Nicht jeder Hund ist ein duldsamer Schweiger. Wenn ich der Meinung wäre, mit Knurren hätte mein Hund schon ne wichtige Grenze überschritten, dann gut Nacht und byebye Milo...
Mein Hund kann nicht anders, er muss sich mitteilen. Er freut sich - er jodelt und gurrt wie ein Täubchen. Etwas passt ihm nicht - er knurrt und murrt. Wenn er hungrig oder müde ist (der Klassiker: wir kommen abends heim vom Gassigehen, Hundi schläft fast im Stehen ein und knurrt vor sich hin, während ich ihm das Halsband abmache), knuttert er wie ein kleines Kind oder ein grantiger Opa. Wenn ihn unsere Putzfrau streichelt, vor der er etwas Angst hat, lässt er es sich gefallen, aber knuttert dabei. Dasselbe beim Tierarzt. Stellt man ihn zur Rede "hey, was ist denn?", leckt er einem die Hand. Es ist ja nicht böse gemeint, es gefällt ihm nur absolut nicht, er fühlt sich unwohl.
Jo mei, was soll ich sagen. Ich bin genauso. Wie der Herr, so es Gscherr. Wenn ich müde bin oder unterzuckert, braucht man mich gar nicht ansprechen. Gebissen hab ich deshalb noch niemanden, und mein Hund auch nicht. Nicht mal ansatzweise.
Milo und ich kennen uns jetzt seit fast zwei Jahren, und wenn ich eins weiss, dann dass er NICHT sang- und klanglos zubeissen würde. Man würde ihn laut und deutlich hören, und zwar lange. Und das ist gut so. Mittlerweile kann ich sogar anhand des Knurrens unterscheiden, wie ernst es ihm ist.
Leises Knuttern - heisst: bin nicht begeistert, aber man kann mich noch vom Gegenteil überzeugen.
Schrilles, genervtes Knurren - heisst: ICH WILL DAS ABER HABEN (das berüchtigte Stück Grill-Alufolie), BLÖDES FRAUCHEN, NIX DARF ICH!!!
Bellendes Knurren (gegen fremde Hunde bzw fremde Menschen, die Frauchen zur Begrüssung anspringen bzw umarmen wollen) - heisst: he, bleib bloss weg, sag ich, hast du net gehört, heeee.....mist...na ja, ABER NÄCHSTES MAL, gell!!!
Ich kann einen Hund bis zu einem gewissen Mass konditionieren und desensibilisieren. Aber dass ich ihn dazu erziehen kann, dass er Sachen, die ihm absolut nicht geheuer bzw unangenehm sind, okay findet und unkommentiert lässt, das kann ich bei einem temperamentvollen und etwas unsicheren Hund wie meinem nicht erwarten. Aus der Erfahrung mit ihm aber weiss ich, dass er das Unwohlsein bis zu einem gewissen Grad aushalten kann. Er wird dagegen motzen und stänkern, aber aufgrund seiner Erfahrung akzeptieren, dass das nun mal sein muss (Alufolie wegnehmen muss sein, Tierarzt muss sein, Filzbollen hinter den Ohren wegmachen muss sein).
Und wenn mal was nicht sein muss (Angst- und Wehmachen durch fremde Menschen muss z. B. nicht sein), dann weiss er, dass ich das für ihn regle. Und wenn ich es nicht regeln würde, keine Ahnung was dann wäre. Bis jetzt mussten wir noch nie den Fall erleben, dass Milo so verzweifelt war, dass er sich nicht mehr anders als mit Beissen zu helfen wusste. In dem Fall hätte er übrigens meinen Segen.
Kinder machen ihm übrigens keine Probleme - sie sind kleiner, nicht so bedrohlich wie Erwachsene, und wenn sie mal auf ihn drauftreten, über ihn drüberfallen oder am Schwanz ziehen: er steckt es weg, denn es macht ihm keine Angst. Mein Freund und ich sind in dieser Hinsicht leider manchmal auch ziemliche Grobmotoriker, und rein physisch ist unser Hund trotz seiner Grösse recht unempfindlich.
Beispiel: Mein 10jähriger Neffe hat Milo mal aus Übermut laut schreiend in der Wohnung herumgejagt, mit ihm gerauft und ihn vor meinen entsetzten Augen sogar in den Schwitzkasten genommen. Reaktion vom Hund war: YEAH, nochmal! Nach 5 Minuten Toben drehte sich Milo um und ging, Reaktion vom Neffen war: Okay, dann gehst halt. Dazu muss ich sagen, mein Neffe ist mit Tieren aufgewachsen und reagiert sehr sicher und einfühlsam. Die 7jährige Nichte meines Freundes hat dagegen leider kaum Erfahrung mit Hunden, weshalb ich bei ihr viel eher eingreife und sich ihr Kontakt zu Milo momentan noch auf das richtige Streicheln beschränkt. Man musste ihr z.B. erst über Tage hinweg beibringen, den Hund seitlich am Körper zu berühren anstatt ihm frontal auf den Kopf zu patschen, um dann kreischend die Hand zurück zu ziehen, wenn der Hund versucht an der Hand zu schnuppern. Leider müssen manche Kinder die Kommunikation mit Hunden erst genauso mühsam lernen wie umgekehrt Hunde, die im Welpenalter keinen Kontakt zu Kindern hatten.
Ich denke, dass dieses "mein Hund darf sich nicht wehren und nicht knurren" entweder eine grosse Unsicherheit dem Hund gegenüber ausdrückt, oder von HH geäussert wird, deren Hunde eh nicht sehr "verbal" veranlagt sind. So von wegen "Unsere hat ja noch nie geknurrt, aber WENN die mal knurren würde, dann..." Ja, was denn dann? 
Meiner hat mich im Alter von drei Monaten das erste Mal angeknurrt, weil ich ihn aus Unwissenheit bedroht habe. Hätt ich ihn deswegen gleich ins TH stecken sollen? Es war mein Fehler, und ich habe nun mal einen Hund, der mich darauf hinweist, statt es stillschweigend in sich rein zu fressen.
Wer sich nicht sicher ist, wie der eigene Hund tickt, was seine Signale bedeuten, und wo seine Schmerzgrenze liegt, der fühlt sich mit einem Pauschal-Verbot vielleicht sicherer. Aber dass dadurch eigentlich gar nichts sicherer wird, liest man ja allenthalben hier im Forum.