Beiträge von KreativesChaos

    Ich lese aus den ganzen Beiträgen auch keinen Angsthund raus und per se auch kein Problem mit der Großstadt.

    Ich sehe hier einen erstmal reizüberfluteten Hund, was ich als völlig normal erachte, der sich in seiner neuen Welt zurecht finden muss - und das ja auch schon nach und nach toll macht.

    Mein Hund meidet Aufzüge noch immer. Ja, er kommt mit rein, weil wenn ich rein gehe, scheint ja auch nichts zu passieren, aber freudig wird er das wohl nie machen. Nur so, um einen Punkt aufzugreifen. Er kommt auch mit ins Büro (wenn ich denn mal hin muss) und ist dort mittlerweile sehr wohlerzogen. Während ich am ersten Tag noch sämtliche Mülleimer nach oben stellen musste, damit er sie nicht ausräumt.

    Was ich rauslese, ist eine unfassbar angespannte Ersthundehalterin, die sich das Zusammenleben von Anfang an anders vorgestellt hat (das ist nicht als Vorwurf zu verstehen) und jetzt überfordert (auch kein Vorwurf) mit der Situation und einem aktuell noch überforderten Hund ist, der mehr Zeit braucht, als erhofft. Das ist ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt. Der Hund schafft das aber nicht von sich aus, sondern braucht die Ruhe und Gelassenheit, aber auch Konsequenz, von seinen Besitzern dazu. Natürlich ggf. auch mit Hilfe eines Hundetrainers.

    Ich wäre daher komplett ehrlich zu mir und würde schauen, ob ich das auf lange Sicht leisten kann und will. Auch in finanzieller Hinsicht. Zumal es immer wieder Höhen und Tiefen geben wird. Nur, wenn ein klares Ja dabei rauskommt, spricht das dafür. Mit der jetzigen Ausgangslage und dem Gedankenkarussell würde ich den Hund kompromisslos abgeben - und zwar so schnell wie möglich, damit es für das Tier nicht noch schwieriger wird. Der Kleine gewöhnt sich jeden Tag mehr an euch und muss eh wieder von vorne starten, wenn er nicht bleiben darf.


    Ich mache ein kleines Mikrofasertuch Lauwarm Klamm, dass es sich angenehm Temperiert anfühlt und nicht tropft. Bei einem Hund der es nicht kennt, dürfen sichtbar Leckerlies bereit liegen. Und dann halte ich das Tuch mit einer Hand ans innen Ohr, ohne zu Bewegen, aber Konstant dran halten, ohne Druck. Und die andere Hand kann Leckerchen in den Hund schieben.

    Super Tipp, danke! Das ist auch mein großes Glück: Ich habe einen sensiblen Vielfraß hier.

    Falls ich es überlesen habe ... war der Auslöser denn jetzt ein Fremdkörper?

    Nein, also, im Grunde gibt es keinen Auslöser. Der vermeintliche Fremdkörper war wohl schon eine Ansammlung von Dreck und Ohrenschmalz. Sprich, der Vorbote der Entzündung, die dann ein paar Tage später so richtig durchgekommen ist. Timmy hat auch noch dazu beigetragen, weil er, wenn auch behutsam, immer wieder mit der Pfote ins Ohr zum Kratzen ist und sich da leicht selbst verletzt hat, schätze ich. Wundert mich nur, dass damals noch nichts unterm Mikroskop gefunden wurde. Vermutlich konnte sie den Abstrich wegen seiner Gegenwehr aber auch gar nicht richtig nehmen.

    Ich gehe da jetzt deshalb mit einer Futterumstellung ran. Ab jetzt gibt es erstmal nur noch Pferd und Süßkartoffel als hypoallergene Trockenfuttervariante. Und als Snacks auch natürlich. Und dann mal sehen, wie sich was entwickelt. Der Stuhl war heute Morgen schon vorbildlich. Das war schon anders, wenn ich Futter gewechselt habe.

    Ich bin jetzt alles mal im Hinterkopf durchgegangen und sehe langsam doch einen Futterzusammenhang. Huhn scheint mir sehr verdächtig. Und Frauchen muss ab jetzt aufpassen, dass auch kein Mini-Happen mehr von ihrem Essen zufällig im Hund landet (wir sprechen hier natürlich nur von nicht gewürzten Sachen, aber trotzdem):winking_face:.

    Ich ärgere mich auch wahnsinnig über mich selbst, weil ich nicht mehr eingeschritten bin. Aber ich war wie erstarrt, weil ich 0,0 damit gerechnet habe.

    Mein Hund ist eh so sensibel. Es ist bei ihm z.B. ein schmaler Grad zwischen Gehorsam aus Angst heraus (da reicht eine ungewollt zu dominante Körpersprache meinerseits schon aus und er geht in die Unterwürfigkeit) und aus Freude heraus (ich belohne kaum noch mit Leckerlis, nur sozial). Größtenteils überwiegt aber die Freude und er geht schon mit glänzenden Augen neben mir und guckt mich an, weil er wissen will, was wir wohl als Nächstes machen:smiling_face_with_hearts:. Ich wurde jetzt schon oft drauf angesprochen, dass man wirklich sieht, wie schön er sich an mir orientiert. Er muss dabei aber auch nicht perfekt sein. Ich liebe seine manchmal tapsige Art. Ich fordere ein Platz ein, aber der Herr möchte sich nicht auf den steinigen Boden legen. Also bleibt der Bauch gerade noch so in der Luft:smiling_face_with_halo:.

    Und gerade ihn packt der Depp so an. Sein Rüde hört nur aus Angst heraus. Der macht sich sofort klein, wenn ein Kommando kommt.

    Ich rege mich jetzt besser nicht weiter drüber auf. Ich bin mir auch sicher, dass ich auf lange Sicht Timmys Vertrauen für die Ohren zurückgewinnen kann auf ruhige Art, aber das ist jetzt erstmal weiter weg gerückt.

    Ich versuche es morgen Früh selbst mal und sonst geht es ab zum Tierarzt. Jetzt steht erstmal im Vordergrund, dass ihm geholfen wird.

    Danke! Ja, ich weiß, dass ich mir da auch selbst im Weg stehe. Weil er mich schonmal gebissen hat und weil ich im Hinterkopf habe, dass er Schmerzen hat. Und natürlich hab ich im Hinterkopf, dass er den Maulkorb eigentlich noch nicht wirklich kennt. Einfach durchsetzen und durch trifft es wohl eigentlich am besten.

    Ich muss aber vielleicht noch folgende Geschichte dazu erzählen: Vor rund einer Woche, als eigentlich noch nichts akutes im Ohr war, hab ich Rat bei einem befreundeten Hundebesitzer gesucht. Der hat drei komplett unterschiedliche Hunde und die wirklich gut im Griff. Er meinte, er hilft mir gern mit den Tropfen. Ich bin mit Timmy und einfachen Reinigungstropfen also zu ihm. Er war schon öfter und gerne dort. Hab ihn aber auch vor dem Beißen gewarnt. Ende vom Lied: Timmy war richtig aggressiv, wollte beißen und hat ihn auch leicht erwischt an der Hand. Er hat Timmy gepackt und auf den Borden geworfen und gedrückt und unten gehalten. Timmy hat wie aus Todesangst geschrien. Ich wollte, dass er abbricht, aber er ist drauf geblieben, weil er meinte, der Hund darf jetzt nicht gewinnen. Er ist dann mit Timmy in den Flur. Timmy war nach der Aktion sehr unterwürfig und hat sich niedergelegt und Beschwichtigung angezeigt. Er hat aber weiter gefletscht, als er mit der Lösung ran wollte. Ganz am Ende lag Timmy dann seitlich am Boden und hat Berühren mit der Lösungsflasche am Kopf akzeptiert. Er konnte dann auch in die Ohren tropfen, aber Timmy hat versucht nachzubeißen. Er hat sich dann an dem Abend zwar noch einmal kurz von ihm streicheln lassen, hat dann aber bei Berührungsversuchen, egal wo, nach der Hand geschnappt und gedroht. Mittlerweile lässt er sich wieder von ihm streicheln, ist aber weitaus distanzierter.

    Ich kann nicht beurteilen, was das ausgelöst hat und rückgängig kann ich es auch nicht mehr machen.

    Das habe ich nun natürlich auch im Hinterkopf.

    Was ich morgen auf jeden Fall mache: Zu meinem Hundetrainer zwecks dem Maulkorb fahren. Ich kann irgendwie nicht an die Ohren gehen, wenn ich zwei Hürden habe :-). Und dann ran an den Speck.

    Es ist alles gut gegangen und er hat sich gleich an mich gekuschelt, als ich in den Raum bin, in dem er aufgewacht ist. Durfte ihn nach einer halben Stunde mitnehmen und er ist zwar noch müde, aber ganz der Alte. Er hat auch von der Tierarzt-Helferin noch dankend ein Leckerli angenommen. Jetzt schläft er tief und fest - vor der Haustür. Toll, ich wollte einkaufen :D.

    Die neuen Pferdeleckerlis wurden auch schon für gut befunden. Ebenso das neue Futter. Habe die Zeit im Hundeladen nebenan genutzt und mich dort gut eingedeckt. Denen vertrau ich auch. Da hat jeder selbst einen (Tierschutz-) Hund.

    Bauchschmerzen macht mir allerdings jetzt schon wieder die Tatsache, dass ich ihm ab morgen 10 Tage lang Ohrentropfen geben muss. Ich wurde dabei auch schonmal gebissen und habe gehörig Respekt. Ich habe jetzt aber auch keine Zeit, in Ruhe zu üben. Das zeitliche Dilemma hatten wir ja schonmal. Nun gut, was muss das muss. Mir fehlen nur auch mit Maulkorb mindestens 3 weitere Hände zum festhalten :frowning_face:

    So, jetzt liegt Timmy in Narkose und ich bin das nervöse Bündel, das wartet.

    Ich bin tatsächlich doch ohne Maulkorb zum Tierarzt, hatte ihn aber dabei und hätte ihm den sonst vor der Praxis vor seinem Lieblingshundeladen aufgesetzt und wäre da zuerst einmal kurz rein. Wir waren zeitig genug da.

    Nachdem er aber freudig in die Praxis ist, habe ich ihn abgelenkt und bestätigt, so wie ich es in der Hundeschule gelernt habe und er hat weder beim Abhören noch bei der Sedierungsspritze irgendwie reagiert, weil er sich voll auf mich konzentriert hat. Es war sehr schön, dass ich alleine mit ihm auf einer Kuscheldecke warten durfte, bis er eingeschlafen ist.

    Als er dann schon total müde da lag, war auch das Zugang legen kein Problem. Einzig als die Tierärztin dann doch kurz den Kopf gestreichelt hat, hat er die Lefzen gehoben (ich musste ein bisschen schmunzeln), mehr hat die Müdigkeit nicht zugelassen.

    Ich habe in der Zwischenzeit einen guten Zweitmaulkorb gekauft (Hunter) und bestelle noch einen Drahtmaulkorb.

    Habt ihr Tipps für nach der Narkose? Ich hätte gesagt, ihm seine Ruhe lassen und nur kurze, entspannte Spaziergänge zum Lösen ohne Aufregung und Action. Streicheln mag er eh nicht, wenn er schlafen will.

    Ich habe mir jetzt nicht jeden einzelnen Beitrag durchgelesen, aber es klingt doch so, dass ihr als Team erste kleine Fortschritte macht - das ist doch mega!

    Ich wollte dennoch meine Erfahrungen noch mit dir teilen, weil es mir ähnlich ging:

    Ich habe letztes Jahr im August einen Tierschutz-Hund (ca. 1 Jahr alt damals) direkt aus dem Ausland adoptiert. Ich war davor lange mit dem Vermittler in Kontakt (mit dem ich mittlerweile gut befreundet bin), der ihn von vor Ort schon kannte und wirklich eine gute Einschätzung abgegeben hat, was seinen grundsätzlichen Charakter betrifft (verschmust, neugierig, lernfähig, sehr quirlig, daher Ruhetraining erforderlich). Er wusste, dass ich Ersthundehalterin bin (wenn auch mit Sitting-Erfahrung), dass ich alleine bin und dass ich nicht die Kapazitäten habe, einen wirklich verhaltensauffälligen Hund zu mir zu nehmen. Ich arbeite allerdings zu 100% aus dem Homeoffice, das ist natürlich ein kleiner Vorteil.

    Timmy ist nun also seit knapp 9 Monaten bei mir und WIR (!) lernen immer noch. Er war von Anfang an stubenrein, sehr menschenbezogen und freundlich. So viel zum “Positiven”. Aber gerade ein Tierschutz-Hund mit unklarer Vorgeschichte ist wie eine Schachtel Pralinen. Er ist mir bestimmt die ersten 4 Wochen nur hinterher gelaufen. Aus dem Tiefschlaf raus, aus jeder Situation heraus. Ist also nie zur Ruhe gekommen. Nur, wenn ich auch ruhig in seiner Nähe geblieben bin. Das hat sich gelegt durch konsequentes Entspannungstraining. Ich bin zig Mal die selben Wege in der Wohnung gegangen, bis er langsam gemerkt hat, er verpasst nichts, wenn er auch mal liegen bleibt. Habe ihn immer wieder auf seine Decke geführt. Das habe ich ausgebaut und mittlerweile kann er auch mehrere Stunden alleine bleiben. Kongs etc. interessieren ihn nicht. Das war Arbeit, aber hat sich ausgezahlt.

    Jetzt zum schwierigeren Teil: Timmy ist eigentlich ein unfassbar sensibler und unsicherer Hund. Er ist futteraggressiv (habe ich herausgefunden, weil er mich gebissen hat, als ich ihm eine Bäckertüte weggenommen habe), er schnappt auch mal zu, wenn ihm was nicht passt, weil er nicht weiß, wie er es anders ausdrücken soll. Er flippt beim Tierarzt mittlerweile komplett aus, gerade wenn seine Ohren untersucht werden sollen. Passend dazu hat er die dritte Ohrenentzündung, seit er bei mir ist. Er duldet keine längeren Berührungen an seinen Pfoten und wehe, man will ihm ans Fell. Bürsten ja, eine Zecke entfernen oder mal eine Filzstelle mit der Schere: Nein. Er wirkt nach außen sehr souverän und jeder findet ihn süß und toll, aber das, was die Leute ein paar Minuten draußen sehen, spiegelt halt auch nicht den eigentlichen Hund wider.

    Ich verstehe ihn langsam immer besser und zwischen uns im Zusammenspiel klappt alles prima. Aber das war und ist ein nicht immer leichter Weg.

    Gamechanger war für mich der Besuch einer richtig guten Hundeschule. Das klingt so einfach, aber mit gut meine ich gut. Dort arbeitet ein Hundetrainer, der seit 30 Jahren nichts anderes macht. Es geht dort natürlich auch um Grundkommandos, aber nicht durch fast schon klassisches Leckerli-Vollstopfen, sondern weil dort an der grundlegenden Beziehung zwischen Hund und Halter gearbeitet wird. Timmy orientiert sich seitdem auf respektvolle Art und Weise deutlich mehr an mir. Er ist nochmal tausendmal entspannter geworden, weil ich gelernt habe, ihm in seiner Unsicherheit zu unterstützen und ihm so einigen Stress nehme. Ich entscheide draußen, wann ich ihn ins Fuß nehme, wenn uns z.B. eine Familie mit Kindern entgegenkommt. Die sind ihm einfach zu quirlig und er ist froh, wenn er an meiner Seite da einfach vorbei gehen kann. Nur mal als Beispiel. Das ist einer von vielen Schritten. Uns stehen noch Medical Trainings und viele weitere Hundeschulenbesuche bevor. Ich übe jeden Tag mit ihm.

    Es wird sich vieles noch bei euch legen, auch da bin ich mir sicher. Das kann ich auch mit Timmy bestätigen. Es ist auch okay, verzweifelt zu sein und die Entscheidung zu hinterfragen. Auch ich hatte diese Momente. Was ich mich aber wirklich fragen würde: Bist du bereit, Zeit, Nerven und auch Geld zu investieren, damit ihr eben ein eingespieltes Team werdet? Und hast du die Zeit? Ich würde meinen Timmy für nichts mehr in der Welt hergeben. Mir macht es aber auch wahnsinnig viel Spaß, seine Entwicklungen zu sehen und zu begleiten :-).