Angsthund: Bindung, Kontrolle oder Verlustangst?

  • Hallo ihr Lieben,

    das Mensch-Hund-Team aus Herrn Leon und dem Känguruh funktioniert eigentlich ganz wunderbar.

    Unser Kernproblem, die Panikattacken von Herrn Leon, sind jetzt eigentlich gut zu kontrollieren. In der letzten Woche hatten wir da nochmal einen kleinen Rückschritt, konnten den Spaziergang dann aber planmäßig beenden, sodass man doch von einem guten Ausgang sprechen kann. Ich denke, hier kommen wir super klar - ich berichte ja auch immer in seinem Thread.

    Inzwischen entwickelt er aber einige Verhaltensweisen, von denen ich mir nicht sicher bin, ob ich daran arbeiten sollte oder nicht.

    Wichtig ist, dass ich mich von keiner einzelnen Marotte gestört fühle :smile: und nur daran arbeiten möchte, wenn ich dadurch das Wohlbefinden meines Hundes steigern kann.

    Ich fang mal an.

    Als wir ins Erdgeschoss umgezogen sind, hat der alte Herr plötzlich gemeldet, was aber inzwischen, auch dank Eurer Tipps, ebenfalls prima zu kontrollieren ist. In den Garten darf er nur noch unter Aufsicht, da er Besucher, die einfach so durchs Gartentor latschen, leider ... naja ... mit den Pfoten am Gartentürchen festnagelt und verbellt - er ist allerdings trotzdem kontrollier- und abrufbar.

    Diese Situation ist nahezu unvorstellbar, wenn man Herrn Leon noch vor einem Jahr kannte. Er verbellte aus Angst, suchte aber das Weite, sobald der Mensch auf der Bildfläche erschien. Wenn er heute den Hermes-Boten stellt - sofern ein zahnloser Opa diesen Begriff beanspruchen darf - wirkt das nicht angst-motiviert, aber auch nicht übermäßig aggressiv. Ein Wort und er hüpft runter und begrüßt den Mann freundlich.

    Herr Leon ist nicht mehr unbeaufsichtigt im Garten, da mir ein Angsthund mit Wachambition zu unberechenbar ist und wir erklären ihm auch, dass er hier nicht der Türsteher ist - keine Frage. Mir war es nur wichtig davon zu berichten, weil es schon mit zur Situation gehört.

    Dies also nur, damit ihr Euch ein Bild machen könnt :-)

    Herr Leon und ich haben von Anfang an eine ziemlich gute Bindung aufgebaut, würde ich sagen.

    Ich hatte kurz nach dem Umzug eine Erkältung und habe etwa eine Woche im Bett verbringen müssen. Herr Leon hat da angefangen und mir ein Stück von seinem Pansen, eine Schnauze voll Nassfutter oder eine Ecke von seinem Schweineohr zu bringen. Abgesehen davon, dass ich Vegetarierin bin, halte ich das für unbedenklich.

    Mir ging es vor einer Woche nicht gut und ich bins ins Bad, um einfach mal zu heulen. Ich bin extra ins Bad, um Hund und Herrchen nicht zu belasten. Ich hatte allerdings Hunde-Ohren unterschätzt (merk ich mir für den nächsten Abruf) und Herr Leon hat fast die abgeschlossene Badtür zerlegt. Er ist ständig an die Klinke gesprungen und hat dann versucht sich durch die Tür zu kratzen - natürlich habe ich es irgendwann gepeilt und die Badtür aufgemacht.

    Wenn ich krank, müde oder erschöpft bin, liegt Herr Leon ausnahmslos neben dem Kopfende meines Bettes und geht dort auch nicht weg - ihn dann zum Spaziergang zu überreden, ist schon ein kleines Drama.

    In gleichem Maße gibt es aber auch positive Veränderungen. Herr Leon orientiert sich in seiner Angst immer häufiger an uns. Herr Leon brach vor einem Jahr noch in Panik aus, wenn er mal auf den Boden kotzte - heute weiß er eigentlich, dass ihm nix passiert. Herr Leon lässt sich inzwischen absolut unproblematisch die Haare an den Pfoten schneiden oder die Öhrchen anschauen - vor einem Jahr hätte er zugebissen.

    Ich bin eigentlich rundum zufrieden.

    Nur interessiert mich Eure Einschätzung, ob man an diesen Punkten trotzdem bereits arbeiten sollte. Würde er einen Kontrollzwang entwickeln, würde das ja auch wieder Stress für den armen Kerl bedeuten.

    Was meint ihr?

    Ist das einfach nur der richtige Leon, der da unter dem Angst-Leon vorkommt? Inzwischen hatte er ja ein Jahr lang gelernt, dass er hier sicher ist. Zeigt er durch die Erfolge im Angst-Abbau seine wirklichen Charaktereigenschaften, wie z.B. die Wachsamkeit?

    Ist das Kontrolle oder übermäßiger Schutztrieb, an dem wir arbeiten sollte?
    Wäre das entspannter für den Hund?

    Wobei er mir eigentlich entspannt vorkommt, insbesondere im Vergleich zum Anfang.

    Ich bin mir da einfach selbst nicht sicher und würde gerne Eure Einschätzung hören :smile:

    Känguruh &
    Leon Löwenherz

  • Ich denke mal, daß Herr Leon sehr sensibel ist.
    Er merkt, wenn es dir nicht gut geht. Mein Joschi war auch so, ich würde da nichts abstellen.
    Bei meinem Joschi mußte ich in der Beziehung sehr aufpassen, er hat sich dann zurückgezogen.

  • Hei!
    Ich finde das ist weit von Kontrollzwang entfernt. Kontrollzwang wäre für mich, wann immer du dich durch die Wohnung bewegst, klebt dir der Hund an den Beinen, und wo du hingehst, kleckert er hinterher, ohne je zur Ruhe zu kommen.

    Er spürt, dass etwas nicht in Ordnung ist mit seiner Menschin, und will bei dir sein. Ich finde, dass gerade diese Momente das spezielle Mensch-und-sein-Hund-Verhältnis auszeichnen. Und ja, ich glaube da ist was dran, das könnte der wirkliche Herr Leon sein. Ein nobler und empfindsamer Hund.

    Ich finde das sehr schön.

    Gruß!

    Edit: Warum brach er denn in Panik aus, wenn er gekotzt hat? Wurde er dafür früher geschlagen und angebrüllt, oder? Dazu sag ich mal nichts. Ich fasses net...

  • Zitat

    Ich finde das ist weit von Kontrollzwang entfernt. Kontrollzwang wäre für mich, wann immer du dich durch die Wohnung bewegst, klebt dir der Hund an den Beinen, und wo du hingehst, kleckert er hinterher, ohne je zur Ruhe zu kommen.

    Er ist schon immer in der Nähe.
    Heute Vormittag habe ich im Keller die Wäsche gemacht, da kam er direkt runter-getapert. Eine große Heldentat für den Hasenfuß. Also er kommt schon mit, wenn ich den Raum wechsle ... meistens zumindest. Wobei er sich da direkt hinflatscht und weiterpennt.

    Zitat

    Edit: Warum brach er denn in Panik aus, wenn er gekotzt hat? Wurde er dafür früher geschlagen und angebrüllt, oder? Dazu sag ich mal nichts. Ich fasses net...

    Am Anfang ist er richtig geflohen, wenn ihm das passiert ist. Er zittert dann richtig und wollte von uns weg. Ich lasse ihn aber nicht fliehen, damit er sieht, da passiert eigentlich gar nix. Inzwischen hat er das auch verstanden. Ich kann mir aber eigentlich nicht vorstellen, dass er Schläge bekam, weil er es wohl recht gut gehabt haben soll - er lebte bei einer älteren Dame, die dann verstarb. Er ist halt auch ein Hund, der schon bei lauter Ansprache zerbricht.

  • Zitat

    Ich denke mal, daß Herr Leon sehr sensibel ist.
    Er merkt, wenn es dir nicht gut geht. Mein Joschi war auch so, ich würde da nichts abstellen.
    Bei meinem Joschi mußte ich in der Beziehung sehr aufpassen, er hat sich dann zurückgezogen.

    Inwiefern denn zurückgezogen?

    Also würdest Du das einfach so lassen? Weil, selbst wenn ich versuchen würde, mir weniger anmerken zu lassen ... der Hund ist ja nicht doof, ich glaube so sehr kann ich mich gar nicht zusammenreißen.

  • Zitat

    Er ist schon immer in der Nähe.
    Heute Vormittag habe ich im Keller die Wäsche gemacht, da kam er direkt runter-getapert. Eine große Heldentat für den Hasenfuß. Also er kommt schon mit, wenn ich den Raum wechsle ... meistens zumindest. Wobei er sich da direkt hinflatscht und weiterpennt.

    Also wenn ich traurig oder erledigt bin, gibt meiner auch keine Ruhe, bis er Kontaktliegen darf, von daher kenne ich das auch und finde es eigentlich schön. Für mich bedeutet es sowas wie, "ich weiß nicht genau, was im Moment los ist, ich bleibe mal in der Nähe, Hauptsache zusammen sein."
    Allerdings springt er nicht jedesmal auf, wenn ich aufstehe (also im Normalzustand), es sei denn, Futter- oder Gassizeit ist seeehr dicht ran :roll:

    Wenn er jedesmal aufsteht und mitgeht, sogar in den "Keller des Schreckens", nur um immer dabei zu sein, hat das wohl doch was von Kontrollieren. Aber ich würd das mal genau beobachten.

    Ich finde eure anderen Fortschritte sehr beachtlich.

    Gruß!

  • Zitat

    Inwiefern denn zurückgezogen?

    Also würdest Du das einfach so lassen? Weil, selbst wenn ich versuchen würde, mir weniger anmerken zu lassen ... der Hund ist ja nicht doof, ich glaube so sehr kann ich mich gar nicht zusammenreißen.

    Ich habe mich wohl falsch ausgedrückt, habe gemeint, du sollst den Hund dann nicht zurück stossen, wenn er dich trösten will. :smile:

  • Also um noch mal auf den Anfang zurückzukommen denke ich, da du ihn als Angsthund bezeichnest, ist dieses Verhalten auf seine vorhandene "Rest"-Unsicherheit zurückzuführen, die ihm glaube ich auch immer bleiben wird, und nicht auf Schutztrieb.

    Dieses bei-dir-sein-wollen wenn du zB krank bist, würde ich ihm lassen. Ich denke es ist einfach sein Weg damit umzugehen, dass für ihn etwas nicht so ist wie es sein sollte. Wie gesagt, ich hab auch so einen ;) , die haben da vielleicht empfangsbereitere Antennen als andere. So lange er noch mit raus geht um sich zu lösen, und nicht als hundliche Florence Nightingale 24-Stunden-Wache halten will.

    Wenn er aber tatsächlich klebt, auch in entspannten, normalen Situationen, würde ich da dran arbeiten, damit er sieht, seine "neue" Welt bricht nicht zusammen, nur weil du mal in die Küche gehst um Wasser aufzusetzen.

    Gruß!

  • Habe eine Hündin mit einer ähnlichen Problematik zu Hause. Auch sie hat einen Schutztrieb entwickelt, den wir inzwischen aber sehr gut kontrollieren können. Genau so orientiert sie sich bei Angst inzwischen fast ausschließlich an uns, bleiben wir vollkommen ruhig denkt sie sich da kann ja nichts schlimmes passieren und sucht Schutz bei uns...Auch sie reagiert so wenn ich krank bin und es mir schlecht geht...Als ich das letzte mal Fieber hatte ist sie nicht von meiner Seite und hat mir die ganze Nacht die Füsse geleckt...Denke du brauchst dir da keine Sorgen wegen einem Kontrollzwang zu machen, davon seit ihr weit entfernt. Freue dich einfach über die tolle Bindung die ihr habt und freue dich über die tolle Entwicklung die dein Hund hinter sich hat!

  • Ich denke auch, dass der alte Herr Leon eine richtig gute Bindung zu Dir aufgebaut hat.

    Wenn Du kein Prob damit hast, dass wenn Du krank bist Ihr krank seid und er dich ein bissi umsorgt ( Schweineohr und Co bringen) dann würde ich nichts machen sondern genießen.

    Kontrollzwang kann ich beim besten Willen nicht entdecken und der sieht für mich auch ganz anders aus.

    Liebe Grüsse an Dich und den Herrn Leon,

    Birgit

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