Zuletzt gelesen: "Strong Motion" von Jonathan Franzen
Eines seiner früheren Werke, genauer gesagt sein zweiter Roman, erschienen 1992. Ja, ein begabter Schriftsteller war Franzen freilich auch damals schon - aber dennoch fiel es mir zunächst ziemlich schwer, in das Buch einzutauchen und mitzufiebern. Die ersten 100 Seiten erfordern ein gewisses Durchhaltevermögen, da es nicht nur schleppend vorangeht, sondern auch die Protagonisten nicht einfach sein und man ihnen nur sehr, sehr langsam näherkommt.
Später entfaltet der Roman dann seine literarische Kraft, die Hauptpersonen werden zwar nicht zu Sympathieträgern, doch Franzen versteht es ja, ihre Schwächen und Fehler mit psychologischem Scharfsinn zu beleuchten und in ein größeres Ganzes einzubetten - in diesem Fall erzählt er nicht nur die Geschichte des gerade arbeitslos gewordenen jungen Zynikers Louis, seiner recht verschrobenen Mutter Melanie und der restlichen Familie Holland, sowie der unglücklichen 30-jährigen Seismologin Renée Seitchek, sondern beleuchtet auch ein gesellschaftlich bedeutsames Thema: riesige Konzerne und deren Umweltsünden nämlich, womit er schon Anfang der 90er sicherlich einen Nerv traf.
Nichtsdestotrotz bleibt das Buch hie und da ein wenig stecken, geht der Plot Franzen scheinbar noch nicht so mühelos von der Hand wie in späteren Werken. Aber eine bedrückte, desillusionierte Atmosphäre zu erzeugen verstand Franten schon damals, und die großen Fragen beschäftigten ihn auch schon damals, wie sehr eindringliche Passagen des Romans zu Themen wie Religion, Politik, Identität und Einsamkeit beweisen.
Fazit: Für treue Franzen-Leser wie mich sicherlich lesenswert, ansonsten sollte man vermutlich eher mit "Freedom" oder "The Corrections" beginnen.