So, nun bin ich ausgeschlafen und wieder aufgewärmt. Das war gestern wirklich wie eine Fahrt in bzw. nach Sibirien. Und ich bedanke mich erst mal bei euch für die gedrückten Daumen, sie haben ganz offensichtlich geholfen!
Ja, nun bin ich bereit, mich mit dem kleinen Wunder zu befassen, zu einem Hund wie die Jungfrau zum Kind gekommen zu sein.
Wenn mir jemand vor zwei Monaten, ach was noch vor einem Monat, gesagt hätte, dass es sowas gibt, hätte ich ihn ausgelacht. Aber offensichtlich spielt das Schicksal manchmal nach anderen Regeln als den normalen.
Ein bißchen was erzähle ich euch nun zum Wunschhund, halte mich aber immer noch etwas bedeckt, weil es ja noch nicht mein Hund ist, auch wenn wir schon auf der Zielgeraden sind.
Offiziell wird es (wenn die Vorkontrolle nicht noch Bedenken hat, wovon ich nicht ausgehe) erst ab Anfang Januar. Der Hund hat am Mittwoch noch einen Termin für die Kastration, hatte bisher einen chemischen Chip, der aber aus mehreren Gründen nicht mehr länger gegeben werden kann/soll. Von der OP muss er sich erst mal erholen und heilen, die Vorkontrolle, Vertrag etc. brauchen auch noch etwas Zeit, und ich habe mit der Pflegestelle vereinbart, dass er nicht ein paar Tage vor Silvester kommen soll. Ich wohne zwar am Stadtrand mit viel Grün außen herum, aber genau das macht Silvester hier zur Hölle, weil auf den vielen freien Flächen schon drei Tage vorher geschossen wird und an Silvester von 16 Uhr bis 2 oder 3 Uhr morgens hier akustisch der Krieg ausbricht und Rauschwaden über den Park vor meiner Tür ziehen. Ich könnte mit einem Hund ab ca. 16 Uhr nicht mehr zum Gassi, nicht mal zum Lösen raus, bis zum nächsten Morgen, weil man praktisch direkt in die Böllerbatterien reinläuft. Nicht wenige Hunde reißen sich jedes Silvester los, irren dann panisch herum, werden verletzt oder angefahren, und werden, wenn, dann erst Tage später wieder aufgefunden. Das tue ich dem Wunschhund nicht an. Es wäre der schlechteste Start bei mir, den man sich vorstellen könnte. Deshalb bleibt er bis Neujahr in der (sehr ruhig gelegenen) Pflegestelle und zieht dann erst zu mir um.
Er ist ca. 6 1/2 bis 7 Jahre alt, lebte jahrelang in einer anderen Stadt bei einem Vorbesitzer, der sehr gut mit ihm umgegangen ist (man merkt es am Hund, wie er ist), dessen Lebensumstände sich aber ohne eigenes Verschulden so gravierend verändert haben, dass er sich nicht länger verantwortungsvoll und gut um seinen Hund kümmern konnte. Also hat er ihn zur Vermittlung freigegeben und trauert ihm jetzt noch, vier Monate päter, nach, fragt nach ihm, hat immer noch Kontakt zur Pflegestelle wegen seinem Hund. Der Wunschhund hat also wirklich positive Erfahrungen mit Menschen gemacht (kam als Welpe aus Italien) und das merkt man ihm auch an. Er ist sehr gelassen, friedlich, ein Schmusebär, der nichts schöner findet, als ans Knie gelehnt gestreichelt und gekuschelt zu werden, aber auch gelassen geht, wenn man was anderes zu tun hat. Er liebt Kinder, kommt problemlos mit anderen Hunden und mit Menschen aus, ist stadterfahren, man kann ihn überall mit hinnehmen, auch mal allein lassen, und hat - laut Vorbesitzer und Pflegestelle - keinen Funken Aggressivität in sich. Was er nicht leiden kann, sind Katzen, und er hat Jagdtrieb. Bellen ist kein Thema, er hat gestern nicht mal gebellt, als zwei Fremde plötzlich in die Wohnung kamen. Das hat sein Mitbewohner, der Malamute, für ihn übernommen. 
Mit dem Tageshund lief es bei einem kurzen Gassigang auch sehr gut. Erst gab es von ihr etwas Gebell, und sie hat ihm mitgeteilt, dass er bitte etwas auf Abstand bleiben soll, was er auch sofort anstandslos akzeptiert hat, aber nach zehn Minuten Gassirunde liefen die beiden mit ca. einem Meter (wenn überhaupt) Abstand neutral-friedlich nebeneinander her und kümmerten sich um ihre eigenen Schnüffelangelegenheit. Das ist für den Anfang schon mal sehr gut gelaufen, damit kann man arbeiten, darauf kann man aufbauen.
Jo, und jetzt kommt der Punkt, an dem wahrscheinlich viele hier aufschreien: er ist ein Labbi-Schäferhund-Mix und entsprechend groß. Unter anderem deswegen wollte ich ihn unbedingt besuchen, trotz der über 600 km langen Fahrt hin und zurück, weil ich a) sehen wollte, wie der Hund sich verhält (Fremden gegenüber, beim direkten Kontakt, beim Gassigehen, dem Tageshund gegenüber) und weil ich b) testen wollte, ob ich mich ihm gegenüber entspannt und sicher fühle, ohne Grummeln im Bauch, und ob ich mir selber zutraue, mit ihm umgehen zu können. Und nicht zuletzt c) wollte die Pflegestelle genau das auch sehen, denn sie liebt den Hund, würde ihn selber behalten, wenn sie könnte, und ist sehr darauf bedacht, dass er einen guten, dauerhaften Platz bekommt und nicht nach drei Monaten wieder bei ihr landet. Aussage von ihr: ich vertraue ihn nur jemanden an, bei dem er ein sehr gutes neues Zuhause kriegt, nicht nur ein gutes.
Deswegen war ich so erstaunt, dass ich überhaupt in die nähere Auswahl kam (er hatte mehrere Interessenten). Hätte ich nicht gedacht, ganz ehrlich. Ich hatte eher erwartet, dass die Pflegestelle sagt, vielen Dank für den Besuch, es war sehr nett, aber für den Hund sind Sie doch nicht so ganz die Richtige. Stattdessen kam gestern abend die Zusage, dass sie ihn mir gibt und anvertraut. Und für mich ist das auch vollkommen ok und fühlt sich einfach nur an, als sollte es so sein.