Ich habe soeben "Der Cellist von Sarajevo" von Steven Galloway beendet.
Der Roman erzählt die Geschichten von drei ganz unterschiedlichen Menschen, die im belagerten Sarajevo leben. Einer Stadt, die rundum von Bergen umgeben ist und dadurch ein ideales Ziel für Belagerer und Scharfschützen abgiebt. Es gibt keinen Strom und kein fließendes Wasser mehr, Nahrungsmittel sind knapp.
Kenan ist Familienvater und macht sich alle paar Tage auf, um Wasser für seine Familie und eine ältere Nachbarin zu holen. Alle paar Tage begibt er sich in Lebensgefahr, alle paar Tage steht er im Treppenhaus, sinkt auf den Boden und will eigentlich nicht aus dem Haus. Und er weiß, dass er sich auch diesmal wieder auf den Weg machen wird, wie die Male zuvor auch.
Dragan ist 64 Jahre alt, arbeitet in einer Bäckerei. Seine Frau und seinen Sohn hat er mit einem der letzten Busse aus der Stadt geschafft, vermutlich sind sie in Italien. Seine Wohnung ist zerstört, er lebt bei seiner Schwester und seinem Schwager mit dem er sich nicht besonders versteht. Er versucht, alten Bekannten aus dem Weg zu gehen, er will nicht mitbekommen, wie der Krieg sie verändert hat.
Und dann ist da noch Strijela - der Strich, wie sich sich nennt. Sie ist Scharfschützin, eine der Besten. Aber sie arbeitet nach ihrer Methode. Sie hat ihr altes Ich abgelegt, in der Hoffnung, irgendwann wieder in ihr altes Ich schlüpfen zu können. Sie begibt sich täglich in Lebensgefahr, um Scharfschützen, die auf wehrlose Zivilisten feuern, abzuschießen. Auch wenn sie "die Bösen" bekämpft, ist sie sich bewusst, dass auch an ihren Händen Blut klebt.
Diese Fäden laufen bei einem Cellist zusammen, der nachmittags um 4 Uhr aus dem Fenster seiner Wohnung mitansehen muss, wie eine Granate in eine Schlange aus wartenden Menschen einschlägt. 22 Menschen verlieren dabei ihr Leben, als sie sich angestellt haben für einen Laib Brot. Dieser Cellist beschließt, 22 Tage lang an dieser Stelle, an der die Granate eingeschlagen hat, das Adagio in G-Moll von Albinoni zu spielen - um jeden Tag einem der Toten zu gedenken.
Das Buch ist keine leichte Kost. Fast täglich sehen wir Bilder von Kriegen im Fernsehen und Internet. Und doch ist es was ganz anderes, davon zu lesen. Wirklich zu spüren, wie es diesen Menschen im Krieg ergeht. Welche Ängste und Hoffnungen sie haben. Wie sie versuchen zu überleben. Welche Methoden sie sich zurecht legen, um Straßen unbeschadet überqueren, in der Hoffnung, dass in dem Moment kein Scharfschütze auf sie schießt. Eine Frau sagt im Buch dazu: "Das Sarajevo-Roulette. Weitaus kitzliger als das russische".
Viele Menschen mussten bei der Belagerung in Sarajevo ihr Leben lassen. Viele unschuldige Passanten, aber auch viele Soldaten. Und da kommt auch im Buch die Frage auf, ist es wirklich weniger schlimm, wenn Soldaten sterben? Ist das verzeihlicher? Sind nicht auch viele Familienväter und unschuldige Männer und Frauen eingezogen worden, die das alles gar nicht wollen?
Aber es gibt auch die Gegenseite,Menschen, die Profit aus dem Krieg schlagen oder die ihre dunklen Seiten ausleben. Menschen, mit denen man lieber als Normalsterblicher keinen Kontakt pflegen möchte.
Galloway zeichnet ein eindrückliches und auch bedrückendes Bild. Es erklärt nicht die Umstände, wie es zu dem Krieg kam, wie er sich entwickelt hat und wie er endet. Es beschreibt, wie Menschen sich fühlen, die einem Krieg ausgeliefert sind. Das ist ganz sicher ein Buch, das lange in mir nachhallen wird.
Wer thematisch schwere Kost erträgt, dem kann ich das Buch empfehlen.