So, zuletzt gelesen: "Über Menschen" von Juli Zeh.
Das Buch spielt in der Gegenwart, genauer gesagt zu Beginn der Corona-Pandemie 2020. Es geht um Dora, eine junge Berlinerin in der Werbebranche, deren Beziehung gerade an den unterschiedlichen Weltanschauungen in die Brüche geht. Mit Ersparnissen und Kredit hat Dora sich jedoch kurz zuvor ein altes Gutsverwalterhaus im Brandenburgerland gekauft, in dieses zieht sie sich nun, während der - nur möglicherweise temporären - Beziehungspause zurück. Wieder mehr mit der Natur im Einklang sein, das Simple wertschätzen, Landidyll - ein wenig so stellt sie sich das zunächst vor, wird aber mit der Realität insbesondere in Form ihres Nachbars Gote konfrontiert, der gleich bei der ersten Begegnung droht, Doras Hund zu treten und sich als "Dorf-Nazi" vorstellt. Die Sorgen, Ängste und alltäglichen Probleme des Landlebens werden Dora zudem durch weitere Begegnungen mit - politisch meist nicht wirklich korrekten - diversen NachbarInnen sehr bewusst.
Dora stellt fest, dass auf dem Land irgendwie alles anders läuft als in der Großstadt. Schon zu Beginn des Romans leidet sie an all dem Leid auf der Welt und sie weiß auch, wie wichtig es - zumindest in der Theorie - ist, Haltung zu zeigen und Engagement. Das alles wird aber viel komplizierter, wenn man nicht nur am Rande der Geschehnisse steht, sondern mittendrin ist, wie es zunehmend in ihrem schwierigen Nachbarschafts-Verhältnis zu Gote der Fall ist, der ihr irgendwie unter die Haut geht, obwohl sie weiß, Nazis, die das Horst-Wessel-Lied singen, sollte man eigentlich mindestens auf Abstand halten. Besser noch ihnen ordentlich Kontra geben.
Juli Zehs Roman handelt eigentlich von einer jungen Frau, die nicht genau weiß, wo sie im Leben steht, die reizüberflutet ist von all den schlechten Nachrichten, die nicht genau weiß, auf welche Werte es ankommt, worauf es überhaupt ankommt im Leben. Sie bietet somit eine ideale Identifikationsfigur, viele ihrer Gedankengänge sind nachvollziehbar, wenngleich nicht alle.
Ich empfand es letzten Endes als ein mutmachendes, lebensbejahendes Buch - es macht Mut zur Menschlichkeit, zum Zulassen von Nähe und es ermutigt dazu, sich nicht nur in seiner "Bubble" aufzuhalten, sondern Mut zu haben, über den Tellerrand zu schauen - auch, weil es so zumindest etwas machbarer wird, einander zu begegnen, ohne gleich zu urteilen.
Nichtsdestotrotz löste das Buch stellenweise zumindest bei mir persönlich auch ein gewisses Unbehagen aus, vielleicht weil unterschwellig doch immer spürbar ist, das ist ein sehr persönlicher Roman. Manche Ansichten Doras dürften auch Ansichten der Autorin sein, und das ist natürlich eine sehr subjektive Geschichte. Andererseits soll Literatur ja nicht nur bequem sein, sondern auch kritisch, sie soll Fragen aufwerfen und Glaubenssätze in Frage stellen.
Insgesamt empfand ich "Über Menschen" als angenehme, durchaus tiefergehende Lektüre, wenngleich nicht als literarisch herausragend - so ging es mir bis jetzt aber mit allen Zeh-Büchern. Anspruchsvoller als Strandlektüre, ja, aber am Ende weiß ich, dass das Werk trotzt seiner Aktualität, trotz seines Bezugs zum jetzigen Zeitgeist, emotional einfach nicht so tief vorgedrungen ist, dass es wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen wird.
