Als unser alter Hund starb stand zwar schnell fest das wir ganz bald wieder einen Hund haben wollten, jeder von uns vier hatte aber unterschiedliche Vorstellungen vom neuen Familienmitglied.
Mein Mann tendierte zu einem mittelgroßen, struppigen, pfiffigen Foxterrier, unsere Tochter wollte "was süßes", unser Sohn "was cooles", ... und ich wollte unbedingt einen großen Hund.
Ich hatte schon länger ein Auge auf RRs geworfen, den Kriterien meiner Familie entsprach er aber leider so überhaupt gar nicht.
Für mich war er aber genau das was ich wollte - groß, kurzhaarig, schlappohrig, wunderschön, sensibel, geeignet für lange Spaziergänge, sportlich, gelassen, zurückhaltend, ausgeglichen, familiengeeignet und mit hoher Reizschwelle, und vor allem, voll von kleinen sympathischen rasseeigenen "Macken".
Was ich, haltet mich für irre, klasse finde.
Also wälzten wir Hundebücher, besuchten Tierheime und durchwühlten das Net und kamen doch auf keinen gemeinsamen Nenner.
Ich habe dann kurzerhand einen Termin bei einer RR Züchterin in unserer Nähe (65km) ausgemacht und wir sind alle zusammen hingefahren.
Und haben uns gemeinschaftlich in Sayah verliebt 
Aus "nur mal gucken" wurde also Adoption.
Die Linien der Elterntiere war mir nicht wirklich wichtig und ich wollte auch keinen zukünftigen Schönheitschampion, viel wichtiger war mir die Gewissheit das ich bei einem ordentlichen Züchter bin der Ahnung von seinem Handwerk hat und nicht nebenbei mal irgendwelche Hunde verpaart.
Und natürlich das Wesen und Verhalten der Mutterhündin.
Das war perfekt, genau wie die Züchter selbst ein echter Glücksfall waren und auch heute, nach über zwei Jahren, noch sind.
Und ebenso Sayah.
Ich bin, auch wenn das blöd klingt, jeden Tag aufs neue froh diesen Hund an meiner Seite zu haben.
Vieles kam anders als ich es mir vorgestellt hatte.
Das Auslastungs,- und Beschäftigungsprogramm das ich mir vorgenommen hatte habe ich längst runtergeschraubt da sie gar nicht so viel braucht und will.
Ich sah mich vorher Stund um Stund bei Wind und Wetter Kilometer reißen.
Das tun wir auch, aber längst in dem Maße wie ich dachte.
Ich sah mich 5x pro Woche auf dem Hundeplatz.
Wir gehen hin aber nach der 5. Wiederholung der selben Übung macht sie dicht und nach ein, zwei Stunden ist es für sie genug.
Danach fällt sie in ihr Körbchen und ratzt 5 Stunden durch.
Sie ist kein Arbeitstier und braucht zu Hause fast keine Aufmerksamkeit und Animationsprogramm.
Überschätzt hatte ich also den Arbeitsaufwand der nötig ist sie körperlich auszulasten.
Unterschätzt hatte ich was die vielbeschriebene Sensibilität beim RR wirklich bedeutet.
Die Junghundphase war wirklich oft knifflig und ein unsicheres 30 Kilo Riesenbaby an der Leine zu haben das aus unerfindlichen Gründen plötzlich versucht in die Jackentaschen zu kriechen erfordert viele Monate lang sehr viel Geduld.
Aber wir haben es gemeistert und Sayah ist zu einer tollen, zurückhaltenden und sozialverträglichen Hündin geworden die sich mir in "Notsituationen" anvertrauen kann.
Ebenfalls heftig ist es den Jagdtrieb im Griff zu behalten.
Sayah braucht es einmal täglich zu rennen.
Und rennen bedeutet im Flug über Wiesen zu düsen, die Power rauszulassen, sich langzumachen, 5 Minuten lang zu explodieren.
Freilauf ansonsten ist einige Meter vor mir langzutraben, sich immer wieder zu mir umzudrehen, auf mich zu achten und zu warten.
Aber einmal muss sie "platzen" dürfen.
Das MUSS ich ihr ermöglichen und das kann ich.
Dafür haben wir gearbeitet und tun es weiterhin.
Sie nur an der Leine zu führen wäre Quälerei und auch mit Radfahren oder Agi ist das Bedürfnis zu spurten nicht zu befriedigen.
Ein weiterer Punkt den ich unterschätzt hatte ist ihre Wirkung auf andere Menschen.
Ein RR, egal wie lieb und freundlich, löst häufig Unwohlsein oder Angst aus.
Das war mir Anfangs nicht bewusst und ich bin sicher zu locker damit umgegangen.
Inzwischen habe ich gelernt und bin übervorsichtig, rufe immer erst mal zurück, passe besonders gut auf um niemanden in eine unangenehme Lage zu bringen.
Ist manchmal etwas anstrengend und wirkt auf Hundefreunde etwas überbesorgt, hat sich aber bewährt.
Ich bin jeden Tag glücklich mit diesem Hund und meinem Mann dankbar das er diesen Satz "wir nehmen sie" sagte obwohl seine Wunschvorstellung eigentlich eine ganz andere war.
Und unserer Züchterfamilie dankbar das sie uns diesen Hund anvertraut haben.
Charakterlich ist sie ein Hauptgewinn.
Und trotz ihrer Eigenheiten einfach klasse.
Für andere wäre sie möglicherweise eine Katastrophe weil zu kompliziert, zu langsam, zu überlegt, zu umständlich, zu wenig quirliger Hund.
Für mich ist sie der beste Hund den man haben kann.
Eigentlich sollten wir ja berichten wie wir zu diesem Hund kamen.
Und nun ist es irgendwie eine Liebserklärung geworden.
Egal 
LG
Tina