Zuletzt gelesen: "Dunkelgrün fast Schwarz" von Mareike Fallwickl
Auf diesen Roman war ich tatsächlich sehr gespannt, nachdem er hier im Thread schon ein paar Mal erwähnt wurde. Am Ende war es dann aber eher ein Zufallskauf, das Buch fiel mir beim Rumstöbern in einer Buchhandlung in die Hände und nachdem mir der Titel eben nicht unbekannt war, entschied ich, ihm eine Chance zu geben.
"Dunkelgrün fast Schwarz" ist überwiegend in der Salzburger Stadt Hallein angesiedelt und erzählt die Geschichte einer Dreier-Freundschaft. Die Beschreibung erfolgt aus drei Perspektiven: da ist Marie, die Mutter des zurückhaltenden Moritz, welcher die "Farben" (also wohl Aura) anderer Menschen sehen kann. Sie ist die einzige Person, die direkt aus der Ich-Perspektive erzählt. Marie ist noch jung, als sie in den Achtzigerjahren ihrem zukünftigen Ehemann begegnet, eine leidenschaftliche, aber kurze Begegnung führt zu ihrer Schwangerschaft mit Moritz, woraufhin Alexander und sie heiraten und von Wien nach Salzburg ziehen. Ihre Kinder sind das Ein und Alles für Marie, sie weiß das sanftmütige, freundliche Naturell ihres Sohnes zu schätzen, und ihre Sorge um ihn wächst mit all den Jahren, die Moritz im Schatten eines besten Freundes Raffael, den er als Kleinkind auf dem Spielplatz kennenlernt, verbringt.
Da ist Moritz selber, inzwischen über 30, gemeinsam mit seiner Partnerin erwartet er das erste gemeinsame Kind, er ist immer noch eher ruhig und verschlossen, hat aber einen stabilen, guten Beruf, führt eine harmonische Partnerschaft, möchte gerne Vater werden. Doch sein Leben gerät aus dem Fugen, als plötzlich Raffael nach Jahren der Funkstille wieder vor seiner Tür steht, mit seinem charmanten Lächeln und irgendeiner ausweichenden Geschichte, warum er hofft, bei Moritz vorübergehend unterkommen zu können. Und Moritz, der Raffael einerseits verachtet, aber ihn gleichzeitig bewundert und fürchtet, sich ihm immer schon unterlegen gefühlt hat, gibt trotz des unguten Bauchgefühls nach, lässt Raffael hinein in seine Gegenwart.
Und zu guter Letzt ist da Jo, welche die Dritte im Bunde war, nachdem ihre Eltern bei einem tragischen Verkehrsunfall tödlich verunglückten und die Jugendliche zur Tante nach Salzburg zog, wo Moritz und Raffael schon bald um ihre Aufmerksamkeit warben. Nun, in der Gegenwart, reist Jo von Land zu Land, folgt Raffael, der ihr immer wieder Brotkrumen hinstreut und sie wohl als seine treue, loyale Gefolgschaft sieht, und nun ist Raffael wieder mal verschwunden, hat Jo in einer Nacht- und-Nebel-Aktion unter recht mysteriösen Umständen, über die Jo mehr weiß als der Leser, alleine in Italien zurückgelassen. Und wieder macht Jo sich auf die Suche nach ihm, getrieben von ihrer Sehnsucht und der inneren Leere...
Das Buch wechselt nicht nur zwischen den einzelnen Personen, aus deren jeweiligen Blickwinkeln die Geschichte sich entfaltet, sondern auch Zeitsprünge werden gemacht: Mal ist es 1986, Marie zieht ihre Kinder, Moritz und Sophia groß, und beobachtet mit wachsender Anspannung die Rolle, welche Raffael und dessen Familie durch die Freundschaft der beiden Jungen in ihrem Leben und dem ihres Sohnes spielen. Dann ist es um die Jahrtausendwende herum, Raffael, Moritz und Jo hängen gemeinsam ab, und Moritz fertigt sehnsüchtige Zeichnungen von der traurig wirkenden neuen Mitschülerin an, in die er sich hoffnungslos verliebt hat; dann wiederum ist man in der Gegenwart, im Jahre 2017, und mit einem mulmigen Unbehagen fragt man sich, warum Raffael plötzlich wieder in das Leben des Freundes hineindrängt, nachdem er vor Jahren so sang- und klanglos verschwand, nachdem er Moritz schon jahrelang immer wieder bloßgestellt und gedemütigt hatte.
Es handelt sich um einen ziemlich ambitionierten Erstling, der hie und da an den eigenen Erwartungen, die die Autorin wohl an sich hatte, ein wenig zu bröckeln droht. Ja, es zieht sich deutlich erkennbar ein roter Faden durch diese Familien- und Freundschaftsgeschichte, und sowohl die wechselnden Erzählperspektiven als auch die Zeitsprünge sind nachvollziehbar gewählt und tun dem Lesefluss keinen Abbruch, die Autorin beweist zudem eine gewisse psychologische Finesse und hat auf jeden Fall eine schriftstellerische Begabung für das Einfangen von Stimmungen, Zwischentönen, Beziehungsdynamiken. Ab und zu erschloss sich mir aber etwas nicht ganz oder es kam doch ein ganz klein wenig Klischee zum Vorschein, das Essverhalten von Jo oder die Leichtigkeit, mit der Raffael seinen krummen Geschäften nachzugehen scheint, fallen mir da beispielsweise an. Auch die "Liebes"szene zwischen zwei der Protagonisten mutete ein wenig unbeholfen-klischeebeladen an. Trotzdem ist der Roman keine "leichte Lektüre", sondern durchaus ein Werk mit einem gewissen Anspruch an den Leser. Die Geschichte entfaltet sich nur langsam, die Autorin webt nach und nach das Netz einer potentiell zerstörerischen Dreierdynamik, die im Erzählstrang der Gegenwart auf ihren unweigerlichen Schlusspunkt zugeht. Vor allem diesen "Showdown", in dem sich letztlich jene offenen Fragen aufklären und die Andeutungen, die auf den Romanseiten fielen, einen Kontext bekommen, fand ich persönlich nach diesem eigentlich sehr starken Leseerlebnis fast ein wenig antiklimaktisch; auch wen es gekonnt und scharfsinnig gemacht wurde, war die Aufklärung der "großen offenen Fragen" letztlich ein wenig mau und kam nicht ganz ohne Klischees aus.
Das mag nun recht kritisch tönen, aber alles in allem ist "Dunkelgrün fast Schwarz" ein sehr lesenswerter Roman, der mich stellenweise durch die schriftstellerischen Fähigkeiten der Autorin durchaus berühren konnte. Zudem verdient schon allein der kurze, aber unglaublich intensive Epilog ein Riesenlob, ich hatte dabei wirklich Gänsehaut.