oder Mensch ein hibbeliges Aufputschen seinerseits wert. Als wir noch jede Woche Hundeschule hatten, war das Meilen besser.
Vielleicht hängt all das aber auch zusammen mit seiner Erkrankung, wäre möglich laut TÄ. Wir starten jetzt eine Art Physiotherapie wo Triggerpunkte behandelt werden und der Hund so Entspannung lernen soll. Mal sehen, ob es was bringt. Zuhause schläft er sehr viel und ich achte darauf, dass er mich nicht verfolgt, nicht wacht etc., da würde er sich nämlich auch gern abschießen.
Lange Rede, kurzer Sinn, jeder Hund ist anders, und ich glaube die allgemeine Situation, in der Hunde heute leben müssen, hat sich generell gesprochen nicht unbedingt zum Guten oder Artgerechten verbessert. Heute holt sich jeder Kreti und Pleti ohne Hundeerfahrung einen Siberian Husky oder einen Akita oder eine Mali und hat keine Ahnung, was der Hund wirklich braucht.
Früher waren die Hunde am Dorf viel draußen, hatten ihren Job, ihre Ruhe und fertig. Ich will da zwar auch nicht wieder hin zurück, aber sich das bewusst zu machen, was wir heute in der "modernen" Welt von unseren Hunden alles verlangen, ist sicher nicht verkehrt, bevor wir ihnen das Ettikett "da stimmt was nicht, das ist doch nicht normal, etc pp" verpassen.
Flammendes Plädoyer Ende.
