Zuletzt gelesen:
Titel: "Was man für Geld nicht kaufen kann"
Autor: Michael J. Sandel
Genre: populärwissenschaftliches Sachbuch (Philosophie)
Erscheinungsjahr der Originalausgabe: 2012
In diesem Werk behandelt der an Harvard lehrende Moralphilosph die zunehmende Kommerzialisierung und die Ausbreitung der modernen Marktwirschaft auf alle Lebensbereiche.
Er konzentriert sich hier vor allem auf die Frage, inwiefern dies moralisch zulässig oder fragwürdig ist. Hierbei bringt Sandel die unterschiedlichsten Beispiele - von drogenabhängigen Frauen, denen Geld dafür gegeben wird, dass sie sich sterilisieren lassen (um zu verhindern, dass sie schwanger werden und drogenabhängige Kinder gebären), von "Todeswetten" auf Prominente, die es tatsächlich seit einigen Jahren im Internet gibt, von der Möglichkeit, durch Bezahlen einer Zusatzgebühr ganz an die Spitze einer Warteschlange gehen zu dürfen (zB im Vergnügungspark), von Unternehmen, die dafür bezahlen, die Umwelt zu verschmutzen und zu schädigen, um weiterhin ihre Praktiken ausüben zu können, und von Konzernen, die Unterrichtsmaterial für Schulen bereitstellen und dieses oft genug auch dafür nutzen, Werbung für ihre Produkte und Dienstleistungen in Klassenzimmer zu schleusen. Und das sind nur einige der Beispiele, die Sandel in diesem Buch zusammengetragen hat und aus der Sicht eines Moralphilosophen analysiert.
Sandel wendet sich hier gegen die Meinung vieler Ökonomen, all das, was "Nutzen" kreiert, freiwillig geschieht und dazu führt, dass "Gewinn"gemacht wird, sei per se völlig unpoblematisch, solange es legal ist.
Der Moralphilosoph stützt sich hier auf mehrere Argumente, insbesondere aber auf das der Fairness (wenn z.B. davon auszugehen ist, dass ärmere Menschen dadurch benachteiligt oder unter eine Art Druck/Zwang gesetzt werden könnten - zB könnte jemand, der sein Haus verlieren könnte, dazu einwilligen, darauf eine riesige Werbefläche anbringen zu lassen) und das der "Korruption".
Sandel fragt: Gibt es nicht Werte abseits des Marktes, die man eben nicht in eine Form von "Marktwert" umwandeln kann - Freundschaft zB? So gibt es Firmen, die anbieten, zB Entschuldigungsschreiben für ihre Kunden zu verfassen und sogar dem Empfänger vorzutragen - aber ändert es nicht die Bedeutung einer Entschuldigung, ob sie von der Person selbst kommt oder die Worte eigentlich von jemand anderem stammen?
Ist es nicht schlecht für den Gemeinsinn und den moralischen Charakter, "Todeswetten" zuzulassen oder es zu erlauben, mit Lebensversicherungen so zu spekulieren und zu handeln, dass man letztlich auf den Tod einer Person hofft? Wie passt es zusammen, Schulen als Bildungseinrichtungen zu verstehen, die kritisches Denken fördern sollen, und gleichzeitig SchülerInnen im Klassenzimmer mit Werbung bombardieren zu lassen?
Das Buch liest sich sehr flüssig, leicht verständlich und ja, sogar recht spannend. Sandel hat aus allen möglichen Lebensbereichen Fakten und Beispiele zusammengetragen, was das Buch zu einer sehr anregenden Lektüre macht, die einfach jeden irgendwie betrifft. Das Buch ist für die interessierte Allgemeinheit geschrieben - dies macht es sehr leicht lesbar und erleichtert einen Dialog, gleichzeitig ist es dadurch für Menschen mit fortgeschritteneren Philosophiekenntnissen manchmal ein wenig enttäuschend, da manche Argumente durchaus noch viel tiefer reichen würden und sosehr man Sandel inhaltlich auch zustimmen mag, fand ich doch hin und wieder, er setzt Dinge, die seiner Argumentation dienen, ein wenig zu sehr voraus oder stellt sie als selbstverständlich dar - und gerade im Bereich der Philosophie sollten die Schlussfolgerungen, die man zieht, einfach völlig wasserdicht sein.
Das ist allerdings Kritik auf hohem Niveau,da es ja Sandels Absicht gewesen sein dürfte, mit diesem Werk vor allem eine Diskussion in der breiten Öffentlichkeit anzuregen. Und dafür eignet sich "Was man für Geld nicht kaufen kann" hervorragend, denn es öffnet doch so manches Mal die Augen dafür, wie sehr wir uns schon an das heute geltende marktkonforme Denken gewöhnt haben und wo es uns überall begegnet.
Daher bei Interesse an der Thematik klare Leseempfehlung. Und wer es noch etwas tiefschürfender möchte, sollte Sandels Beststeller "Gerechtigkeit" lesen.