Glaube nicht, dass die Wolfsgegner schlauer sind als die Wolfsbefürworter - nur anders gelagert eben.
Genau da liegt meines Erachtens der Hund begraben. Ich frage mich immer, wo diese ganzen Extreme herkommen. Ich finde Wölfe toll. Wir haben jetzt den ersten hier - ich freue mich tierisch! Habe jahrelang auf den Moment gewartet.
Aber in den Medien begegnet mir irgendwie immer nur "Toll, Wölfe! Hurra! Alles reguliert sich von selbst. Friede, Freude, Eierkuchen." und "Oh Gott, Wölfe will ich hier nicht haben! Die gehören hier nicht her." (In der Lokalzeit wurde ein gestandener älterer Herr interviewt, der ensthaft Bedenken hatte, noch allein mit dem Fahrrad zu fahren - wegen EINEM ortsansässigen Wolf!). Beides ist Blödsinn.
Ich frage mich immer, wieso kein Mittelweg gefunden werden kann: Ein kontrollierter Abschuss von Wölfen, die an Haustiere, menschliche Behausungen und Menschen gehen und keine ausreichende Scheu zeigen. Damit ist der Problemwolf tot, die Rudelmitglieder haben was gelernt (Menschen sind doof.) man hat auf lange Sicht eine genetische Selektion auf Menschenscheu und verringert die Population, was wiederum zur Folge hat, dass die verbleibenden scheueren Wölfe mehr zu futtern haben, Krankheiten wie Räude sich nicht so leicht verbreiten und deswegen auch schon wieder weniger Grund da ist, sich an Haustieren zu vergreifen. Gleichzeitig zeichnen sich optimale Wolfregionen ganz von selber aus. Wo genug Wild und Lebensraum ist, ist das Konfliktpotential geringer als in Gegenden mit wenig Wild, vielen Haustieren, und/oder einer zu hohen Wolfspopulation.
Klaro ist das sehr vereinfacht dargestellt und in echt noch mal komplizierter, aber das ist mal die Kurzversion einer funktionierenden Regulierung in der Theorie. In der Praxis hat man dann noch andere Probleme. Z. B. die Jäger, die sich über scheueres, schwer zu bejagendes Wild beschweren. Da muss man als Jäger mit leben können. Wir haben die Aufgabe vom Wolf übernommen. Ist der Wolf zurück, können wir zumindest einen Teil wieder an ihn abgeben. Ich persönlich finde ein funktionierendes Ökosystem, in dem der Mensch nicht mehr so stark eingreifen muss, prima. Und es bleiben ja auch Flächen übrig, die aufgrund von Zersiedelung nicht für den Wolf geeignet sind, wo der Jäger eh weiterhin ran muss.
Ich betone: Ein kontrollierter Abschuss ausgewählter Individuen - im Optimalfall sogar durch Staatsbedienstete statt Hobbyjäger. Ich meine nicht: Gebt den Wolf zum Abschuss frei und möge das fröhliche Ballern beginnen! Denn das scheinen alle zu verstehen, sobald das böse Abschuss-Wort fällt (daher ja auch diese herrlichen Euphemismen wie "lethale Entnahme" - da kann man auch gleich "Bleivergiftung" oder "Abschiebung über die Regenbogenbrücke" sagen).
Es gibt Wölfe, die in unmittelbarer Nähe zu Schafen leben, ohne jemals da dran zu gehen! Wir hatten hier so eine Wölfin (hat inzwischen einen Partner, der ihr das mit den Schafen erklärt hat). Es kann sich also durchaus lohnen auf solche Tiere zu selektieren. Bei Haushunden hat es andersrum schließlich auch funktioniert (Selektion auf fehlende Scheu, gute Kooperationsbereitschaft etc.).
Das war das Wort zum Sonntag. In der Praxis wird vermutlich eher die Population weiter steigen, die Scheu weiter sinken, und dann wird irgendwann was passieren, was die Akzeptanz selbst beim letzten ovolaktovegetabilen Penthouse-Stadtmenschen einbrechen lässt und dann hat der Wolf so richtig verkackt und die ganze Nummer läuft plötzlich in die umgekehrte Richtung. Und davor hab ich Angst.