Zuletzt gelesen: "Agaat. Die Kinderfrau" von Marlene van Niekerk
Dieser 2004 erstmals erschienene Roman hat trotz der fast 20 Jahre seit seiner Erscheinung nichts von seiner Aktualität eingebüßt, was aber auch daran liegt, dass es sich um ein sehr vielschichtiges und nuanciertes Werk handelt. Es wird in vier unterschiedlichen Zeitsträngen erzählt und rekonstruiert somit auf nicht lineare Weise die komplizierte Beziehungsdynamiken zweier Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und durch die gemeinsame Geschichte dennoch eng miteinander verbunden sind.
Erzählt wird das Buch bis auf Prolog und Epilog aus Sicht der weißen Südafrikanerin Milla, Gutsherrin und Erbin der Farm Grootmoedersdrift, welche sie mit Leib und Seele bewirtschaftet. Doch die Autorin setzt eigentlich an einer anderen Stelle an: im Südafrika der 1990er-Jahre, als Milla, an einem schweren Nervenleiden erkrankt, im Sterben liegt und von jener Frau, die seit gut 40 Jahren ebenfalls auf Grootmoedersdrift lebt, gepflegt wird.
Bei dieser Frau handelt es sich um die Schwarze Agaat, die seit vielen Jahren auf der Farm den Haushalt führt. Aus Millas Perspektive wird die gemeinsame Geschichte rekonstruiert, analysiert, man spürt Schmerz, Ohnmacht, Wut, Trauer, Zärtlichkeit, Verbundenheit, Ambivalenz. Nicht immer fällt es als Leser leicht, Millas Gefühle und Gedanken nachzuvollziehen, und noch schwieriger wird es, den Menschen Agaat zu verstehen, erfahren wir von ihr doch nur aus Millas Blickwinkel. Es wird angedeutet, dass Agaat das nun auf den Kopf gestellte Machtverhältnis auskostet, dass sie Milla deren Schuld und Fehler vor Augen führt, doch gleichzeitig scheut Agaat fast keine Mühen, Milla den Prozess des langsamen, quälenden Sterbens zu erleichtern, indem sie sogar eine Möglichkeit findet, mit der stummen ans Bett gefesselten Frau zu kommunizieren.
Milla, nach außen hin fast nur noch eine Hülle, lässt ihr Leben Revue passieren, und Agaat ist ein immens großer Teil dieser Existenz. Von sehr viel Bedeutung sind die Tagebucheinträge, die Milla jahrzehntelang auf ihrem Gut führte - in den Büchlein berichtet sie von ihrer lieblosen, so lange kinderlosen Ehe mit dem gewalttätigen, eingebildeten, manchmal fast wahnhaft wirkenden Jak de Wet, von der schwierigen Beziehung zu ihrer Muttern, dem harten bäuerlichen Alltag , doch eigentlich im Mittelpunkt ihrer Erzählungen steht Agaat. Agaat, die in den 50er-Jahren von der damals noch kinderlosen Milla aufgenommen wurde, als verstörtes kleines Mädchen, dem auf der Farm von Millas Mutter von ihrer biologischen Familie - Arbeitern von Millas Mutter - die ersten Lebensjahre nur Gewalt angetan wurde.
Es ist vor allem dieses letzte Drittel des Buches, das mir unglaublich zu Herzen ging, und das ganz ohne Kitsch und Pathos: Wie Agaat von ihrem grauenhaften biologischen Zuhause von Milla aufgenommen wurde, was von dieser damals als reiner Akt christlicher Nächstenliebe betrachtet und dargestellt wurde - aber so viel komplizierter, schwieriger, destruktiver war als das. So spürt man als Leser zwar Millas Zuneigung zu dem Mädchen, ihre Entschlossenheit, diesen unkonventionellen Weg in einer Gesellschaft zu gehen, die so stark in Schwarz-Weiß unterteilt ist, doch Millas Tagebucheinträge sprechen auch von Gewalt an dem Mädchen, von emotionalem Missbrauch, von ihren Zweifeln an Agaats Menschlichkeit und ihrem Gutsein, von dem beschränkten Verständnis für dieses Kind anderer Hautfarbe, eines anderen ethnischen Hintergrunds.
Schon stilistisch ist dieser Roman keine lässige Strandlektüre, denn die Tagebucheintragungen mit all den Abkürzungen sowie die Gedankenfetzen der schwerkranken Milla, sind eher anspruchsvoll und erfordern die Konzentration des Lesers. Und emotional ist "Agaat. Die Kinderfrau" ebenfalls nicht leicht zu verkraften, die Atmosphäre des Buchers eher trostlos, düster, auch die Charaktere schwierig, anstrengend, komplex - kurz: durch und durch menschlich.
Dranbleiben lohnt sich aber, und das allemal, denn "Agaat" ist kein Roman, den man leicht wieder vergisst. Er handelt von zerbrochenen Träumen, verpassten Chancen, der Komplexität und Grausamkeit mancher zwischenmenschlichen Beziehungen, von Familie, Konventionen und der Suche nach Annäherung.