"Du möchtest bestimmt Salat."
"Nein, ich mag Blattsalat nicht sonderlich."
"Aber du bist doch Vegetarier!!!"
"Ja, aber auch wir dürfen essen was uns schmeckt und weglassen, was uns nicht schmeckt. Haben wir letztens so beschlossen.
"
Wie oft durfte ich hören "Wie du isst keine Paprika? Du isst doch schon nichts. Kannst du überhaupt noch etwas essen? Du bist Vegetarier, du musst alles an Gemüse/Obst essen!"
Aber dann isst du doch ihrem Essen das Essen weg, wenn du alles Obst und Gemüse isst

Die Einstellung "du musst alles andere essen, wenn du schon kein Fleisch isst". verstehe ich tatsächlich bei manchen, weil ich mit einer gewissen "Kein Fleisch zu haben heißt Entbehrung und ungesund"-Einstellung aufgewachsen bin. Gerade meine Oma (Kriegskind), hatte da einiges durch und entsprechend war es für sie schwierig, meinen freiwilligen Verzicht zu verstehen. Schlicht und einfach, weil sie emotional vorbelastet und durch diese Erfahrungen geprägt ist.
Bei ihr war es: wenn es mal Fleisch oder Fisch gab, dann bekam den Großteil ihr Vater. Der musste nämlich gestärkt sein, weil er die Familie versorgen musste. Die Kinder bekamen mehr oder minder die Reste davon - und das war extremer Luxus. Und ansonsten gab es, was eben da war oder sich mühselig aufbringen ließ. Das konnte durchaus "Spinat" aus Brennnesseln, Löwenzahn und Rübenblättern sein, schimmliges oder hartes Brot oder halb vergammelte Kartoffeln. "Schmeckt mir nicht/will ich nicht essen" gab es eben nicht.
Ich bin mit dem Wissen aufgewachsen, dass es tatsächlich Luxus ist, nicht alles essen zu müssen was irgendwie essbar ist, weil ich ansonsten verhungere. Deswegen bin ich da auch niemandem böse, wenn er erstmal die Einstellung oder das Klischee im Kopf hat, ich müsse doch aber weil Vegetarier und so.
Natürlich bin ich auch genervt, wenn es zum 93. Mal und trotz Erklärungen von der gleichen Person kommt. Aber anfangs versuche ich das immer mit Humor zu nehmen und zu erklären.
Und ich lebe in dem Wissen, was für ein verdammtes Glück ich habe, dass ich mich entscheiden kann, ob ich dies, das oder jenes esse - oder eben nicht. Vegetarier oder Veganer sein zu können, weil man kein anderes Lebewesen mehr ausnutzen oder umbringen muss um selbst zu überleben, das begreife ich als Luxus. Als Freiheit.
Aber die Prägung, Traditionen und Gewohnheiten in unserem Land sind eben da und in vielen Köpfen sehr fest verankert. Nicht nur bei der Kriegsgeneration, sondern auch bei allen, die von ihnen bewusst oder unbewusst etwas übernommen haben bzw. erzogen wurden.