Ich werf mal meine Erfahrungen mit ein, da ich mit einem Aussie-Border-Mix quasi ne Bombe an der kurzen Zündschnur habe.
Er wird im Mai fünf, und bedarf permanentes (!) Management. Außer meinen Freund in zwei Extremsituationen hat er noch keinen Menschen gebissen (und beides nenn ich auch eher "Tackern" als "Biss"), aber das Tackern macht er immer noch, wenn er zu überdreht ist und ich nicht den richtigen Moment abpasse, um ihn da rauszuholen.
Er versucht - je nach Gemüt - alles zu stellen. Menschen, Hunde, Fahrradfahrer, Jogger, Autos, Pferde - alles, was im Entferntesten eine potentielle Gefahr darstellt. Nicht immer (außer Hunde), aber das ist nichts, wo ich ihn frei laufen lassen oder "die Seele" baumeln lasse.
Er nutzt jeden unserer Fehler und versucht immer und immer und immer wieder, Grenzen auszudiskutieren. Man muss immer wieder neu setzen, dass sie noch gelten, dass es keine Ausnahme gibt - und ja, auch wenn du lieb guckst und meckerst oder mich beschimpfst, die gelten immer noch.
Wenn meine Eltern zu Besuch kommen, ist er immer angeleint bzw komplett unter unserer Kontrolle. Sie sind Hunden gegenüber gehemmt. Das spürt er, versteht es nicht und versucht entsprechend, dieses "Unverständliche" aggressiv los zu werden. Noch so eine Spezialität: Sachen, die ihn beunruhigen, werden mit nach vorne gehen vertrieben/gelöst.
Meine Schwiegereltern haben zwei Rüden, einer davon ein 1jähriger. Wir mussten von Anfang an managen. Den Alten und Candie konnten wir irgendwann unbeobachtet lassen, aber in einigen Situationen (gerade, wenn wir frisch zu Besuch kommen), muss man ein genaues Auge drauf werfen - Candie überlegt da schon, ob er es nicht nochmal mit dem Unterbuttern versuchen soll. Bei dem Welpen können wir die jetzt noch nicht unbeobachtet lassen. Der "Kleine" ist zu wild, obwohl total lieb und freundlich, und Candie kann damit nicht umgehen.
Aber - das große Aber - das sind alles aussietypische Verhaltensweisen. Vielleicht einen Ticken extremer als bei einem Aussie aus guter Zucht mit erfahrenem Hundehalter, aber trotzdem nichts ungewöhnliches. Und damit wirst du bei deiner Hündin auch rechnen können. Immer an die Regeln erinnern, immer ein Auge drauf haben, was jetzt vielleicht ein unerwarteter Auslöser sein könnte, immer gucken, ob vielleicht zu viel oder zu wenig Input war, immer auf die Tagesstimmung achten.
Aber - und das ist das zweite große Aber - das Zusammenleben macht trotzdem unheimlich viel Spaß. Vorausgesetzt, du beschäftigst dich mit deinem Hund - und auch in Zeiten von Corona kann man sich beschäftigen. Ich gehe Joggen, mach Tricks, Zergelspiele, lange Wanderungen oder Spaziergänge, Lieblingsspielzeug verstecken etc Mantrailing kann man auch gut mit einem unverträglichen Hund machen, Dummyarbeit und Obedience kann man gut zu Hause machen, und je nach Hundeschulenkurs geht auch das Training an der Leine.
Meine laienhafte Einschätzung ist einfach, dass deine Hündin gelernt hat, dass sie bei dir machen kann, was sie will - heißt, sie hat nicht ausreichend Führung bekommen. Das will ich dir auch gar nicht vorwerfen, denn so war ich zu Anfang auch und muss auch jetzt noch viel über Führung und Konsequenz lernen. Und das ist jetzt eben deine Aufgabe. Nicht aversiv reagieren - das hat mir eine Aussietrainierin damals sehr deutlich gemacht (kann sogar sein, dass war die, die hier empfohlen wurde): Je mehr du körperlich gegen den Hund gehst und je mehr du Druck ausübst, umso mehr kommt Druck auch zurück. Was du brauchst, ist viel Geduld, Konsequenz, Nervenstärke, Klarheit in deinen Anweisungen, Durchhaltevermögen - aber eben auch den Willen, das alles umzusetzen. Seele baumeln lassen ist nicht. Aber ein tolles Miteinander kann man immer noch hinkriegen.