Heute beendete ich "Olympia" von Anita Shreve. Ich las das Buch vor mittlerweile sicher gut einem Jahrzehnt schon mal, kommte mich aber nur noch vage erinnern. Vor allem an die Tatsache, dass es mir damals schon gefiel.
Tatsächlich halte ich "Olympia" neben "Stille über dem Schnee" für das beste Buch Shreves, auch wenn ich nicht all ihre Romane gelesen habe. Von denen, die ich gelesen habe, war ich bis auf diese beiden Ausnahmen, nicht so extrem angetan.
"Olympia" spielt im Jahre 1899, als die 15-jährige Olympia eine leidenschaftliche Affäre mit dem verheirateten Arzt John Haskell, einem Freund ihres Vaters, eingeht. Haskell und Olympia fühlen sich zutiefst zueinander hingezogen, doch trotz ihrer Vorsicht fliegt das Verhältnis auf. Was letzten Endes so oder so geschehen wäre, da die miteinander verbrachte Zeit nicht ohne Folgen bleibt.
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Olympia wird natürlich schwanger von Haskell, man nimmt ihr das Kind nach der Geburt weg und ihr Vater schickt sie auf eine Art berufsbildende Schule für junge Frauen, maßlos enttäuscht von der Tochter, für deren Zukunft er große Hoffnungen hatte. In Ungnade gefallen besucht Olympia diese Schule auch, bricht aber nach einem negativen Erlebnis in einem Prsktikum schließlich ab. Sie hat das Gefühl, die ganze Zeit über wie im Schlaf gewesen zu sein und beschließt, zurück in das Sommerhaus ihrer Eltern zu gehen, wo sie Haskell kennen- und liebenlernte. Zufällig erfährt sie dann, dass ihr Sohn ganz in der Nähe in ein Waisenhaus gesteckt wurde, und findet heraus, dass er bei frankoamerikanischen Pflegeeltern wohnt. Von tiefer Sehnsucht getrieben, besntraft Olympia mittels Gerichtsverfahren das Sorgerecht für ihr Kind.
Shreve schreibt elegant und flüssig, man wird durchaus von Olympias Schicksal in den Bann gezogen. Der Prozess, der in der zweiten Hälfte des Romans im Mittelpunkt steht, wirft tiefgreifende moralische Fragen auf, zumal es sehr interessant ist, mehr über die damaligen Lebensumstände von Fsbrikarbeitern zu erfahren.
Ein paar Schwächen weist "Olympia" dennoch auf. Zum eine fand ich die Charakterentwicklung Olympias nicht immer ganz nachvollziehbar. Nach der Affäre wandelt sie jahrelang fast wie in Trance, und in einem Moment auf den anderen trifft sie schlagartig eine weitreichende Entscheidung...
Auch Olympias Vater, den ich zunächst für sehr gut charakterisiert hielt, wandelt sich von dem gestrengen Mann mit klaren Moralvorstellungen irgendwie in den gütigen, alles vergebenden Papa - an und für sich kann sowas ja vorkommen, ich hätte es nur gut gefunden, darauf auch etwas detaillierter einzugehen.
Nichtsdestotrotz halte ich "Olympia" für einen gelungenen Roman über das Schicksal einer Frau, die zunächst unbeabsichtigt ihren guten Ruf verliert, später aber bewusst Konventionen infrage stellt.