Hi, LL0rd , interessantes Thema!
Grundsätzlich finde ich eine feste Struktur unumgänglich im Umgang mit dem Hund. Mit Struktur meine ich, dass Regeln, die ich irgendwann am Anfang seines Lebens oder unseres Miteinanders aufstelle, über einen längeren Zeitraum einhalten lasse und entsprechend belohne. Oder entsprechend korrigiere. Und zwar sofort, pronto und ohne emotional zu werden (außer positiv).
Gleichzeitig ist es wichtig, die Fähigkeiten des Hundes einzukalkulieren, wie weit ist er im Kopf, wie alt, hat er Traumata, ist er ängstlich, eher dickfellig, was ist dem Hund wichtig, womit kann ich ihn belohnen?
Ich finde, eine innere Ruhe und Souveränität, das Wissen, dass man weiß, was man tut, das strahlt ganz stark auf einen Hund aus. Ich muss immer und überall ruhig bleiben. Klar lass ich auch mal eine Brüller los, wenn es nicht anders geht, aber im Grundsatz muss mich mein Hund kennen als besonnenen und souveränen - ja, Leader.
Und, ein Leader, der Ahnung hat, pfeffert nicht einfach Wurfdiscs auf 2 Hunde. Der geht einfach ruhig dazwischen und splittet 2 Hunde, wenn ihm danach ist. Ganz unaufgeregt.
Grundsätzlich finde ich die Crux bei "Hilfsmitteln" die, dass man nicht gescheit timen kann, sei es bei der Wasserspritze oder Schlüsselbund oder Rappeldose. Da macht man einfach nur kaputt.
Hund kriegt den Schock seines Lebens, wird mich meiden, weil ich nicht vertrauenswürdig bin, im Zweifel hat man vielleicht sogar ein Exemplar daheim sitzen, das Nerven aus Stahl hat und sich schnell daran gewöhnt und dann?
Nimmt man dann demnächst den Baseballschläger, oder wie will ich das dann noch steigern?
Ich erziehe Pferde und Hunde immer von grober Hilfe zu fein bis zu feinster Hilfe.
Und das sollte Erziehung sein, eine Hilfe für den Hund, damit man ein angenehmes Zusammenleben für viele Jahre haben kann.
Das kann anfangs schon beinhalten, dass ich mal deutlich werden muss, ich habe mich dann auch in den Weg gestellt, ich hab auch mal am Halsband gezupft, mit dem Finger in die Seite gepiekt, mit dem Bein den Hund zurück gedrängt, ich bin in Notsituationen auch schon drohend auf meinen 50 Kilo Hund zu und habe ihn von der Straße weggedrängt, wo am Zaun 2 Pöbler gekläfft haben, und ich Probleme hatte, dass wir da gesittet vorbeikommen ohne dass ich auf die Straße gezogen werde. Das liegt aber schon alles lange hinter uns.
Denn, aber
das darf keinesfalls so bleiben, sondern erstens muss sofort!!!! nachdem der Hund gehorcht hat, ein Lob als Bestätigung kommen, wir sind sofort wieder gut, ich darf nicht nachtragend sein, und zweitens muss ich versuchen, eine Situation zu schaffen, damit der Hund erst gar nicht anfängt, "Fehlverhalten" zu zeigen, also ausweichen, wenn möglich.
D.h. ich halte nichts davon, Situationen zu schaffen, wo ich ein Fehlverhalten provoziere, dann bestrafe und mich irgendwie groß fühle. Das ist Missbrauch am Tier.
Und drittens muss immer mein Ziel sein, mich von den deutlichen Reaktionen meinerseits zu den feineren weiterzuentwickeln.
Dann langt ein Schnalzen, ein Wort, ein Blick, und mein Hund versteht, was ich meine. Dann beginnt der schöne Teil, dann beginnt das Miteinander. Und die große Freiheit für den Hund, denn ein Hund, der auf mich achtet und nach mir schaut, wird viele Freiheiten haben können, die ein Hund, der mir aus dem Weg geht und sein Ding macht, nie haben können wird.
Ich rede hier aber nur von mir und meinen Erfahrungen, ich bin kein Hundeprofi, ich bin nur ich mit über 30 Jahren Erfahrung in Hundehaltung. Jeder muss für sich einen Weg finden, und jeder Hund ist auch anders. Einen Kleinhund muss ich anders behandeln als ein Kalb, und einen Hund mit empfindlichen Nervenkostüm kann ich nicht anpacken wie einen Sturkopf.
Ausbrüche von Gewalt oder Herumschreien sind immer ein Zeichen von Schwäche, und ein Hund, der mental stabil ist, wird das erkennen, die Zusammenarbeit aufgeben und nur noch widerwillig mit mir zusammenarbeiten wollen, wenn man von Zusammenarbeit dann überhaupt sprechen kann.
Spoiler anzeigen
Beispiel:
Freundin hat einen jungen Greyhound, der immer in die Schleppleine rennt und sie immer hinter sich herreißt, sie hat schon Schmerzen in der Schulter, kann kaum ordentlich Gassi gehen, lässt sie ihn frei, haut er ab, ein Desaster.
Wir hatten uns zum Gassi verabredet, und da fragte sie mich nach Tipps und ihr tat nach ein paar Metern auch schon der Arm weh, so dass ich ihr anbot, den Hund mal zu nehmen, damit sie ihre Schulter ausruhen konnte. Meine liefen frei.
Ich machte meine Flexi dran, damit ich ihn besser halten kann (leider ins Halsband, weil Geschirr gab es keins, aber mit Schlepp komme ich nicht zurecht, ich wickle mich da immer ein
), und natürlich versuchte der Flummi auch gleich 2 mal in die Flexi reinzurennen, die ich sofort kurz nahm. Ich bin aber ziemlich standfest, so dass er sich selbst natürlich am meisten bestraft hat. Um zu vermeiden, dass er sich verletzt, hab ich dann sofort begonnen, ihn zu warnen, wenn die Leine bald endet bzw. ich den Stoppknopf betätige, damit er nicht so viel Tempo aufnehmen kann. Die Flexi war anfangs sehr kurz, wurde dann allmählich länger.
Jeder Blick zu mir oder meiner Freundin wurde von mir mit Stimme belohnt, sie verteilte für jedes zu ihr kommen Leckerli, und schon bald lief er recht ruhig an der Flexi vor und nach hinten, wie ein ganz normaler Hund. Zog er doch mal, weil ich ihm nicht schnell genug ging, zupfte ich leicht am Halsband (mit der Leine), und er blieb stehen (Lobloblob).
Der Kleine war nicht dumm, so dass wir sehr bald wieder Leinen tauschten, und nach einigen Versuchen, sie wieder hinter sich herzuziehen, ging er wirklich gesittet, soweit man das sagen kann. Meine Freundin meinte, das sei der entspannteste Gassigang seit sehr langer Zeit geworden.
Dass der Hund immer hinter ihr zu gehen hat, weil Dominanz und so, hab ich ihr dann auch gleich "ausgetrieben"
das macht ihr und dem Hund nur unnötig Stress, und solcherlei Dinge einzufordern, wenn ein Hund noch nicht mal an der 10m Flexi gescheit laufen kann... man kann sich's auch schwerer machen als nötig. Fiddeln kannte sie auch nicht, was ihr Hund aber quasi permanent tat. Ein ganz liebes, unsicheres Hascherl, das Kerlchen, das einfach nur jemanden braucht, der ihm sagt, was er machen soll, dann macht er's mit Freuden.
Meine 2 haben ihn übrigens anfangs angewidert beobachtet, mit den Augen gerollt und danach ignoriert. Mit kleinen Irren haben sie's net so 
Ich hoffe, ich hab jetzt nichts vergessen oder was missverständlich geschrieben... das Ziel ist für mich immer ein angenehmes und vertrauensvolles Miteinander, für Mensch und für Hunde.

Edit: vergessen:
Wenn die verlässlichen Regeln gut funktionieren, bin ich auch nicht dagegen, sie nach einer Weile zu lockern. Regeln und Struktur müssen nicht starr sein, wenn der Hund an Zusammenarbeit interessiert ist, kann man irgendwann auch mal 5 gerade sein lassen.