In deinen Augen ist der Wald gleich nebenan, aber in den Augen deines Welpen ist er offenbar zu weit weg von der sicheren Höhle. Der Instinkt, nah bei der sicheren Höhle zu bleiben, ist überlebenswichtig für junge Caniden. Es ist nicht der Wald als solcher, sondern daß du ihn von der sicheren Höhle wegziehst, was seine Angst weckt. Durch Zwang wirst du seine Angst nur verstärken.
Im Leben eines Wolfswelpen gibt es keinen solchen Bruch wie im Leben eines Hundewelpen. Der kleine Wolf darf seinen Bereich im eigenen Tempo zusammen mit den Geschwistern Schritt für Schritt erweitern. Der kleine Hund wird dagegen aus seiner Stammfamilie herausgerissen und muß sich mit fremden Bezugspersonen und in einer fremden Umgebung ganz neu zurechtfinden. Das ist eine Situation, die schon Urängste erwecken kann.
Die 5-Minuten Regel für Welpen bezieht sich lediglich darauf, daß die Kleinen noch nicht nicht über längere Stecken angeleint im Tempo des Menschen mitmarschieren sollen und können. Also das, was viele Menschen unter einem Spaziergang mit Hund verstehen. Sie bezieht sich ausdrücklich nicht auf den gesamten Aufenthalt draußen, der ruhig länger sein darf.
Faustregel: kurze, gerne auch langweilige Gassigänge dicht am Haus, damit der Hund sich lösen kann, und einmal am Tag ein längerer Ausflug, damit der Welpe die Welt entdecken darf (Sozialisierung). Beides ganz entspannt. Glaube nicht, du müßtest die ganze Sozialisierung in 10-Minuten-Schnipsel hineinzwingen - das kann nur schiefgehen.
Unter Ausflug ist keine strammes Marschieren zu verstehen, sondern mehr ein Aufenthalt an einem interesanten Ort - zB einer Wiese - den der Welpe im eigenen Tempo mit Rückendeckung seines Menschen erkunden darf. Schnüffeln, Gucken, sich nach Belieben bewegen, sich ausruhen. Im Sommer würde man sagen: Setz dich auf eine Bank, an ein Teichufer oder auf die Wiese und laß deinen Welpen mal machen. Beobachte ihn, unterstütze ihn und genieße die gemeinsame Zeit. Du mußt kein Programm abarbeiten. In der kalten Jahreszeit wird es vielleicht eher auf ein Spazierenstehen hinauslaufen, aber der Sinn bleibt der Gleiche.
Um die angeborene Hemmung auszutricksen, nimm den Welpen, setz ihn ins Auto und fahre an einen etwas weiter entfernten Ort. Er darf nicht das Gefühl haben, daß du ihn zwingst, sich auf eigenen Pfoten vom Heim wegzubewegen, dann wird er sich weigern, dir zu folgen. Wenn er wegtransportiert wird und nicht mehr weiß, wo die Höhle liegt, wird er viel entspannter sein und nicht nach Hause streben.
Die angeborene Hemmung verliert sich in einigen Wochen von selbst, da mußt du nichts wegtrainieren. Das wäre auch gar nicht möglich.
Letztendlich mußt du lernen, vor allem auf deinen Hund zu hören. Wenn ein Welpe heult und an der Türe kratzt, will er dich nicht ärgern, sondern er drückt damit ein Bedürfnis aus. Dein Hund ist der beste Lehrer in Hundefragen, den du hast.
Dagmar & Cara