Coucou, in welcher Traumwelt lebst du? Hunde, die zu 100% abrufbar sind? Hunde, die niemals auch nur in Ansätzen Aggressionen gegen Artgenossen hegen? Hunde, die doch ein wenig griffig werden, wenn auch vielleicht nur in ganz wenigen Situationen, in deinen Augen also nicht sozial verträglich sind, immer mit Maulkorb? Ehrlich, in all den Jahren, die ich jetzt schon mit Hunden zu tun habe, hab ich da genau die gegenteilige Erfahrung gemacht.
Gefährlich sind meiner Erfahrung nach die Halter, die glauben, ihr Hund sei zu 100% verträglich. Denn der hat ja seine Zähne nur zum Trockenfutter zerkleinern. Meistens sind es genau diese Menschen, die dann jedoch ihren Hund in entscheidenden Situationen total falsch einschätzen.
Halter, deren Hunde eben nicht auf rosa Wattewölkchen leben und Regenbogen pupsen, sind meiner Erfahrung nach eher willens, die Lage richtig einzuschätzen und ihren Hund entsprechend zu führen - ganz ohne Maulkorb.
Ich arbeite mit Tierheimhunden, von denen so einige nicht abgeneigt wären, ihre Zähne ggf. einzusetzen. Sei es aus Angst, Frust oder einfach, weil sie andere Hunde gleichen Geschlechts blöd finden. In all den Jahren hat noch keiner meiner Pfleglinge einen anderen Hund verletzt, auch wenn einige von ihnen das Potential dazu hatten. Und keiner hatte einen Maulkorb auf. Denn es ist durchaus möglich, so vorausschauend zu laufen, dass man rechtzeitig blocken, ausweichen oder kommunizieren kann. Man muss sich nur Mühe geben. Und wenn ich kommuniziere, erwarte ich auch, dass die anderen Halter ihren Hund von meinem fernhalten.
Die meisten Hunde haben doch einen Erzfeind. Sollen diese jetzt alle prophylaktisch den Maulkorb drauf haben, nur weil vielleicht einmal in drei Monaten ein Hund der Erzfeinderasse um die Ecke kommen könnte? 
Klar ist es nicht erstrebenswert, wenn Hunde schnappen oder beißen. Aber es kann passieren. Die 100%ige Sicherheit kann es nicht geben, solange der betreffende Hund Zähne hat.
Wie man mit der Situation hinterher umgeht, darauf kommt es an. Lerne ich daraus, vermeide ich, dass es wieder dazu kommt, oder lass ich den Hund einfach so weitermachen, als sei nichts passiert?
Ich selbst bin erst einmal von einem meiner Tierhofhunde gehackt worden. Das war eine Fundhündin, die ziemlich ängstlich und unsicher war, mich aber heiß und innig geliebt hat. Eines heißen Sommertages war sie im Auslauf und ich betrat diesen mit einer Baseballkappe auf dem Kopf. Die Hündin kam mit einer riesigen Bürste knurrend und bellend und sichtlich in Panik auf mich zu geschossen und ließ sich weder durch abwenden noch durch weggehen beruhigen. In dem Moment, wo sie mich im Oberschenkel zu packen hatte, ging mir ein Licht auf, ich nahm die Kappe ab und der Hund war wie ausgewechselt, als hätte man einen Schalter umgelegt. Sie begrüßte mich, als sei nichts passiert, wollte gekrault werden und freute sich, mich zu sehen. Tja, sollte ein solcher Hund nun für immer einen Maulkorb tragen, weil so was wieder passieren kann? Ist diese Hündin nun eine Beißerin? Sie hatte Angst, die Kappe muss irgendwas in ihr getriggert haben. Der Vorteil, dass es mir passiert war, lag dann darin, dass wir das Thema Kappe bei der Vermittlung deutlich erwähnen konnten und somit die Gefahr einer Wiederholung durch umsichtiges Verhalten und Training ausgeräumt werden konnte. Die Hündin und ich hatten bis zu ihrer Vermittlung keine Probleme miteinander.
"Hunde, die beißen" ist halt ein extrem vielschichtiges Thema, zu dem man nur eines allgemeingültig sagen kann: Jeder Fall, jede Situation ist anders und muss sehr differenziert betrachtet und analysiert werden, um die richtigen Schlüsse ziehen und ggf. geeignete Maßnahmen ergreifen zu können.
Allerdings halte ich es nicht für zielführend, jeden Zahneinsatz eines Hundes gleich als den Weltuntergang zu betrachten. Das tun hier in meinem Umfeld irgendwie sowieso nur die Halter, deren Hunde ja zu 100% verträglich sind. 