Hallo,
ich antworte direkt auf deinen Eingangspost weil du gezielt nach Erfahrungen fragst. Falls was doppelt ist, tut mir Leid.
Letzte Woche waren wir mit 7 anderen Hunden in einem Hundekurs
Du hast einen sehr jungen Golden Retriever, mit der Betonung auf Retriever. Labbis und Goldies wurde über Jahrhunderte jegliches Aggressionsverhalten abgezüchtet, was bei ihrer Verwendung auch durchaus sinnvoll ist. Und gerade aufgrund des fehlenden Aggressionspotentials gelten sie heute als das Paradebeispiel für den einfachen und unkomplizierten Familienhund. Jetzt kommt das große ABER: Viele Labbi- und Goldie-Halter wissen leider nicht, wie man diese Hunde führt. Macht in der Regel auch nichts. Aggression ist ja wie gesagt nicht vorhanden und (ich greife jetzt mal tief in die Klischee-Kiste) sie haben ja Gott sei Dank so einen großen Appetit, dass sie recht schnell zu fetten, faulen und trägen Tonnen werden. Problem gelöst. Gerade bei den Goldies beobachtet man das. Sie werden immer größer, immer schwerer, immer heller. Teilweise sehe ich hier richtig riesige weiße "Schlachtschiffe".
So, jetzt habe ich weit ausgeholt. Was heißt das für dich? Ich würde an deiner Stelle jeglichen Kontakt zu fremden Hunden rigoros vermeiden. Und zwar Minimum für die nächsten sechs Monate. Habt ihr Hundebekanntschaften aus der Welpenzeit mit denen es "klappt", d.h. Hunde mit denen er wirklich gut interagieren kann, ohne dass es zu solchen von dir geschilderten Szenarien wie Besteigen/Stressreaktionen/Übersprung, etc. kommt? Falls ja, würde ich mich wirklich ausschließlich auf solche Kontakte beschränken. Und diese auch dosiert! Qualität vor Quantität.
Hat dein Hund Gelegenheit, kontrolliert seinen Trieb auszuleben? Was macht ihr mit ihm außer Gassi gehen? Gehst du mit deinem Hund irgendeiner strukturierten Beschäftigung nach? Dummy-Training, Mantrailing, etc.?
Dein Hund ist ein Jahr alt. Er hat jetzt sehr viel Energie, wird immer triebiger. Wo, wann und wie oft hat er Gelegenheit, das seinen Anlagen entsprechend auszuleben? Er braucht dringend ein Ventil.
Leinenführigkeit hat er nie was von gehört plötzlich und es hat immer eine Weile gedauert, bis er wieder voll auf uns konzentriert war.
In diesem Gemüts- bzw. Bewusstseinszustand kannst du Erziehung vergessen! Er ist dafür überhaupt nicht aufnahmefähig! Du verlangst von ihm etwas, das er gar nicht im Stande ist zu leisten. Anschaulich: Du verlangst von einem Grundschüler Abiturleistungen. Das kann nicht funktionieren.
Der erste Schritt wäre hier, dass er wieder vom Außenfokus in den Innenfokus kommt. Das würde ich in ganz ganz kleinen Schritten beginnen. Klick für Blick, etc. (Auch hier würde eine gemeinsame strukturierte Beschäftigung sehr helfen!)
Erst wenn er wieder mit seinem Spatzenhirn bei dir ist, kannst du wieder mit Erziehung anfangen. Vorher nicht.
Uns wurde gesagt, wenn wir nicht schnellstmöglich eine Lösung finden, kann er nicht mehr kommen. Schöne Scheiße, wir sind etwa 1-2x die Woche auf die Pension angewiesen.
Ja, das ist klar. Die Hundepension möchte gerne die maximale Kohle mit minimalem Einsatz. Ein pubertärer Junghund ist da nicht der Traumkunde. Weil: Das ist ja Arbeit!
Mein Rat: Sieh dich bitte nach einer anderen Betreuungsmöglichkeit um. Das ist keine geeignete Option! Es wird noch weitere Lebensphasen deines Hundes geben während der er mehr Arbeit machen wird! Wenn dann immer gedroht wird, dass er nicht mehr kommen darf, würde ich da lieber jetzt schon anderweitig schauen. Und zwar nach einer Betreuung, die kompetent ist!
Mein Tipp
Wir haben über Ebay Kleinanzeigen eine sehr kompetente hundeerfahrene Privatperson gefunden, bei der ich meine Jungs optimal versorgt weiß. Sie nimmt immer nur zwei bis drei Hunde gleichzeitig, kennt die Hunde so sehr gut und hat bisher auch alle meine "Sonderwünsche" sehr gut umgesetzt.
Aber es bereitet mir arg Bauchschmerzen, weil ich immer gegen eine Kastration war und nicht weiß, ob es wirklich nur an den Hormonen liegt oder wir irgendwas grundlegend falsch gemacht haben oder es vielleicht doch nur eine Phase ist.
Jein. Natürlich ist es stückweit eine Phase. Dein Hund wird erwachsen. Er ist mitten in der Pubertät. Andererseits glaube ich auch, dass du deinen Hund einfach "falsch" führst. Das hört sich jetzt sicher härter an als es gemeint ist, aber dein Eingangspost lässt doch erkennen, dass dir der Sachverstand für diese Rassegruppe fehlt. Ist nicht schlimm. Davon sind viele Labbi- und Goldie-Halter betroffen und dein Hund ist jung. Es ist noch nichts verloren!
Nur würde ich halt JETZT damit anfangen, etwas zu ändern.
Balu ist sehr hyperaktiv. Ihn ausgelastet zu bekommen für mehrere Stunden ist schon sehr schwer.
Darf ich fragen, was du denn machst um ihn "auszulasten"? Ich befürchte, das Programm was du deinem Hund bietest ist zu viel und (aller Wahrscheinlichkeit nach) auch das falsche. Rein von den Gassi-Gängen sollten zweimal 45 Minuten vollkommen ausreichend sein. Diese Gassi-Gänge sollten so gestaltet sein, dass der Hund in Ruhe seinen Interessen nachgehen kann. Keine Action, kein Hochpushen, keine Leistungen einfordern. Einfach nur Schnuppern, Bein heben, im eigenen Tempo vor sich hin dümpeln. Ein bisschen Alltagsgehorsam (Rückruf, etc.) wird sich nicht vermeiden lassen. Das muss es dann aber gewesen sein.
Als wirkliche "Auslastung" (und ich muss das nochmals wiederholen!) würde ich mir eine strukturierte Beschäftigung suchen! An zwei Tagen die Woche ein paar kurze Sequenzen. Fertig.
Ich hab jetzt überlegt, ob wir nicht mal den Kastrationschip probieren sollen, hab aber ehrlich gesagt keine Ahnung ob das notwendig ist, weil ich nicht weiß, inwieweit sein Verhalten altersbedingt "normal" ist.
Nein, ich halte es nicht für notwendig! Nicht bei einem so jungen Hund. Zumal der Chip nicht unbedingt eine Veränderung bringen wird. Auch eine Kastration nicht. Mein älterer Rüde bekam mit knapp vier Jahren einen Chip gesetzt wegen einer Prostata-Vergrößerung. Die Wirkung trat (ohne "Erstverschlimmerung", ist ein Märchen) nach 10 Tagen ein. Wären die Hoden nicht kleiner geworden, am Verhalten hätte ich es nicht gemerkt. Er war weiterhin ein sehr freudiger, temperamentvoller, aktiver Hund. Das Einzige, das sich wirklich verändert hat, ist sein Schlafverhalten. Es kam mir vor als schliefe er tiefer und vor allem erholsamer. Weil alle prophezeiten negativen Veränderungen (Verhalten, Fell, Gewichtszunahme, etc.) ausgeblieben sind und die Wahrscheinlichkeit groß war, dass die Prostata sich wieder vergrößert, habe ich mich dann entschlossen ihn noch unter der Wirkung des Chips kastrieren zu lassen. Ich habe mir die Entscheidung damals sehr sehr schwer gemacht. Auch schon beim Chip. Aber ich muss sagen, dass ich es absolut nicht bereue.
Allerdings war er da halt auch schon fast 4 und vollständig erwachsen, sowohl körperlich als auch geistig. Dein Hund ist gerade einmal ein Jahr alt. Er hat noch ein bis zwei Jahre Wachstum und Entwicklung vor sich und dafür braucht er auch seine Sexualhormone. Einen Chip setzen oder gar kastrieren würde ich nur im absoluten Notfall.
Zum Abschluss noch ein weiterer Tipp: Schaue mal ob du Kontakte zu erfahrenen Goldie-Haltern knüpfen kannst. Wo wohnst du? Falls du irgendwo im Norden wohnst: Da ist quasie DIE Hochburg für Dummysport mit Retrievern. Knüpfe dort Kontakte, schaue wie diese Halter ihre Hunde führen. Du kannst da viel lernen für den eigenen Hund.
Und ganz wichtig: Die positiven Seiten am Zusammenleben mit Hund nicht aus den Augen verlieren!