Hündin aus schlechten Verhältnissen beisst...

  • Hallo, liebe Hundeforumler.

    Vor vier Tagen sind wir in den Besitz einer dreijährigen Chihuahua-Mischlingshündin gekommen. Wir sind nicht hundeunerfahren, hatten aber bis dato keinen eigenen Hund. Wir haben bislang vier Tage die Woche auf einen Mischlingshund aufgpasst, der ein traumhaft gutes, ausgeglichenes und liebes Wesen hat.

    Die Anschaffung eines eigenen Hundes war mehr oder weniger geplant, jedoch überstürzten sich die Ereignisse in der Familie, so dass uns die Entscheidung, um was für einen Hund es sich letzlich handeln sollte, abgenommen wurde. "Lissy" (so heisst unsere Hundedame) war eigentlich für jemand anders bestimmt, der sich jedoch als völlig ungeeigneter Hundehalter herausstellte.

    Lissy wurde aus furchtbaren Verhältnissen übernommen: Bislang hat sie auf einem heruntergekommenen, alten, in ein Wohnhaus umfunktionierten, Bauernhof die letzte Geige gespielt. Sie wohnte dort mit der mehrköpfigen Familie (einige kleine Kinder waren auch dabei) und neben total heruntergekommenen Vögeln und anderen Nage- und Kleintieren. Sie hatte keinerlei "eigenen Besitz" außer ihrer Leine und ihrem Halsband, somit wurden uns weder Körbchen noch Decke noch sonst irgendetwas überreicht. Leine und Halsband entpuppten bei naher Betrachtung ihren Zustand: Sie waren so dreckig, dass wir sie am ersten Mülleimer auf der Heimfahrt entsorgten.

    Lissy wohnt nun seit vier Tagen bei uns und wir haben uns größte Mühe gegeben, ihr ihr Leben bei uns so angenehm wie möglich zu gestalten. Wir haben ihr sofort eine Decke, ein Körbchen und etwas Spielzeug sowie ein Halsband, ein Geschirr und eine Leine gekauft. Zwei Näpfchen, ein paar Leckerlis und Trockenfutter standen auch direkt nach ihrer Ankunft bereit.

    Bis heute hatten wir mit Lissy überhaupt gar keine Probleme. Sie war zwar etwas ängstlich, was aber angesichts ihrer bisherigen Wohn- und Lebenssituation auch nachvollziehbar erscheint. Ansonsten war Lissy lieb, nach einiger Beschäftigung auch zutraulich und, zu unserer Überraschung, überwiegend sehr still. Wir hatten eigentlich bei der Größe einen kleinen "Kläffer" erwartet.

    Doch heute, am vierten Tag, begann Lissy plötzlich, ein neues Verhalten zu zeigen. Als eine Familienangehörige (bei der sie schon einen Nachmittag in Ruhe und Frieden und ohne Probleme verbracht hatte) den Raum betrat begann sie plötzlich zu knurren. Als sie sich dem Sofa (auf das Lissy durfte und an das sie sich gewöhnt hatte) näherte, intensivierte Lissy ihr Knurren und schappte plötzlich nach ihr.

    Wir erklärten uns ihr Verhalten zunächst als Abwehr einer Bedrohung, nämlich der Annäherung unserer Familienangehörigen an das Sofa, das Lissy als ihr "Territorium" zu betrachten schien.

    Wenig später spielte sich jedoch ein ähnliches Szenario noch einmal mit einer anderen Familienangehörigen ab: Diese setzte sich auf das Sofa, während Lissy von uns festgehalten wurde. Als wir uns dann selbst mit Lissy auch aufs Sofa setzten, biss Lissy ohne Vorwarnung zu, obwohl keine augenscheinliche Bedrohung bestand: Unsere Familienangehörige verhielt sich völlig ruhig und sass sogar leicht abgewendet und mit jemand anderem ins Gespräch vertieft zu Lissy.

    Auch nach einem anderen Familienmitglied schappte Lissy noch wenig später.

    Nach langer Vorgeschichte nun unsere Fragen:
    - Wie geht man mit diesem Verhalten um?
    - Wie können wir eingrenzen, wessen Fehler und welche Faktoren Lissy zum genannten Verhalten bringen?
    - Wie können wir Lissy dazu bringen, nicht mehr zu beissen? Oder besser formuliert: was können wir ändern, damit Lissy nicht mehr beisst?

    Wir haben damit begonnen, sie sehr konsequent nicht mehr aufs Sofa zu lassen und ihrem Knurren oder Beissen SOFORT eine gezielte negative Reaktion folgen zu lassen (kurzes, lautes Schimpfen) in der Hoffnung, sie verknüft diese Reaktion mit ihrem Verhalten.

    Zusätzlich beschäftigt uns noch der Hund, der uns bislang vier Tage die Woche besuchte. Er kann zur Zeit natürlich gar nicht mehr zu uns kommen, was uns auch sehr am Herzen nagt. Lissy hat, trotz der nur leicht geringeren Größe, Angst vor ihm und wir befürchten, sie könnte auch nach ihm schnappen oder ihn sogar beissen.


    Viele Grüße und vielen Dank für eure Antworten.

  • Hallo,

    für mich klingt es so, als sei die Hündin noch durch den Umzug, der schließlich erst vor vier Tagen stattgefunden hat, sehr gestresst.
    Was waren das für Familienangehörige (ich möchte nicht den Verwandtschaftsgrad wissen)?
    Leben sie mit ihm Haus?
    Oder handelte es sich um Besuch?
    Du hast geschrieben, dass sie bei dieser Person schon einen Nachmittag verbrachte, demnach gehe ich davon aus, dass sie nicht zu eurem Haushalt gehört.
    War die Hündin dort mit dir oder alleine?
    Auf jeden Fall ist das alles zu viel für die ersten Tage.
    Lasst sie erst einmal ein bis zwei Wochen in Ruhe, so wenig Besuch wie möglich und nicht überalll mithinschleppen.
    Das scheint sie zu überfordern.
    Auch wenn sie sich augenscheinlich eingelebt hat, ist dem noch nicht so.
    Jeder Hund braucht ein gewisse Zeit, um sich an alles zu gewöhnen.
    Neues Zuhause, neue Menschen - wem sie vertrauen kann, kann sie noch nicht einschätzen.

    Auf das Sofa würde ich sie vorerst auch nicht mehr lassen, das habt ihr richtig entschieden.
    Knurren würde ich nie bestrafen, weder mit Schimpfen noch sonstwie.
    Du hast es schon richtig eingeschätzt, im Grunde fühlte sie sich möglicherweise bedroht und hat mit Knurren versucht, die potenzielle Gefahr auf Abstand zu halten.
    Spätestens dann muss der Hund aus der Situation entfernt werden.
    Bei der zweiten Attacke fühlte sie sich wahrscheinlich primär auf dem Sofa in deiner Nähe sicher, jedoch kam ihr deine Angehörige auch dort zu nah, eigentlich an dem, für sie, sicheren Ort.
    Also:
    Mehr Ruhe reinbringen, keinen Besuch in den nächsten Tagen kommen lassen.
    Richtet ihr einen festen Platz am Boden ein (Korb oder ähnliches), fernab vom "Besuchergeschehen", also nicht so, dass alle an ihr vorbei müssen.
    Wenn in ein, zwei Wochen Besuch kommt, sollte dieser die Hündin komplett ignorieren, nicht ansehen, nicht anfassen, nicht füttern.
    Nichts, der Hund ist Luft.

    Auch wenn sie kein allzu schönes Vorleben hatte, behandelt sie nun nicht wie eine Prinzessin.
    Das meine ich keinesfalls böse.
    Häufig ist man dazu geneigt, einem Tier, was aus nicht optimaler Haltung kommt, zu verwöhnen.
    Das ist aber unnötig.
    Zu schnell schiebt sie sich in den Mittelpunkt und beginnt, zu reglementieren.
    Hausregeln und Grenzen werden ab sofort gesetzt.
    Ein fester Tagesablauf erleichtert den Neubeginn.

    Sollte das Verhalten, trotz aller Maßnahmen, weiter bestehen bleiben, zieht einen guten Hundetrainer, der gewaltfrei arbeitet, hinzu.

    Gruß
    Leo

  • Vielen Dank für deine ausführliche Antwort, wir werden die Ratschläge beherzigen :)

    Zu deiner Frage:
    Die Angehörige 1 wohnt mit im Haus (örtliche Nähe) aber nicht im selben Haushalt. Sie ist schon öfter hier in Erscheinung getreten, aber nur kurz. Die Angehörige 2 nicht, sie war nur zu Besuch. Das macht für Lissy aber wahrscheinlich keinen Unterschied, sie hat sicherlich beide als fremden Besuch empfunden...

    Wir sind natürlich für weitere Vorschläge und Rückmeldungen offen, jede Perspektive erweitert unsere Sicht und gibt uns Sicherheit im Umgang.

    PS: Sicherlich heisst "kein Besuch" auch "kein Besuch durch den anderen Hund"? Wir haben in vier Wochen die unausweichliche Situation, den anderen Hund für eine Woche aufnehmen zu müssen. Gibt's da gute Tipps, wie wir uns dann verhalten sollen? Sollten wir Begegnungen dann vermeiden?

  • ich hab das bei meinen hund anfangs so gemacht, dass 10-14 tage nach ankunft ich keinen besuch empfangen hab.
    waren nur ich und mein mann da.
    der hund wurde dabei in ruhe gelassen, sprich im wurde ein schlafplatz zu verfügung gestellt, ein napf für futter und wasser.
    hund wurde an leine gewöhnt (geschirr war immer an) und wir gingen mit ihm raus zum lösen.

    alles andere wurde auf das minimum runter geschraubt, sprich hund durfte nicht von anfang alles, es gab grenzen und verbotkommandos. streicheleinheiten gabs nur wenn hund es wollte, hund wurde nicht stundenlang rumgetragen und zugelabert.

    einfach den hund ankommen lassen, in ruhe lassen, sich umgewöhnen lassen.

    bis ein hund in seinem neuen zuhause ankommt kann es mehrere wochen und monate dauern.

    ich gebe schweizer da recht, für mich klingt das nach einfach zuviel des guten. zuviel neues, zuviele neues eigenes, zuviele neuen eindrücke, menschen, gerüche...der hund ist einfach gestresst und überfordert.

    lasst ihn einfach paar tage ganz in ruhe einfach nur nebenher laufen.

  • Erstmal, super, dass du diese Hündin aufgenommen hast :gut:

    Lass sie erstmal ankommen. 4 Tage ist ja noch nicht viel. Lass ihr Zeit.

    Vom Sofa würde ich sie vorerst auch verbannen. Hat sie einen festen Platz, der nur ihr gehört und wo ihr sie in Ruhe lasst? Evtl. bietet sich auch eine Box an, die soll natürlich immer offen bleiben, aber in einer Box ist sie von allen Seiten geschützt, wenn sie Ruhe sucht.

    Was den anderen Hund betrifft, trefft euch auf neutralem Boden, damit die Hunde sich erstmal kennen lernen können. Es sind ja noch 4 Wochen hin, da sollte genug Zeit sein, die Hunde miteinander vertraut zu machen.

    Und was natürlich ganz wichtig ist, macht nicht zu viel Theater um den armen armen Hund. Behandelt sie normal. Setzt ihr Grenzen. Sie ist bei euch, da gibt es Regel auch für Hunde aus schlechten Verhältnissen. Oftmals verhätscheln wir solche Hunde ja ganz dolle. Aber für eure Hündin ist es definitiv besser, wenn sie Regeln kennt und von heute an ein geregeltes Leben führt.

  • Wir lesen immer noch aufmerksam mit :-)

    Sammy1612: Das Körbchen (mit zwei Decken und einem kleinen Kissen) nimmt sie als Ruhe- und Schlafplatz gut an. Auch deinen Ratschlag mit "neutralem Boden" werden wir annehmen, das Wetter verspricht ja im nächsten Monat eher besser zu werden, so dass das nicht schwierig sein dürfte.

    Was wir nun auch beherzigen ist, nicht zu viel Aufmerksamkeit nur auf den Hund zu richten. Es stimmt schon: Er soll sich hier ja an das normale Leben gewöhnen und nicht zur kleinen Prinzessin werden.

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