Was genau ist denn eigentlich der Welpenblues für euch?
Meine Definition:
Zuerst: Ich finde es auch etwas unfair, wie manchmal geurteilt wird, nur weil man es selbst nicht nachvollziehen kann.
Ist nunmal jeder anders und es ist super, wenn man so mit allem im Einklang ist, dass man da nie Probleme bekommt, aber manche sind halt anders.
Ob man das jetzt "Welpenblues" oder "Startschwierigkeiten" nennt ist doch eigentlich egal. Denn das ist es im Normalfall nur.
Zumal Blues ja einfach von "being blue" kommt und einen niedergeschlagenen, unglücklichen Zustand beschreibt.
Das es nicht dasselbe ist wie ein Babyblues sollte wohl klar sein.
Das gesagt, denke ich dennoch, dass es eine vornehmlich moderne Sache ist. Ich will nicht sagen, dass sowas nicht auch früher passierte, aber ich bezweifle, dass es so häufig vorkam wie heute.
Meine Vermutung ist, dass es mit den geänderten Vorstellungen von Hundehaltung an sich und auch den unterschiedlichen gesellschaftlichen Vorstellungen, sowohl im Bezug auf den Hund, aber auch generell auf Handlungsweisen zu tun hat.
Burn Out gabs in der Form oder zumindest Häufigkeit früher auch nicht (obwohl ich den Vergleich nicht unbedingt so gut finde, weil ich das "Welpen-Blues Konstrukt" nicht als Krankheit sehe). Wenn ich mich aber mit älteren Leuten über die Arbeitsmoral bzw Arbeit in ihrer Anfangszeit unterhalte ist da häufig ein ziemlicher Unterschied zu heute. Das heißt nicht, dass die nicht gearbeitet haben, aber die Einstellung war trotzdem eine andere. Und das reflektiert auch ein bisschen unsere Gesellschaft.
Für mich gibt es zudem auch nicht "den Welpenblues". Das ist ein Begriff, der eher generell einfach alle Startschwierigkeiten mit dem neuen Hund bezeichnet, die über simples mal kurz genervt sein, weil Welpi schon wieder wo hingepinkelt hat hinaus gehen.
Zudem kann auch ein erwachsener Hund Auslöser sein und generell kann der Ursprung unterschiedliche Richtungen haben.
Deswegen ist es für mich auch kein Krankheitsbild und definitiv nicht mit Babyblues/Wochenbettdepression zu vergleichen. Auch wenn beim Stress garantiert ebenfalls diverse Hormone oder so ausgeschüttet werden, ist das doch nochmal was völlig anderes.
Und ja, manche Menschen können mit derselben Situation besser umgehen als andere. Deswegen ist der, der es nicht kann nicht unbedingt psychisch krank oder hat ein verarmtes Problemlösungsverhalten.
Unterschiedliche Arten von Stress können unterschiedlich gut verarbeitet werden. In anderen Bereichen kann sich die Situation gut und gerne umdrehen.
Ansonsten gibt es in meinen Augen unterschiedliche Grundprobleme.
1. Ist da der klassischste Fall: simple, ehrliche Überforderung
So ging es uns zum Beispiel. Wir haben uns informiert, auch verstanden, dass nicht alle Hunde gleich sind und manche Tips besser/schlechter funktionieren. Auch verstanden, dass das Hundehaltung mehr ist als bei gutem Wetter über die Wiese zu schweben (auch wenn wir garantiert trotzdem manches zu verklärt gesehen haben).
Aber das gefühlt GAR NICHTS geklappt hat und der Welpe praktisch nur am Rad gedreht hat war dann doch etwas viel für uns Anfänger. Ich hab bestimmt 3 Monate gebraucht, bis Ari wirklich MEIN Hund war. Aber die ersten 1-2 Monate haben uns beide wirklich geschaucht.
Ari war nun aber auch ein sehr extremer Fall und ich bezweifle, dass mich danach noch viel Welpenverhalten schocken kann. Mit Cashew lief dann auf jeden Fall alles problemlos. Da hat mich praktisch nichts mehr viel aus dem Konzept gebracht und ich war auch viel fähiger "out of the box" zu denken und handeln. Auch wenn ich bei Ari schon auch ein Gefühl dafür hatte, ob etwas gar nicht funktioniert hatte ich da oft einfach nicht die Ideen für Alternativen.
Es trifft nicht umsonst meistens Anfänger.
Ansonsten kann bei der Überforderung auch noch
2. Überinformieren
und
3. Übersteigern/Reinsteigern in den Wunsch Hund
mit rein spielen.
Wenn man in den Wochen/Monaten sich da so intensiv reinarbeitet und das Überangebot Wissen aufsaugt, dann tendieren manche Menschen dazu den Bezug zum Bauchgefühl zu verlieren. Oder sich von den ganzen unterschiedlichen Mitteln simpel erschlagen zu lassen.
Und wenn Hundi sich dann eben nicht so verhält, wie man das geplant hat weiß man nicht wie mit der Situation umgehen (das trifft glaube vor allem Leute, die gern alles planen).
Oder je nach Umfeld fühlt man sich wie ein Versager, weil es alle anderen ja auch schaffen. Mit Methode XY. Also muss es ja an einem selbst liegen. Und man versaut den Hund, der ja der eigene Schutzbefohlene ist.
Viel hängt dabei halt auch mit den heutigen gesellschaftlichen Normen zusammen. Der Hund muss halt XY. Zwar am Besten schon mit 8 Wochen. Je nach Umfeld gibt es da auch mehr Druck.
Und dann gibt es noch das schwarze Loch - wenn man irgendwas so hyped (mir fällt grad echt kein besseres Wort ein), dass wenn es dann tatsächlich passiert man plötzlich Probleme hat von der Theorie zur Realität zu kommen.
Der tatsächliche Hund kann nicht das ausgedachte Ideal erfüllen (oder das lang erwartete Spiel/Serie/Essen/etc) er ist nicht so gut wie man sich das vorgestellt hat, weil im Kopf alles perfekt war.
Übrigens finde ich, dass das Phänomen "Welpenblues" spätestens nach 1-2 Monaten vorbei sein sollte. Und es sollte sich fortlaufend bessern.
Wenn man nach 3/4 Wochen immer noch am selben Punkt ist und man immer noch gar nicht zusammengefunden hat und der Hundehaltung oder dem Hund gar nichts positives abgewinnen kann, dann ist deutlich mehr im Argen.
Selbst wir, obgleich heillos überfordert mit dem kleinen Wollknäul hatte nach spätestens 1 Woche das Bedürfnis alles für den Zwerg zu tun.