Oh nein... das klingt so, als müsste ich mir das auch mal anschaffen
Tja, äh... keine Ahnung ob dir das gefallen würde, ich werde mal ein bißchen ausführlicher. Es gibt ein paar kleinere Längen (1-2 Seiten, aber bei einem 1000+ Seiten Buch ist das normal), die man getrost überblättern kann, ohne dass man was verpasst. Aber sonst- sprachlich gewaltig, emotional anspruchsvoll. Es geht zwar (auch) um einen Mord, aber ein klassischer Krimi oder Thriller mit Ermittlungsarbeit vom Leser usw. ist es nicht. Es geht deutlich mehr um das, was so eine Tat im Umfeld anrichtet. Dazu ist es ein hervorragendes Portrait der 60er Jahre. Das muss man mögen, das ein oder andere Mal wollte ich aufschreien, weil ich das Ganze natürlich aus heutiger Sicht betrachte und beurteile (Stichwort Frauenbild zum Beispiel). ABER es ist absolut authentisch. Und die Erzählperspektive und die Protagonisten sind etwas absolut besonderes. Die Sprache ist unglaublich kunstvoll.
Es lässt mich aber nicht euphorisch zurück- ein klassisches Happy End gibt es nicht, es bleibt realistisch. Mein Gefühl am Ende des Buches war eher tiefe Trauer und ein dumpfer Schmerz in der Magengrube. Keine 'Special Effects', kein Aufbauschen, kein Kitsch- stattdessen eine realistische Geschichte, die sich durchaus so hätte abspielen können. Und das Wissen darum, dass es so etwas höchstwahrscheinlich mal gegeben hat, war das, was mich so mitgenommen hat. Emotional sehr aufwühlendes Buch- zumindest für mich. Das ist so ein Buch, das ich wahrscheinlich nur einmal lesen kann, genau wie ich bestimmte Filme nur einmal sehen kann, weil sie so 'schwer' sind. Filme wie Pans Labyrinth oder annäherend Schindlers Liste sind Filme, die ein ähnliches Gefühl in mir hinterlassen haben.
Und noch ein Spoiler, ich weiß nicht, wer das Buch schon kennt.
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Am schlimmsten war die Wut. Es gab zwei Dinge, die mich fast wahnsinnig gemacht haben- zum Einen natürlich die Ungerechtigkeit, die Ricky wiederfuhr- nur verschuldet durch schlampige Ermittlungsarbeit. Dann aber vor allem wurde ich fast kirre durch das Verschweigen, das Überbügeln und die Feigheit mancher Protagonisten. 'Denk an was schönes'- nur ja keine kritische Frage stellen, nur ja keine Gedanken machen. Und wenn man es doch tut (wie Madeleine), gleich im Keim ersticken. Ein gutes Verhältnis, wie manche Rezensionen schreiben, sah ich bei der Familie nicht. Wäre da ein gutes Verhältnis gewesen, hätte Madeleine bestimmt etwas vom sexuellen Mißbrauch erzählt. Das war auch ein Punkt, der wirklich schlimm für mich war- ich wollte, dass der Typ zur Strecke gebracht wird. Dass er nicht mehr belangt werden konnte und seinen Opfern somit keine Gerechtigkeit widerfuhr... da hätte ich ins Buch beißen mögen, das war schrecklich. Aber leider realistisch.