Ich habe mir jetzt nicht jeden einzelnen Beitrag durchgelesen, aber es klingt doch so, dass ihr als Team erste kleine Fortschritte macht - das ist doch mega!
Ich wollte dennoch meine Erfahrungen noch mit dir teilen, weil es mir ähnlich ging:
Ich habe letztes Jahr im August einen Tierschutz-Hund (ca. 1 Jahr alt damals) direkt aus dem Ausland adoptiert. Ich war davor lange mit dem Vermittler in Kontakt (mit dem ich mittlerweile gut befreundet bin), der ihn von vor Ort schon kannte und wirklich eine gute Einschätzung abgegeben hat, was seinen grundsätzlichen Charakter betrifft (verschmust, neugierig, lernfähig, sehr quirlig, daher Ruhetraining erforderlich). Er wusste, dass ich Ersthundehalterin bin (wenn auch mit Sitting-Erfahrung), dass ich alleine bin und dass ich nicht die Kapazitäten habe, einen wirklich verhaltensauffälligen Hund zu mir zu nehmen. Ich arbeite allerdings zu 100% aus dem Homeoffice, das ist natürlich ein kleiner Vorteil.
Timmy ist nun also seit knapp 9 Monaten bei mir und WIR (!) lernen immer noch. Er war von Anfang an stubenrein, sehr menschenbezogen und freundlich. So viel zum “Positiven”. Aber gerade ein Tierschutz-Hund mit unklarer Vorgeschichte ist wie eine Schachtel Pralinen. Er ist mir bestimmt die ersten 4 Wochen nur hinterher gelaufen. Aus dem Tiefschlaf raus, aus jeder Situation heraus. Ist also nie zur Ruhe gekommen. Nur, wenn ich auch ruhig in seiner Nähe geblieben bin. Das hat sich gelegt durch konsequentes Entspannungstraining. Ich bin zig Mal die selben Wege in der Wohnung gegangen, bis er langsam gemerkt hat, er verpasst nichts, wenn er auch mal liegen bleibt. Habe ihn immer wieder auf seine Decke geführt. Das habe ich ausgebaut und mittlerweile kann er auch mehrere Stunden alleine bleiben. Kongs etc. interessieren ihn nicht. Das war Arbeit, aber hat sich ausgezahlt.
Jetzt zum schwierigeren Teil: Timmy ist eigentlich ein unfassbar sensibler und unsicherer Hund. Er ist futteraggressiv (habe ich herausgefunden, weil er mich gebissen hat, als ich ihm eine Bäckertüte weggenommen habe), er schnappt auch mal zu, wenn ihm was nicht passt, weil er nicht weiß, wie er es anders ausdrücken soll. Er flippt beim Tierarzt mittlerweile komplett aus, gerade wenn seine Ohren untersucht werden sollen. Passend dazu hat er die dritte Ohrenentzündung, seit er bei mir ist. Er duldet keine längeren Berührungen an seinen Pfoten und wehe, man will ihm ans Fell. Bürsten ja, eine Zecke entfernen oder mal eine Filzstelle mit der Schere: Nein. Er wirkt nach außen sehr souverän und jeder findet ihn süß und toll, aber das, was die Leute ein paar Minuten draußen sehen, spiegelt halt auch nicht den eigentlichen Hund wider.
Ich verstehe ihn langsam immer besser und zwischen uns im Zusammenspiel klappt alles prima. Aber das war und ist ein nicht immer leichter Weg.
Gamechanger war für mich der Besuch einer richtig guten Hundeschule. Das klingt so einfach, aber mit gut meine ich gut. Dort arbeitet ein Hundetrainer, der seit 30 Jahren nichts anderes macht. Es geht dort natürlich auch um Grundkommandos, aber nicht durch fast schon klassisches Leckerli-Vollstopfen, sondern weil dort an der grundlegenden Beziehung zwischen Hund und Halter gearbeitet wird. Timmy orientiert sich seitdem auf respektvolle Art und Weise deutlich mehr an mir. Er ist nochmal tausendmal entspannter geworden, weil ich gelernt habe, ihm in seiner Unsicherheit zu unterstützen und ihm so einigen Stress nehme. Ich entscheide draußen, wann ich ihn ins Fuß nehme, wenn uns z.B. eine Familie mit Kindern entgegenkommt. Die sind ihm einfach zu quirlig und er ist froh, wenn er an meiner Seite da einfach vorbei gehen kann. Nur mal als Beispiel. Das ist einer von vielen Schritten. Uns stehen noch Medical Trainings und viele weitere Hundeschulenbesuche bevor. Ich übe jeden Tag mit ihm.
Es wird sich vieles noch bei euch legen, auch da bin ich mir sicher. Das kann ich auch mit Timmy bestätigen. Es ist auch okay, verzweifelt zu sein und die Entscheidung zu hinterfragen. Auch ich hatte diese Momente. Was ich mich aber wirklich fragen würde: Bist du bereit, Zeit, Nerven und auch Geld zu investieren, damit ihr eben ein eingespieltes Team werdet? Und hast du die Zeit? Ich würde meinen Timmy für nichts mehr in der Welt hergeben. Mir macht es aber auch wahnsinnig viel Spaß, seine Entwicklungen zu sehen und zu begleiten :-).