Ich hab hier zwei Hunde, die - unter Berücksichtigung der körperlichen Einschränkungen einer fünfzehnjährigen Hundedame - stundenlang mit Spaß an der Freude mit mir durch die Pampa marschieren könnten. Das war nicht immer so.
Unsere alte Dame ist ein Rassenmischunfall. An nicht so sozialkompatiblen Interessen hat sie Rüpelhaftigkeit und Jagdtrieb mitgebracht. Die ersten zwei Jahre war an „ruhige entspannte Gassigänge“ gerade hier im wildreichen Spessart nicht zu denken - sobald was Interessantes am Horizont war, war der Hund auf Habacht. Geistig weg und körperlich auch, wenns die Schleppi nicht verhindert hat. Also haben wir daran gearbeitet. An Hund- bzw. Menschbegegnungen dahingehend, dass wir regeln, wie die Begegnung verläuft. Über Vertrauensaufbau und die Vermittlung, dass sich Kooperation lohnt. Am Jagdtrieb mit Dummyarbeit. Grob gesagt, hat sie gelernt, wann sie draußen einen Job hat und wann sie die Seele baumeln lassen darf.
Erst auf dieser Basis war dann ausgiebiges und entspanntes Wohlfühlgassi mit Schnüffeln, Erkunden und Hundedinge - in einem für alle angenehmen Radius ums Restteam herum - möglich. Denn ab da wurde sie nicht mehr von jedem kleinen Bewegungs- oder Geräuschreiz in vollen „Actionmodus“ versetzt und konnte sich entspannen.
Und genau das ist umso wichtiger bei einem Arbeitshund. „Schlendergassi“ ist dann für den ok, wenn er gelernt hat, dass er dabei nicht im Arbeitsmodus ist. Und das geht ebenso weit, wie die genetischen Komponenten des Hunds, die Umgebung und die Ausbildung durch und Kooperation mit dem Hundeführer es zulassen. Und die Frage berücksichtigt wird, wie sehr der Hund rassegerechte Auslastung braucht und eben nicht mit nur Gassierkunden zufrieden ist.
Und da war - ganz erkennbar, dafür muss man kein Maliexperte sein - im Ausgangsthread die Basis einfach (noch) nicht vorhanden. Konnte sie gar nicht sein.
Rein hormonell: Wenn ein Hund draußen im „Arbeitsmodus“ ist, dann reagiert der Körper auf auftretende Reize mit „Stress“. Mit der Ausschüttung von Cortisol und Adrenalin. Was den Körper in noch höhere Angespanntheit, Aufmerksamkeit und damit Reizempfänglichkeit bringt. Und dieses hormonelle Hoch sucht sich seinen Ausgleich (wer mal Prüfungsangst hatte, weiß, wie widerlich es ist, in der Situation nicht wegrennen oder kämpfen zu können
). Und das kann je nach Rasse echt unangenehm werden, wenn dieser Ausgleich ohne Ausbildung und Anleitung gelebt wird. Auf unterschiedliche Weise.
Ein dauerhaft erhöhter Adrenalin- und Cortisolspiegel hat ernsthafte gesundheitliche Folgen und kann über „normale Bewegung“ nicht mehr reguliert werden. Im Gegenteil: Wenn diese Bewegung mit Reizen gekoppelt ist, spult der Körper sich dadurch hoch.
Ich hab hier auch noch eine Angsthündin. Für die ist Gassi ein sehr neues Konzept gewesen, die kannte es ja nur, draußen im „Überlebenskampf“ zu sein. Auch hier haben wir viel über Vertrauen gearbeitet. Und über Entspannung, Ruhe und Strukturen. Und Aufbau der Umgebung als „safe place“. Gekoppelt mit „Arbeitsspaziergängen“, die aus dem Alltag heraus immer dann entstehen, wenn der Hund sich in einer Umgebung nicht sicher fühlt. Oder zwar in vertrauter Umgebung ist, aber die Umstände anspannend sind. Da sind wir als Hundeführer gefragt, zu erkennen, dass der Hund vom Entspannungs- in den Arbeitsmodus wechselt und entsprechend zu reagieren, enger zu führen, anzuleiten.
Gestern z. B. : Wir haben eine wunderschön entspannte Waldrunde begonnen. Und dann hat die Treibjagd eingesetzt. Hätten wir erwartet, dass der Hund wunderbare Entspannungsrunde fortsetzt, wäre die uns spätestens abends aber so richtig um die Ohren geflogen. Mit einem erheblichem Trainingsrückfall, der dank Deprivationsschaden bei ihr auch mühsam wieder einzuholen ist.
Doch das mit berücksichtigt laufen wir gerne täglich stundenlang gemeinsam durch die Gegend und haben Spaß dabei. Und die Hunde sind zufrieden.
LPaxx
Ich denke, darauf bezog sich die Kritik und beziehen sich viele der Stimmen hier nach „Ruhe“: So lange man seinen Hund noch nicht gut genug kennt - und er einen auch nicht - dass mannsieht, ob er draußen entspannt ist oder nicht; so lange der Hund noch nicht gelernt hat, dass er seinen „Jobmodus“ in die Hände des Hundeführers legen soll und darf; so lange die entsprechende Vertrauensbasis nicht da ist, so lange macht man einfach besser langsam. Weil gerade bei hoch reaktiven und zum Junkietum neigenden Hunden Fehleinschätzungen teuer bezahlt werden können. Und in den Threads, die auf jeden Fall ich und möglucherweise auch Du im Kopf haben, war genau dieses schon der Fall, dass Hund und Halter Fehleinschätzungen „bezahlt“ haben.