Zuletzt gelesen: "Wiener Passion" von Lillian Faschinger
Hach, ich liebe Romane, die den Lokalkolorit meiner Heimatstadt wiedergeben; und Faschinger hat die Atmosphäre Wiens, das golden-grantige Wienerherz der Einwohner, hier wirklich sehr gekonnt und bildhaft gezeichnet. Allerdings verwundert dies auch nicht weiter, wenn man sich in "Wiener Passion" vertieft, denn dieser durchaus anspruchsvolle Schmöker wurde von einer zweifelsohne höchst talentierten Autorin verfasst, die das Spiel mit Worten und Sätzen meisterhaft beherrscht; der Roman lebt ebenso von dieser sprachlichen Virtuosität wie von der sich nach und nach immer weiter ausdehnenden Handlung selbst.
Worum geht es in diesem Lesegenuss? Die junge US-amerikanische Schauspielerin Magnolia Brown reist nach Wien, eine Stadt, in der auch ihre Verwandten mütterlicherseits wenige Generationen zuvor lebten, um sich dort auf ihre Musicalrolle in in New York vorzubereiten, in welchem sie die Anna Freud verkörpern soll. Magnolia kommt bei der alten "Tante Pia" unter und begegnet rasch ihrem jungen, aber sehr verschroben und steif wirkenden Gesangslehrer Joseph, an dessen tatsächlichem musischem Talent sie zunächst ob seines befremdlichen Auftretens grobe Zweifel hegt.
Doch dann findet Magnolia in einer Truhe ihrer vorübergehenden Unterkunft ein dicht beschriebenes Heft, welches die faszinierende, triste und bewegte Lebensgeschichte der Ehegattenmörderin Rosa Havelka, die fast ein Jahrhundert zuvor in der Stadt Wien lebte, aus deren eigener Perspektive erzählt. Rosa, in den Dienstbotenstand hineingeboren, musste sich zeitlebens auf sich selbst verlassen und alleine behaupten, die Männer in ihrem Leben meinten es meist nicht gut mit ihr oder stellten zumindest ihre eigenen Interessen höher, finanziell war Rosa oft dem Ruin so nahe, dass sie von tugendhaften Pfaden abzuweichen und zudem sogar im unterirdischen Kanalsystem zu hausen gezwungen war; doch mit einem nur gelegentlich erschütterten Optimismus und einer manchmal fast komisch anmutenden Willensstärke tritt Rosa tapfer ihrem Schicksal entgegen...
Faschinger verwebt die beiden Geschichten - die um Magnolia sowie ihren Gesangslehrer Joseph und die ein Jahrhundert zurückliegende Lebensbeichte der Rosa Havelka - ganz meisterhaft, ohne dass der Roman je an Spannung und sprachlicher Dichte einbußen würde. Ihr Schreibstil, lakonisch, detailverliebt, eigenwillig und gesegnet mit einer subtilen, galgenhumor-anmutenden Ironie, packt ungemein.
Kleinere Kritikpunkte finden sich für mich lediglich an der Lebensgeschichte der Rosa Havelka, ein weig zu oft für meinen - sicherlich strengen - Geschmack kommt es zu "schicksalhaften" Zufallsbegegnungen, und leider erfüllte das Ende des Romans, also ungefähr die letzten 50 Seiten, nicht meine persönlichen Erwartungen, aber das ist eine sehr subjektive Mäkelei meinerseits, für die die Autorin nichts kann.
Schon schön, mal wieder so in einem Buch versinken zu können!