Ja, die Hundehalterin hat natürlich falsch gehandelt - aber gibt es hier jeamanden, der noch niemals im Leben seinen Hund falsch eingeschätzt hat?
Diese Frage stellt sich doch überhaupt gar nicht! Was hat denn mein alltägliches Fehlverhalten mit explizit diesem Fehlverhalten der 18jährigen Hundehalterin zu tun?
Wenn jemand angetrunken Auto fährt und einen Unfall verursacht, trägt er trotzdem Schuld, auch wenn "niemand perfekt ist und fast jeder schonmal mit einem Gläschen Wein intus Auto gefahren ist".
Man trifft die bewusste Entscheidung Risiken einzugehen (z.B. seinen Hund frei laufen zu lassen, oder mit einem Glas Wein intus Auto zu fahren) und somit trägt man auch die bewusste Entscheidung die Konsequenzen zu tragen wenn es schief läuft.
Ich rede jetzt überhaupt nicht von großen Sachen, sondern von Kleinigkeiten, wie dass der Hund den Rückruf erst nach 2 weiteren Schritten zu befolgen, statt auf dem Absatz umzudrehen, dass der Hund doch noch einen Schritt weiter macht, obwohl er normal augenblicklich liegt, sobald man "Down" ruft oder dass der Hund plötzlich von einem Reiz abgelenkt / irritiert ist, auf den er noch nie vorher reagiert hat usw.
Ich bin mir 100% sicher dass das jedem Hundehalter unzählige Male passiert. Aber nochmal, was hat das eine mit dem anderen zu tun?
Und auch wenn es noch nicht passiert ist - ist das auch in der Zukunft so?
Ich gehöre zu den Hundehaltern, die lieber 100 Mal zu oft anleinen, als einmal zu wenig und ich bin vor allem jetzt bei Lucy (im Bezug auf den Jagdtrieb) sehr vorsichtig und leine nur ab, wenn ich mir sehr sicher bin, dass ich alles im Blick habe und die Situation im Griff habe. Trotzdem bin ich mir bewusst, dass ich trotz aller Vorsicht eine Situation, die Umstände, den Hund oder auch meine Reaktionsgeschwindigkeit falsch einschätzen könnte.
Richtig, es könnte rein theoretisch sein, dass Dein Hund in 3Jahren aus dem Garten ausbüchst, einem Autofahrer vors Auto läuft und dieser in eine Menschengruppe reinfährt. Theoretisch ist eine Menge möglich.
Ich denke, 1000%ige Sicherheit hat man bei einem Lebewesen nie.
Du wirst nicht einmal auf 100% kommen.
Oder man ist vielleicht selbst mal kurz abgelenkt - daran muss man auch nicht mal selbst schuld haben - ich wurde z.B. von einem fremden freilaufenden Hund mal so heftig angerempelt, dass ich das Gleichgewicht kurz verloren habe.
Wäre in dieser Sekunde ein Radfahrer gekommen, hätte Lucy - trotz Schleppleine - auf den Weg gelangen können, weil ich für 1-2 Sekunden nicht reagieren hätte können.
Und wenn Dir dabei etwas schlimmes passiert wäre, oder Lucy etwas schlimmes ausgelöst hätte, dann müsste irgendwer / irgendeine Instanz entscheiden wer zu welchem Anteil Schuld hat und wie die daraus resultierenden Konsequenzen aussehen.
Und weil im Alltag so schnell mal eine Unachtsamkeit / ein Fehler passiert, tue ich mich sehr schwer damit, zu sagen, dass die Hundehalterin "schuld" am Tod des Radfahrers ist.
Wer denn sonst? Es war ein Unfall und Auslöser des Unfalls war genaugenommen sie, weil sie die Entscheidung getroffen hat ihren 8monatigen Hund frei laufen lassen. Nichts deso trotz ist sie schuld.
Vielleicht hilft es das Wort Schuld nicht ausschliesslich moralisch wertend zu betrachten, sondern auch pragmatisch.
Für mich ist es ein großer Unterschied, ob jemand ganz bewusst jemanden in Gefahr bringt - also z.B. einen Hund, bei dem bekannt ist, dass er gefährlich ist, im Park ohne Leine und Maulkorb frei laufen lässt. Jemand, der sich mit 1,5 Promille hinters Steuer setzt usw.
Für mich hat diese junge Dame fahrlässig gehandelt. Ich bin ganz bestimmt weit weg davon ein perfekter Hundehalter/-führer zu sein. Sehr weit weg. Aber seinen 8monatigen Junghund auf einer stark frequenzierten Fläche, wohlwissend dass Fahrradfahrer auch mal zügig unterwegs sind, viele andere Spaziergänger anwesend, viele starke Fremdreize ausgesetzt, frei laufen zu lassen, ist für mich fahrlässig > in Kauf nehmend dass etwas passieren kann. Dieses Ausmaß hat sie sich ganz sicher nicht vorgestellt, und im Leben nicht gewünscht, aber sie hat ein grundsätzliches Risiko in Kauf genommen damit ihr Hund frei laufen kann. Und ich betone nochmal, ihren JUNGHUND.
Oder, ob einfach durch eine Verkettung äußerst ungünstiger Umstände ein so schrecklicher Unfall passiert.
Und auch dann wird es rechtlich und versicherungstechnisch betrachtet um Schuld gehen.
Bei Zweiterem mag ich mir keine Schuldzuweisung erlauben, weil jedem Menschen täglich unzählige Fehler/Unachtsamkeiten passieren - die in der Regel aber zum Glück keinerlei Auswirkungen haben und deshalb 2 Sekunden später auch wieder vergessen sind.
Oder man merkt es überhaupt nicht (z.B. wurde mir schon mehrmals die Vorfahrt genommen - und der andere Autofahrer merkte gar nicht, dass er fast einen Unfall verursacht hätte, weil er nur in die andere Richtung geschaut hat und mein Auto einfach komplett übersehen hat).
Schuldzuweisung in moralischer Form sollte es an dieser Stelle auch nicht geben, ist aber absolut menschlich! Ich bin mir sicher, dass dieses theoretische blablabla unerträglich ist für die Familie des verunglückten Mannes. Denn was sehen die? Mein Mann, Sohn, Vater, Onkel, bester Freund, ist mit dem Fahrrad auf dem Radweg gefahren und ein unangeleinter Hund hat ihm zum Sturz gebracht woraufdessen er verstorben ist.
Sorry dass ich dem jungen Mädchen wenig Mitleid entgegen bringen kann. Das ist ganz sicher nicht grossherzig von mir.