Dunkelheit und Kälte war das erste, was Hermann spürte, als er benommen aufwachte.
Langsam hob er den Kopf, was ihm nur sehr schwer gelang. Ihm tat alles weh. Zudem fror er leicht. Es war kalt und feucht, da, wo er lag. Und immer noch diese Dunkelheit.
Ihm kam es so vor, als wäre es damals.
Damals, ja, als er mit seiner Frau zum Skifahren gewesen war. Als aus dem Nichts eine Lawine angekommen und sie unter sich begraben hatte. Damals war er auch bei Bewusstsein gewesen, als er verschüttet war.
Genauso fühlte er sich jetzt wieder. Ein scheiß Gefühl!
Ja, ihn hatte es nicht so schlimm erwischt damals. Gut, er hatte sich Hüfte und Bein gebrochen, dass er sehr lange im Krankenhaus bleiben musste. Doch seine Frau hatte es schlimmer erwischt. Sie war zu einem Pflegefall geworden, dann aber trotzdem nach einem Jahr gestorben. Die ganzen Kosten vom Pflegeheim hatten die Abzahlung des Hauses verzögert, dass er noch heute zahlen musste – der Grund, warum er Geld brauchte, und das Gutachten so schrieb, wie sie es haben wollten. Ohne die Geldnot hätte er das nie getan. Was Geld doch alles so anstellen konnte…
Hermann streckte vorsichtig den Arm aus und tastete um sich. Selbst diese Bewegung tat ihm weh und nahm ihm die Luft.
So benommen wie er war, konnte er trotzdem ertasten, dass er auf Stein lag; dass neben ihm mehrere Steine auf dem Boden lagen; dazu noch die Feuchtigkeit.
In den Nebel seines Gehirns kam das Wort »Höhle«. Er musste in einer der Höhlen sein, die es hier gab. Deshalb war es hier so dunkel, feucht und kalt.
Wenn ihn hier niemand fand, dann würde er es nicht mehr lange machen, dachte er. Eben wie damals.
Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn er gar nicht mehr aufgewacht wäre? Dann wäre alles viel leichter gewesen. Und er hätte bestimmt seine Frau wiedergesehen, irgendwo in der Anderswelt oder wo auch immer, oder?
Mit großen Schmerzen konnte er sich ein wenig aufsetzen. Das hatte ihn allerdings so angestrengt, dass er erneut ein paar Minuten bewusstlos geworden war.
Als er wieder aufwachte, fror er noch immer und die Schmerzen waren auch wieder da. Ach, wie schön war doch dagegen die Bewusstlosigkeit gewesen, dachte er.
Auch wenn er in der Dunkelheit nichts sah, so merkte er, dass sich ihm alles drehte. Es war ihm übel. Bestimmt hatte er eine Gehirnerschütterung. Kein Wunder, bei den vielen Schlägen und Tritten, die er abbekommen hatte.
Ein paar Meter von sich hörte Hermann, wie etwas zu Boden fiel. Bestimmt ein Stein, dachte er, ach, warum kann der nicht auf mich fallen und mich erlösen?
Als er sich umsah, sah er mit einmal zwischen dem Dunkel etwas Helleres. Als wenn Licht auf den Eingang fiel.
Nun nahm er allen Mut zusammen und versuchte, dorthin zu kriechen. Nach ein paar Zentimetern musste er erstmal aufhören. Die Schmerzen waren zu stark, er konnte nicht mehr.
Stöhnend lag er auf dem kalten, feuchten Gestein. Wenn er je wieder lebend hier rauskam, schwor er sich, dann würde er reinen Tisch machen.
Nach einiger Zeit wurde noch mehr von der Sonne beleuchtet; es würde nur eine Frage der Zeit sein, bis es wieder dunkler sein würde, wenn der Sonnenstand sich weiter veränderte. Die Zeit, in der der Eingang der Höhle beleuchtet wurde, musste er ausnutzen, um herauszukommen. Wenigstens bis draußen musste er es schaffen, dann könnte er mit seinem Handy Hilfe rufen.
Vorsichtig kroch Hermann weiter. Zentimeter für Zentimeter. Ihm kam es vor, als würde er kilometerweit kriechen, dabei waren es nur dreißig Zentimeter, die er vorangekommen war, bis er erneut vor Schwäche und Schmerzen eine Pause einlegen musste.
Es knackte über ihm, dann schlug ein Stein genau vor ihm auf den Boden. War es Glück oder Pech, dass er nicht getroffen wurde? Er wusste es nicht.
Die Schwäche ließ ein wenig nach, er konnte weiterkriechen. Wegen des blöden Steins hatte er nun einen Umweg. Verdammt nochmal! Ihm wurde es aber überhaupt nicht leichtgemacht.
Der Eingang schien gar nicht mehr allzu weit zu sein, oder irrte er sich? Auf jeden Fall hatte er ziemlich Zeit dafür gebraucht, da die Sonne schon wieder weitergezogen war und nun der Einfall der Strahlen anders war als vorher – und vor allem wurde das beleuchtete Stück immer kleiner. Ohne die Sonne jedoch hatte er keinen Anhaltspunkt mehr, wo er hin kriechen sollte. Also musste er sich beeilen.
Die Schmerzen wurden beim Kriechen immer mehr, dass er stöhnen musste. Zum Stöhnen kamen aber auch Flüche hinzu.
Was war das? Halluzinierte er etwa schon? Er konnte von weitem irgendwelche Stimmen hören. War es Wirklichkeit? Oder fing er langsam an zu spinnen?
Hermann wollte »Hilfe!« rufen, doch es kam nur ein klägliches »Aaaah!« aus ihm heraus.
Ich muss lauter rufen, dachte er, sonst werden die mich nie finden.