"O Brother" - John Niven
In diesem nicht fiktiven Werk verarbeitet der Autor den Verlust seines jüngeren Bruders Gary, genannt "Shades", welcher sich vor einigen Jahren das Leben nahm.
Dabei scheut Niven sich nicht, sehr offen die Familiendynamiken zu schildern, auch Gary wird nicht zum Heiligen glorifiziert, im Gegenteil, Niven beschreibt die weniger noblen Charakterzüge des Bruders schonungslos ehrlich und verheimlicht nicht, wie gegensätzlich sein Leben zu dem des Bruders verlief: Während Niven aus Schottland nach England zog, lange in der Musikbranche tätig war und sich schließlich neu orientierte, um Schriftsteller zu werden, geriet Gary schon als Jugendlicher in schlechte Kreise. Er begann, mit Drogen zu dealen, was ihm schließlich auch eine mehrjährige Haftstrafe einhandelte. Garys jähzorniges Temperament, sein oft impulsives Handeln, seine Schwierigkeiten, Verantwortung zu übernehmen - all das machte ihn auch für die Familie nicht selten zum "schwarzen Schaf", zum Außenseiter, unverstanden und auch auf den Leser nicht unbedingt sympathisch wirkend.
Vielleicht hätte Gary seine Lebensgeschichte ganz anders erzählt. Schließlich ist es der ältere Bruder, der akademisch vorankam, der sich einen Namen machte, der hier aus Geschwisterperspektive schildert, wie Garys Jahre auf Erden verliefen. Dabei hatten die beiden nicht unbedingt immer engen Kontakt zueinander, es gab Spannungen, und erst nach Garys Su*zid fand John heraus, wie desolat der Bruder zuletzt gelebt hatte, wie fragil auch sein psychischer Zustand mitunter gewesen war.
Doch Niven ist es gelungen, aus der Sicht eines hinterbliebenen Familienmitglieds die Fragmente zu etwas Ganzem zusammenzusetzen. Er gibt nicht vor zu wissen, was in Gary vorging, warum er so schwierig sein konnte, er versucht zwar, Antworten zu finden auf all die Fragen, die sich die Familie seit Garys Tod wieder und wieder stellt, doch zugleich räumt er gerade dieser eigentlichen Unmöglichkeit Platz ein.
Für mich las sich "O Brother" sehr ergreifend, mal ist es heiter, mal düster, und Nivens schriftstellerische Fähigkeiten machen das Werk zu einer besonders eindringlichen, packenden Lektüre.