"Trust" - Hernan Diaz
Was für ein fulminantes Werk! Ich stieß völlig zufällig auf diesen mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Roman und kann mich den positiven Kritiken eigentlich nur vollumfänglich anschließen.
Worum geht es? Es wird aus mehreren Perspektiven das Leben des an der Wall Street und darüber hinaus unglaublich erfolgreichen Financiers Andrew Bevel beleuchtet, dem es als einem von nur wenigen gelang, auch noch den großen Crash an der Börse 1929 gut zu überstehen - und sogar, seinen Reichtum noch weiter zu mehren.
Hernan Diaz hat sich für denkbar ungewöhnliche Perspektiven entschieden: Der erste Teil des Romans ist wiederum ein Roman namens "Bonds", in dem der Schriftsteller Harold Vanner anhand der Beschreibung der Familiengeschichten, Kindheit und Jugend sowie Eheschließung der fiktiven Rasks versucht, die Lebensgeschichte von Andrew Bevel und seiner Frau Mildred nachzuzeichnen.
Weiter geht es mit Bevels Memoiren. Der mächtige Banker möchte hier vor allem ein möglichst positives und kraftvolles Bild seines Schaffens geben, und das Andenken seiner Frau geraderücken, nachdem er auf einer vollkommen falschen Darstellung derselben in Vanner's Roman beharrt.
Teil III des Buches bilden die Nachforschungen der betagten italo-amerikanischen Schriftstellerin Ida Partenza, welche mit der Vergangenheit abschließen möchte. Denn Ida Partenza war es, welche Andrew Bevels Sichtweise niederschrieb und dadurch auch versuchte, Einblick in das Seelenleben seiner Ehefrau Mildred zu gewinnen, eine Aufgabe, die sie auch Jahrzehnte später noch beschäftigt.
Der finale Teil des Romans schließlich besteht aus Tagebucheinträgen der damals schwerkranken Mildred Bevel selbst - der großen Unbekannten, über die so viel gesprochen, aber so wenig gewusst wurde.
Was bei einem anderen Autor mächtig hätte schiefgehen können, die Verknüpfung so unterschiedlicher Lebensgeschichten und so umfassender Thematiken - es geht um Klasse, Vermögen, Politik, Gesellschaft, die Rolle der Frau im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts, um Liebe, Loyalität, Betrug, Ideale und den Finanzmarkt -, gelingt Hernan Diaz in diesem hervorragenden Roman mit Leichtigkeit. Hier ist einem begnadeten Schriftsteller ein ganz großer Wurf gelungen, ein Werk, das man am liebsten gar nicht mehr zur Seite legen möchte.
Klare Leseempfehlung meinerseits.