Wieso diesen 'komplizierten' Umweg gehen und mit dem Hund nicht einfach 'authentisch' mal Tacheles reden? Weil ich erstens - wenn ich weiss, was ich tue und mir sicher in meinem Handeln bin - genauso authentisch sein kann und weil ich das Problem zweitens an der Wurzel angehen und lösen und nicht nur Symptombekämpfung in der aktuellen Situation betreiben möchte.
Ich versteh nicht, warum ein adäquates "So nicht!" häufig als reine Symptombekämpfung bezeichnet wird. Nicht jedes Fehlverhalten hat seine Ursache in einem größeren Themenkomplex. Und manch Themenkomplex wird durch eine schnelle Reaktion gar nicht erst zu einem Problem. Das schafft Kapazitäten für anderweitiges Training.
Die Mütterhündin eskaliert übrigens auch nicht von 0 auf 100, bevor die deutlicher wird, sind da viele kleine Vorstufen.
Kommt drauf an. Die Vorwarnung kann auch deutlich kürzer als ein Nein sein. Manche Welpen sind ziemlich frech und forsch. Und wenn so ein Welpe der Mutter (oder einem Geschwister) aus Übermut mit Schmackes ins Ohr beißt, dann wird sofort mit einer Strafe (Abschnappen, Schnauzengriff, Schnauzenstoß, o.ä.) reagiert - natürlich nicht bei einem ganz jungen Welpen. Aber ab einem gewissen Alter werden die Welpen durchaus rigoros an die Regeln eines respektvollen Miteinanders erinnert. Manchmal geht so eine Bestrafung dann noch weiter, in dem der Welpe Zwangsgeputzt wird.
Aber: ein Nein ist ja nicht Stufe 100. Ein Nein ist vergleichbar mit der ersten Warnstufe von Hunden - je nach Aussprache und Körperhaltung bis zum Knurren.
Beispiel: ich setz mich mit mein Essen auf's Sofa. Das Essen riecht verführerisch. Sookies Nase schwebt 2 cm von meinem Essen entfernt. Ich sage "Nein". Sookie hält inne. Aber das Essen riecht heute besonders verführerisch. Ich lehne mich leicht vor, baue dabei ein bissle Körperspannung auf und werde härter im Blick. Sookie merkt, dass ich es ernst meine, legt sich hin und wartet geduldig bis ich fertig gegessen hab (dann bekommen sie und Jin die Reste - was vmtl. einer der Gründe dafür ist, dass ich immer noch gelegentlich mit Sookie darüber diskutieren darf).
Und wobei ich mir ganz sicher bin, die Mutterhündin straft nicht positiv, denn für Hunde ist ihr Verhalten nachvollziehbar.
Natürlich strafen Hunde positiv. Was soll denn sonst ein Schnauzengriff sein? Und natürlich ist positive Strafe nachvollziehbar.
Ach, moment: du meinst "positive Strafe" iS von einem positiven Abbruch wie dem Geschirrgriff? Das ist (lerntheoretisch) keine positive Strafe (positiv = es wird etwas hinzu gefügt, Strafe = Verhalten wird gehemmt). Ein positiver Abbruch wie der Geschirrgriff ist keine Strafe. Was ja genau das Problem mit dieser Art von Abbrüchen ist: Der Hund beendet zwar in dem Moment das unerwünschte Verhalten, versteht aber (in dem Moment) nicht, dass dieses Verhalten unerwünscht war - das dann höchstens über Umwege.
Was bei Menschen so eben nicht der Fall ist, wir können kein hündisch, insofern finde ich das nicht vergleichbar.
Da bin ich anderer Meinung. Zumal sich viele Elemente der hündischen und menschlichen Körpersprache ähneln, einige Unterschiede sich aus meiner Sicht eher im Dialektbereich befinden. Außerdem sind die meisten Hunde von Welpe an auf den Menschen als Sozialpartner sozialisiert, können also die menschliche Körpersprache und Mimik ebenso gut lesen wie die hündische (manche Hunde adaptieren ja sogar menschliche Mimik und Lächeln zur Begrüßung). Als Mensch muss man sich dann nur ein wenig auf die hündische Sprache einlassen und sich ein wenig mehr auf seine eigene Körpersprache und Mimik besinnen.
Edit:
Aber ja, das war vielleicht nicht der fairste Weg.
Und ich freue mich tatsächlich, wenn man mir auch andere Lösungsmöglichkeiten aufzeigt. Denn mir ist durchaus bewusst, dass mein Weg sicherlich nicht (immer) der beste ist.
Für mich ist dein Weg nicht unfair. Du hast dem Hund kurz gesagt, dass du dieses Verhalten nicht duldest. Innerhalb von Minuten war also geklärt, was geklärt werden musste und der Hund konnte mit dir auf dem Sofa kuscheln.
Wenn du nun Tage lang dran trainiert hättest, hättest der Hund a) tagelang nicht mit dir auf dem Sofa kuscheln können und b) hätten Kapazitäten für anderes Training gefehlt.