Ich habe gestern Abbitte von Ian McEwan beendet. Was für ein Buch... Sicherlich ein großer Wurf, wenn auch thematisch und inhaltlich nicht immer leichte Kost.
Der erste Teil zeichnet sich durch sehr viel Liebe zum Detail aus durch eine sehr langsame und genaue Erzählweise. Der Leser muss sich diesen Teil fast schon erarbeiten. Teil zwei und drei sind temporeicher. Viele sagen, der erste Teil ist der schwächere und erst in Teil zwei und drei nimmt das Buch richtig an Fahrt auf und wird interessant. Das empfinde ich nicht so. Im ersten Teil werden Ereignisse von mehreren Perspektiven beleuchtet. Die Erzählweise ist manchmal schon fast qäulend langsam - und das meine ich nicht nur negativ, sondern empfinde es als stilistisch unglaublich gut. Vor allem, wenn es auf das unausweichliche Ereignis zuläuft, die Geschichte an Dramatik gewinnt, das Tempo aber immer noch langsam voranschreitet, ist es für den Leser fast unerträglich, in dieser Geschwindigkeit weiterzulesen. Das hat mich nachhaltig beeindruckt. Literarisch finde ich den ersten Teil herausragend!
Von Lovenberg hat geschrieben, Briony ist "moralisch fragwürdig und doch höchst smpathisch". Mir wurde Briony nie richtig sympathisch, auch wenn sie in den späteren Teilen durchaus sympathischer wird. Kann ich ihre "Tat" nachvollziehen? Ja, in gewisser Weise schon. Ich denke, Mädchen waren zu dieser Zeit noch entsetzt, wenn sie manche Dinge erfahren haben, worüber heutige Mädels nur noch müde lächeln würden. Ich denke, sie war in einer Art Schockzustand und hat Dinge falsch eingeordet. Diese Fassade bekam zwar bald Risse, aber kennt nicht jeder von uns die Situation, dass man in einem Fahrwasser ist und sich fragt, wie man wieder umkehren könnte (auch wenn ich nie in so einer schwerwiegenden Situation war)? Auf jeden Fall werde ich noch eine Weile auf "dem Buch rumkauen".
Auch wenn McEwan mit diesem Buch nicht zu meinem Lieblingsschriftsteller wird, war es eine sehr lohnenswerte Lektüre.
es ist immer wieder interessant zu lesen, wie unterschiedlich Bücher von den Lesern aufgenommen werden. "Der Wal und das Ende der Welt" empfand ich nie bedrückend oder beklemmend, an manchen Stellen düster ja, aber nie so, dass es mich bedrückt hätte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich es im Sommer gelesen habe, als wir so ein wenig Coronapause hatten, die erste Welle gut überstanden haben und zum anderen dadurch, dass wir immer genügend Vorräte zuhause haben. Ist es verpönt, Vorräte zu haben? In solchen Zeiten zu hamstern, ja, Vorräte in krisenarmen Zeiten anlegen, nein. Während alle dem Klopapier hinterhergelaufen sind, haben wir uns entspannt zurückgelehnt. Allerdings wohnen wir auf dem Land, in unserem Dorf gibt es zwar einen kleinen Lebensmittelladen, aber das war es schon. Deswegen haben wir immer Vorräte da, denn was machen, wenn das Auto kaputt ist? Zumal ich mit großem Garten und Hang zur Selbstversorgung sowieso im Sommer und Herbst viele Vorräte anlege. Auch habe ich den ersten Lockdown als Chance angesehen. Die Supermärkte waren zwar weiterhin offen, aber anstatt mal schnell einkaufen zu gehen, habe ich wieder versucht, mehr zu improvisieren. Vielleicht empfand ich daher das Buch nicht als "Wohlfühl-Dystopie".
So, ich habe wieder drei Bücher zur Auswahl: "Bella Cio" von Raffaella Romagnolo, "Die Abtei von Northanger" von Jane Austen und "Das Jagdhaus" von Rosemarie Marschner. Ich bin noch unentschlossen, was ich lesen soll/ möchte, mein Sohn hat für mich entschieden, dass ich das Jagdhaus lesen soll. Mal sehen...