Ich wüsste aber nicht, wie dieser Ansatz mit einem Hund funktionieren soll, der das ganze Jahr kaum Ängste hat, sondern nur einmal im Jahr diese Reaktion aufs Böllern. Lagurus kannst Du das Training vielleicht kurz beschreiben?
Ja wie du auch schon grob sagtest, es ist ein Gesamtpaket an vielen verschiedenen Stellen, an denen man schraubt. Ein reines Gegenkonditionieren von Feuerwekrsgeräuschen wird bei den meisten nicht viel bringen, denn sie merken den Unterschied und es sind eben nicht nur die Geräusche, die die Ängste verursachen, auch die Lichter und der Geruch.
Meine Trainerin arbeitet zum einen damit, dass im Haus eine Sicherheitszone für den Hund aufgebaut wird. Da fängt man idealerweise schon Monate vor Silvester an, bzw. frischt sie das ganze Jahr über auf. Dort passieren nur schöne Dinge, der Mensch und auch jedes weitere Tier (weitere Hunde oder Katzen) im Haushalt halten sich aus dem Bereich raus. Wenn er da drin ist, passieren niemals unangenehme Dinge, er wird beispielsweise nicht rausgerufen um mal eben Krallen zu schneiden. Wir haben so eine Zone eingerichtet, hier gibt es mehrmals täglich schöne Sachen wie Futter oder andere Dinge zum selbstbeschäftigen da drin. Wenn unangenehme Dinge im Haushalt passieren, bringt man den Hund immer wieder auf die Idee, sich dahin zurück zu ziehen, indem man ihm schöne Sachen da rein legt. Das funktioniert bei uns in soweit schon gut, dass Betty sich, als wir letzens eine neue Duschkabine eingebaut haben und viel Krach gemacht haben, sich automatisch dahin verzogen hat. Ich hab ihr direkt eine Kaustange mit rein gelegt. Auch wenn ihr Besuch zu viel wird, geht sie da immer rein, sie kriegt auch immer was da drin, wenn wir Besuch haben, Schleckmatte oder ähnliches, es passieren da eben immer wieder angenehme Dinge und Besucher dürfen da selbstverständlich auch nicht rein. Seit ich diese Zone aufgebaut habe, sieht man Betty zum Leidwesen meiner Besucher oft gar nicht mehr, wenn mehrere Leute hier sind.
Zum Training provoziert man dann (nachdem der Bereich gut aufgewertet und aufgebaut wurde und dr Hund sich regelmäßig darin zurück zieht) immer wieder etwas Krach im Haushalt und belohnt den Hund, wenn er in die Zone geht oder bringt ihn auf die Idee da rein zu gehen. Dazu muss der Hund keine Angst vor dem Krach zeigen, wir sehen sowieso nicht, ob der Hund Angst hat, leichte Züge an Angst erkennt man nicht an der Körperoberfläche des Hundes. Aber Krach belastet die meisten Hunde, auch wenn wir es ihnen nicht ansehen. Unterstützend kann man, wenn der Hund Höhlen mag, da auch eine Box in die Zone mit rein tun und diese stark dämmen mit dicken Wolldecken oder ähnlichem um Geräusche mehr abzuhalten.
Zusätzlich werden Entspannungsdüfte und Entspannungsmusik konditioniert und immer wieder aufgefrischt. Die Sicherheitszone wird zusätzlich mit dieser passiven Entspannung verknüpft. Der Hund bekommt Futterspiele mit denen er selbst richtig Krach machen kann, wie einen Kongwobbler oder ähnliches was so richtig laut rumpelt, wenn es gegen die Möbel kracht, sodass Krach auch mit angenehmen Emotionen verbunden wird. Für draußen werden Lösestellen etabliert, wo der Hund lernt sich schnellst möglich zu lösen um auf längeres Gassi gehen verzichten zu können. Rund um Silvester wird auf jegliche zusätzliche Stressbelastung verzichtet. Zusätzliches Management wie abdämmen von Fenstern (z.B. mit dicken Decken oder Matten), wenn möglich (und selbstverständlich abdunkeln von allen Fenstern wegen Lichtrefeflexen)
Es wird eine Social Support Station eingerichtet und trainiert, ein Ort, in der Wohnung, wo man immer gemeinsame schöne Sachen macht, wenn beispielsweise ein bestimmtes Setting aufgebaut ist. Tricks, Spiel, Körperkontakt, aktive Entsoannung durch Massagen, ein Ort der mit vielen schönen Emotionen im Zusammenhang mit uns besetzt ist. Die wird an Silvester angeboten und kann er (muss er aber nicht!) aufsuchen, wenn ihm das hilft.
Rund um Silvester sollen Rituale aufrecht erhalten werden, die man sonst immer im Alltag hat. Oft hat man frei und der Alltag gestaltet sich anders, was dem Hund die notwendige Erwartungssicherheit nimmt. Also möglichst den Tagesablauf so gestalten, wie er im Alltag oft abläuft um den Hund nicht noch zusätzlich zu belasten. Die Tage vor Silvester mit wenig Anforderung an den Hund aber dafür mit viel Spaß und Spiel und Erholung füllen um ein Polster aufzubauen.
Also im Groben geht es darum, dass der Hund lernt sich selber bessere Emotionen zu verschaffen, weil das Monate vorher schon in diversen Settings geübt wurde. Das ist natürlich nichts, wo man einen panischen Hund direkt an einem Silvester zu einem entspannten Hund bekommt. Und vorallem ist es nicht eine einzige Maßnahme sondern ein Potpourri aus vielen Dingen. Aber es wird besser und meine Trainerin hatte selbst zwar Hunde mit sehr starken Ängsten an Silvester, die die ersten 2 Jahre Medikamente brauchten und nun Silvester gut klar kommen und nicht in Panik verfallen. Und sie trainiert regelmäßig erfolgreich mit Hunden, die Silvesterangst oder auch sonstige Geräuschangst haben.
Und idealerweise Silvester auch mit Hunden vorbereiten, die (noch) keine Angst zeigen, das kann sich ganz schnell im Laufe des Lebens des Hundes ändern und wenn der Hund erstmal Panik hat ist der Trainingsweg natürlich langwierger als bei einem Hund, der von Anfang an lernt, wie er sich selbst helfen kann, wenn er Angst bekommt. Und idealerweise auch, wenn wir nicht zu Hause sind, beispielse wegen Gewitter.