Zuletzt beendet: "The Wonder" von Emma Donoghue
Irland, 1859. Die junge englische, von Florence Nightingale ausgebildete Krankenschwester Elizabeth, genannt Lib, erhält einen zweiwöchigen Sonderauftrag ganz besonderer Art: Die elfjährige Anna O'Donnell soll seit über vier Monaten keinen Bissen mehr zu sich genommen haben, aber dennoch das blühende Leben sein. Der hochbetagte Arzt, der die Familie betreut, scheint an ein Wunder zu glauben, gemeinsam mit anderen einflussreichen Bewohnern des ärmlichen irischen Dorfes wird ein Komitee einberufen und entschieden, zwei Krankenschwestern mit ausgezeichnetem Ruf die lückenlose, 14-tägige Überwachung des Kindes aufzutragen, damit festgestellt werden kann, ob es sich bei Anna um eine ausgemachte Schwindlerin handelt oder ob das kleine, tiefgläubige Mädchen tatsächlich von Gott auserwählt wurde, ohne Nahrung überleben zu können.
Die aufgeklärte Krankenschwester Lib Wright ist zunächst zutiefst skeptisch, zu viel Gräuel hat sie auf der Welt schon erlebt, um tatsächlich an derartige Wunder, die doch jeglichen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu widersprechen scheinen, zu glauben. Fest entschlossen, Anna und ihre Familie zu entlarven, tritt Lib die neue Stelle an, keine Minute lässt sie das Mädchen, das sich den Tag vor allem mit Gebeten und der Lektüre heiliger Schriften vertreibt, aus den Augen. Immer mehr gerät Libs Weltbild jedoch ins Wanken, denn Anna scheint tatsächlich überhaupt kein Essen zu konsumieren, das Mädchen behauptet Lib gegenüber, sie lebe von "Manna aus dem Himmel". Der junge, rationale Journalist William Byrne, der über den rätselhaften Fall berichten soll, behält seine Skepsis jedoch bei und wieder findet Lib sich zutiefst unschlüssig wieder, als William sie einige Tage nach Beginn der Wache auf den sich scheinbar verschlechternden Zustand des Mädchens aufmerksam macht...
Ich habe mit Religion und Spiritualität sehr wenig am Hut, umso lieber lese ich Bücher, die selbst mir als eingefleischter Atheisten Stoff zum Nachdenken geben und mich fesseln, obwohl mich die Themen eigentlich wenig interessieren. Das gelang unter anderem schon Elizabeth Diamond mit "Aus dem Nichts" oder Jodi Picoult mit Werken wie "Zeit der Gespenster" und auch Emma Donoghue hat hier einen Roman geschrieben, der den Leser schnell in seinen Bann zieht und sich mit den großen Fragen des Daseins beschäftigt, ohne dabei übers Ziel hinauszuschießen. "The Wonder", oh ja - denn als Leser gerät man ins Grübeln, fängt an zu rätseln, verzweifelt genau wie Lib an den mysteriösen Worten und dem sonderbaren Gebaren der devoten Elfjährigen. Glücklicherweise gelingt Emma Donoghue dann auch die überraschende Wendung und in sich stimmige Auflösung des "Wunders" - für mich war da nichts vorhersehbar und sowohl der Spannungsbogen als auch die emotionale Beteiligung blieben für mich während der gesamten Lektüre aufrecht. Die klare, einfache, aber doch auch schriftstellerisch begabte Erzählstimme der Autorin macht das Buch trotz der "harten Kost", die Donoghue auftischt (pun intended) zu einem angenehmen Leseerlebnis.
Ja, sicherlich, es wären noch etwas mehr Raffinesse und Tiefgang möglich gewesen, dennoch bin ich positiv überrascht von diesem Werk Donoghues, obwohl es für mich nicht an ihren großen Wurf "Room" heranreicht, in dem sie aus der Sicht eines intelligenten, aber eingesperrten Fünfjährigen, der nur einen einzigen Raum sein Zuhause nennt, die emotional aufwühlende Geschichte einer Gefangenschaft und einer Flucht erzählt. Trotzdem hat "The Wonder" mir Lust auf mehr Werke dieser Autorin gemacht!