Ich sehe das ehrlich gesagt ein bisschen anders. Nur weil die Hunde körperlich gesund wirken und während des Verhaltens keine offensichtlichen Stressanzeichen zeigen, heißt das für mich noch lange nicht, dass es keine Form von Leid oder Einschränkung ist. Wenn ein Verhalten so weit vom Normalverhalten abweicht, dass es zwanghaft oder repetitiv wird, ist das für mich kein „interessantes genetisches Phänomen“ mehr, sondern etwas, das sehr wohl unter Qualzucht fallen kann – vor allem, wenn es durch extreme Zuchtmerkmale oder genetische Fixierungen begünstigt wird.
Man darf dabei nicht vergessen, dass eine stark veränderte Schädelform unweigerlich auch Auswirkungen auf das Gehirn und die Nervenbahnen hat. Wenn sich die Form des Kopfes verändert, verschieben sich automatisch auch die inneren Strukturen. Das kann Druckverhältnisse, Reizleitungen und Wahrnehmung beeinflussen – und genau das kann sich später im Verhalten zeigen. Anatomie und Verhalten sind eben keine voneinander getrennten Welten.
Ob der Hund in dem Moment äußerlich ruhig aussieht, sagt ja nichts darüber aus, was im Inneren passiert. Zwangshandlungen laufen auch bei Menschen oft ohne sichtbare Anspannung ab, sind aber trotzdem Ausdruck einer gestörten Reizverarbeitung. Und wenn genau diese Reizverarbeitung durch Zuchtmerkmale oder genetische Veranlagung beeinflusst ist, dann trägt der Mensch dafür Verantwortung.
Ich finde, man darf solche Dinge nicht verharmlosen, nur weil sie „typisch für die Rasse“ sind. Wenn eine Rasse dafür bekannt ist, bestimmte neurotische oder zwanghafte Verhaltensmuster zu zeigen, dann ist das kein Charakterzug, sondern ein direktes Ergebnis von Zuchtentscheidungen – und genau da beginnt für mich das Thema Qualzucht. Denn Qual zeigt sich nicht immer durch sichtbaren Schmerz, manchmal eben auch durch ein Leben, das nicht im Gleichgewicht ist.