Mit dem Thema hab ich mich lange und intensiv beschäftigt und ich hab da keine so klare Haltung zu. Ich hab meine Bachelorthesis mehr oder weniger darüber geschrieben, ein Großteil meiner künstlerischen Arbeit widmet(e) sich diesem Thema. Und trotzdem - ein klares Bild oder Urteil über Vermenschlichung und was das sein soll, will sich nicht einstellen.
Der Hund eignet sich für sein meschliches Gegenüber hervorragend als Projektionsfläche - klar, das können Menschen auch, machen es einem aber durch deren Sprachbegabtheit oft schwerer. Einen Hund zu lieben ist deshalb leichter, er ist leicht "bespielbar" mit den eigenen Vorstellungen, Wünschen und Unterstellungen.
Ich erinnere mich da an ein Hundebuch meiner Kindheit, das sinngemäß damit begann:
"Er liebt dich treu und urteilt nicht über dich. Er liebt dich und es spielt keine Rolle, ob du klug bist oder dumm, reich oder arm, gut oder böse." - Bedingungslose Liebe, wer sehnt sich danach nicht? Und dabei spielt keine Rolle, ob wir indexikalische Beweise dafür finden, geliebt zu werden - es reicht unsere Interpretation dessen, die aber völlig natürlich ist, da sie nicht nur kulturell in Sicht auf den Hund gewachsen ist, sondern auch in uns menschlich veranlagt. Was wir zu fühlen und zu denken im Stande sind, unterstellen wir dem Gegenüber. Fehlt uns eine Erfahrung oder Fähigkeit in unserer Erfahrung oder Vorstellung, unterstellen wir sie auch nicht.
Was ist also mit Menschen, die sich sexuell, amourös oder als Partnersubstitut zu Tieren hingezogen fühlen? Finde ich erst mal nicht verwerflich, solang es nicht zu Übergriffen auf das Tier kommt, die dem Tier schaden. Ist ein Tabu, ja, aber außerhalb der Tabuisierung ist Zoophilie nicht mal zwangsläufig an sexuelle Übergriffe auf ein Tier gekoppelt und solange habe ich nicht das Gefühl, mich demgegenüber moralisch positionieren zu dürfen.
Ich kam damals zu diesem Thema, weil ich Ulrich Seidls Mockumentary "Tierische Liebe" gesehen habe. Seidl-typisch absolut verstörend. Es gibt einige Ausschnitte bei Youtube, ist sehr anstrengend - ich verlinke mal nichts - aber wenn ihr mal reinseht, stellt euch vor, dass ihr unkommentiert zwei Stunden solche Bilder seht, wie Menschen einfach ganz ohne Blick aufs Tier mit ihren Tieren umgehen.
Das eigentlich verstörende in diesen Mensch-Tier-Beziehungen ist das radikale Ignorieren der Bedürfnisse der Tiers bzw. dessen Entgrenzung. Das passiert ja gar nicht aus böser Absicht, sondern weil das Vermögen nicht da ist, sich - insbesondere in eine fremde Lebensform - einzufühlen. Manche Menschen können das vielleicht besser als andere. Manche Menschen können es nicht besser als andere und kompensieren das intellektuell über die Auseinandersetzung mit der spezifischen Art. Und vermutlich die meisten von uns hier im DF können es zum einen intuitiv ganz gut und nutzen darüber hinaus die Möglichkeiten des Wissenserwerbs. Deshalb wirkt es auf uns verstörend oder abstoßend, wenn wir andere Menschen dabei beobachten, wie sie das Tier (oder häufig auch andere Menschen) zur reinen Projektionsfläche eigener Bedürfnisse machen, so wie wir es zu Kinderzeiten mit unseren Stofftieren gemacht haben. Sie werden in dem Moment entkoppelt von ihrer Eigentümlichkeit und reduziert auf ein "als ob".
Letztlich findet sich das gleiche Bedürfnis bei Hunde-, Hahnen-, Bärenkämpfen, in denen diese andere Spezies eine Stellvertreterrolle einnimmt und somit letztlich dem Selbstbezug dient.
Ich weiß nicht, wer von euch John Berger "Warum sehen wir Tiere an?" gelesen hat. Es ist nur ein Kapitel in "das Leben der Bilder" und nett zu lesen. Kurz gesagt geht es darum, dass der Mensch in Zoos viel mehr gesehen werden will, auf Interaktion mit der anderen Spezies hofft, um sich selbst wahrgenommen zu fühlen, als dass er Tiere sehen will. Das hat mich beeindruckt, weil ich mich damit schmerzlich identifizieren konnte.
Die Frage ist also eigentlich meiner Meinung nach, ob wir Tiere überhaupt auch nicht-vermenschlichen können oder ob unser Bezug zum Leben nicht immer dadurch geprägt ist, dass wir nur aus unserem Selbstempfinden heraus überhaupt Zugang zu anderen Lebewesen konstruieren können.