So, ich bin gerade fertig mit "Die Gierigen" von Karine Tuil.
In dem fast 500 Seiten langen Roman geht es um die Jugendfreunde Samir und Samuel, die sehr tragisch in die Brüche geht, als Samuels schöne Freundin Nina ihn mit dem gemeinsamen Freund Samir betrügt. Sie bleibt nur bei Samuel, weil dieser einen ziemlich verzweifelten Su*z*dversuch unternimmt, um die von ihm so geliebte Nina zu halten.
Zwanzig Jahre später treffen sich die drei Freunde in Paris wieder: Samir ist mittlerweile ein äußerst anerkannter, erfolgreicher Anwalt, welcher in den Staaten lebt und praktiziert, während Samuel als Sozialarbeiter tätig und gescheiterter Romanschriftsteller ohne jegliche Veröffentlichungen ist und seine Lebensgefährtin Nina unter anderem für Hausfrauenkataloge modelt.
Doch durch das Wiedersehen der Freunde werden große Ereignisse ins Rollen gebracht, nicht zuletzt da Nina und Samuel herausgefunden haben, dass Samir sich nun tatsächlich "Samuel" nennt und sich als Jude ausgibt, sogar die Tochter eines einflussreichen jüdischen Unternehmers geheiratet hat - dabei ist Samir eigentlich Muslim, fürchtete jedoch zu Beginn seiner Karriere religiöse Diskriminierung und erfand deshalb seine Lebensgeschichte neu.
Die Protagonisten sind alle drei teilweise ziemlich kaputt, ziemlich narzisstisch, selbstbezogen und eben keine klassischen Romanhelden. Leider gelang es mir bis zuletzt nicht, mich in sie hineinzuversetzen und echtes Interesse an ihren Geschichten zu empfinden. Es muss für mich nun mitnichten immer ein sympathischer Protagonist sein - aber zumindest möchte ich die Beweggründe der Personen, ihr Handeln, ihr Denken nachvollziehen können, und da hat Tuil mich nicht ganz überzeugt, weil mir manches an der Entwicklung der Figuren einfach nicht schlüssig erschien.
Zudem fand ich manchmal, dass größere Ereignisse im Buch - zum Beispiel das Wiedersehen nach zwanzig Jahren oder Ninas folgenschwere Entscheidung, als sie sich erneut zwischen beiden Männern hin- und hergerissen fühlt - ziemlich knapp und antiklimaktisch abgehandelt werden, Nebenschauplätze und Beschreibungen bezüglich Ruhm, Macht und Prestige und dergleichen stattdessen einfach zu viel Raum einnehmen.
Das große Liebesdrama war mir ehrlich gesagt ziemlich schnurz, da ich mich davon nicht "abgeholt" fühlte - da war einfach kein Mitfühlen mit den Protagonisten, und für mich fehlte in dieser ganzen Beziehungsgeschichte mehrmals der rote Faden, das Verständnis, was auch immer.
Nichtsdestotrotz liest sich der Roman flüssig und unterhaltsam, auch wenn die Autorin manchmal etwas zur Übertreibung neigt und ich ein paar der schriftstellerischen Eigenheiten im Buch als recht aufgesetzt-gekünstelt empfand. Aber da es sich doch um recht solide, nicht ganz anspruchslose zeitgenössische Literatur handelt, wird man als Leser dann auch mit einer überraschenden, ja recht schockierenden Wendung konfrontiert - und ab da nahm der Roman für mich wirklich an Fahrt auf und ich wollte zum ersten Mal unbedingt wissen, wie es weitergeht.
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Samirs deutlich jüngerer Halbbruder Francois, der in Frankreich bei der gemeinsamen Mutter lebt, ist ein ziemlicher Loser ,der den ganzen Tag nur rumhängt, sexistische Musik hört und auf der faulen Haut liegt. Als er plötzlich in Samirs neuer Heimat New York auftaucht, ist dieser natürlich schockiert, weiß doch niemand von der Existenz des peinlichen Halbbruders. Um Francois rasch wieder loszuwerden, bietet Samir ihm Geld an und überweist von da an einen monatlichen Geldbetrag an den kleinen Bruder. Was ihm zum Verhängnis werden soll, als Francois sich islamistisch radikalisiert...
Leider konnte der Spannungsbogen, der sich durch diesen neuen Strang auftat, von der Autorin nicht durchgehend bis zum Romanende aufrechterhalten werden. Was mir besonders fehlte, war die Tiefe der Personen in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen - was Nina für beide Männer, vor allem Samir, empfindet, erscheint so hölzern und seelenlos, ebenso aber Samirs "Liebe" zu Nina, und eine Enttäuschung waren für mich auch die Begegnungen und Dialoge zwischen Samir und Samuel, die blieben einfach für meinen Geschmack zu nichtssagend-seicht.
Fazit: Ein interessanter Roman mit viel Potential, das von der Autorin allerdings nicht voll ausgeschöpft wurde. Eine originelle Idee und ein spannender Plot-Twist, leider fehlt die durchgängige Spannung.