Also, nur um das nochmal zu betonen: Ich habe das Buch noch nicht gelesen und werde mir ganz sicher meine eigene Meinung dazu bilden.
Allerdings lese ich sehr gerne auch negative/kritische Kritiken zu Büchern, die ich gerne mochte! Ich finde es spannend, mich da in die unterschiedlichen Perspektiven reinzuversetzen und kann oft sogar verstehen, warum jemand bei gleicher Lektüre völlig andere Schlüsse zieht und ja, manchmal werden mir dadurch sogar problematische Aspekte des Buches bewusst, die ich davor nicht wahrgenommen hatte - da muss ich z.B. lilactime danken, die mich mit ihren kritischen Anmerkungen zu Hanya Yanagiharas "A Little Life" ein wenig dazu anregte, da mal genauer zu hinterfragen, weshalb ich das Buch jetzt tatsächlich kritischer sehe.
Da haben die guten Herren das Buch einfach nicht verstanden. Und für mich ist das schlichtes Blabla von Menschen, die wahrscheinlich noch nie in ihrem Leben mit Gummistiefeln in einem Stall standen. Zu behaupten, dass die Spaltung der Gesellschaft gar nicht existiert, ist schlicht und ergreifend Bockmist.
Sie behaupten doch gar nicht, dass die Spaltung nicht existiert?! Sowie ich das in der ganzen Rezension gelesen habe, meinen sie nur, es wird übertrieben, DASS die Spaltung tatsächlich so krass ist wie oft getan wird. Es gab ja immer schon unterschiedliche Standpunkte und Perspektiven, heute wird das wahrscheinlich auch durch die Entwicklungen (Globalisierung, Internet etc.) oftmals wohl nur noch heftiger. Früher bekam man halt einfach nicht so viel mit von dem, was anderswo abging.
Für mich ist da Corona ein gutes Beispiel, denn die große Mehrheit der Bevölkerung hat ja sehr wohl die Notwendigkeit für Maßnahmen gesehen, selbst wenn man sich über Details mitunter uneinig war. Aber diejenigen, die auf die Straße gingen um gegen "Covid-Diktatur" etc. zu protestieren, wurden ja teilweise so dargestellt, als bildeten sie quasi die Mitte der Gesellschaft und einen nicht unerheblichen Teil dieser ab. Was genau genommen halt nicht der Wahrheit entspricht.
Die Landwirte hier, die Menschen im Dorf, die alten Personen, alle fühlen sich von der Politik vergessen und von den Großstädtern mißverstanden. Und: Sie sind es auch.
Sehe ich nur teilweise so. Ich gebe zu: Mich ärgert ein Teil der Landbevölkerung hier in Österreich häufig, mein Großvater väterlicherseits kommt ja aus der südoststeirischen Gegend, waren sogar Landwirte, seine Familie. Was ich auf dem Land leider immer wieder feststelle sind Verbohrtheit, Engstirnigkeit, immer noch teils sehr salonfähiger Rassismus/Homophobie etc. Ja, habe ich selber schon "am eigenen Leib" erfahren dürfen. Ja, mir ist schon klar, dass es nix bringt, diese Vorurteile und Ressentiments einfach zu ignorieren, wütend macht mich das aber schon oft und gerade in AT finde ich das Stadt-Land-Gefälle da ziemlich auffällig und danke der Birth Lottery dafür, dass ich in Wien aufwachsen durfte.
Meiner Ansicht nach sollte JEDE/R einen Blick über den eigenen Tellerrand werfen können als erwachsener, vernunftbegabter Mensch. Ich kann natürlich Verständnis für die Sorgen und Ängste der Landbevölkerung aufbringen, und tue das auch - aber wenn man dann im Gegenzug anderen Lebensrealitäten direkt mit Ablehnung begegnet - schwierig.
Natürlich sind längst nicht alle Leute auf dem Lande so, wohl nichtmal die Mehrheit! Aber teils ist die Minderheit halt besonders laut und krakeelt rum, die Politik würde sich nicht für ihre Belange interessieren etc. Nun, ob man sich als nichtweißer, nicht ins heteronormative Gesellschaftsbild, Arbeiterklasse-Großstadtmensch wirklich viel besser von der Politik repräsentiert sehen kann? Nur, für mich ist das immer noch keine Entschuldigung dafür, dann Parteien zu wählen, die mit Nazi-Andeutungen kokettieren und die Rechte anderer Minderheiten einschränken möchten (damit meine ich die kleinen, krakeelenden Schreihälse...)
Ist halt die Frage, warum räumen wir denen so viel Raum ein, macht das Sinn? Denen, die eh immer nur schimpfen, alles als eine Art der persönlichen Verschwörung gegen sich betrachten, die selber lautstark auf ihre Rechte pochen, aber anderen Menschen dann nicht mit Respekt und Anstand begegnen können?
. Es geht um Existenzängste- fängst du hier an, aufs Gendern zu bestehen, schaut man dich an wie ein Mondkalb.
Ja, und genau das ist doch einfach BS. So als hätten Menschen, die in der Großstadt leben, automatisch keine Existenzängste
Die alleinerziehende Mutter mit Migrationshintergrund, die putzen geht zusätzlich zum Hauptjob, um sich Wohnung und Nahrung für die Kinder leisten zu können? Der Mittfünfziger mit gesundheitlichen Problemen, der seit Jahren arbeitslos ist und Notstandshilfe o.Ä. bezieht?
Da werden doch ganz unnötigerweise Gräben geschaffen, wo gar keine sind, soziale Probleme gibts ja nicht nur auf dem Land
Das ist irgendwie so ein Narrativ, das ich wirklich nicht verstehe, in Wahrheit haben doch der Mini-Landwirt in der tiefsten Provinz und die Leute aus meinen Beispielen durchaus diese Existenzängste, die gefühlte Perspektivlosigkeit etc. gemeinsam, oder nicht?
Und ja, ich persönlich denke, dass sich da gerade einiges tut, jüngere Menschen wachsen heutzutage Gott sei Dank schon in einem viel diverseren, inklusiveren Umfeld auf als früher und ich weiß von Leuten aus meiner und jüngerer Generationen, dass da Gendern, korrekte Pronomen benutzen, andere sexuelle Orientierungen akzeptieren etc. als vollkommen normal betrachtet wird. So soll es ja auch sein, und da sind wir eh gerade in einer sehr dynamischen Entwicklung drin. Für die paar Ewiggestrigen, die rumkrakeeln, wie schrecklich schlimm Gendersternchen doch sind, habe ich kein Verständnis und meiner Meinung nach müssen wir solchen letztlich menschenverachtenden Ideologien auch gar nicht so viel Raum einräumen
Wenn jemand sich dem verweigern möchte, weil er meint, das passe mit landwirtschaftlicher Tätigkeit nicht zusammen warum auch immer
, dann denke ich mir, selber schuld, wenn man sich nicht weiterentwickeln möchte, wird man halt auch abgehängt irgendwann