Wir haben in der Familie aktuell 3 Auslandshunde. Ich habe einen ehemaligen Kettenhund aus Ungarn und meine Mutter zwei Hunde aus Griechenland. Beide waren noch Welpen als sie nach Deutschland gekommen sind.
Deine Erzählungen erinnern mich etwas an die Hündin meiner Mutter, deswegen möchte ich etwas von ihr schreiben. Die Hündin kam wiegesagt als Welpe direkt aus dem Ausland. Am Flughafen wurde sie abgeholt und zeigte sich schon ein paar Tage nach Ankunft auffällig. Dem wurde noch nicht so viel beigemessen, aber die Verhaltensweisen sind geblieben, trotz viel Training, vor allem positiv. So ist sie größtenteils unverträglich mit anderen Hunden. Hunde die sie kennt, kann sie akzeptieren und ignorieren, aber mehr passiert da selten. Sie kommt gut ohne andere Hunde zurecht. Desweiteren ist sie unsicher bei Menschen, was sich dann in ankläffen äußert, auch in angehen, aber ohne schnappen oder beißen. Im Grunde ist sie da eher ängstlich. Sie hat als Welpe alles gefressen, was ihr in den Weg kam. Einmal ist meiner Oma ein Milchdeckel (Tetrapack) runter gefallen, sie hat ihn sofort verschluckt und kam nur gerade so einer Notoperation davon. Die folgte aber später, als sie einen Textmarker fraß und weil der so unangenehm im Magen war, noch so eine Menge an Gras, dass sie einen Darmverschluss hatte. Sie ist auch nie wirklich stubenrein geworden. Sie ist nun 9 Jahre und muss nach wie vor 5-6x am Tag raus. Trotzdem geht bei Stress oder irgendwelchen anderen Gründen noch was ins Haus. Im Hundezimmer ist alles ausgelegt mit Inkontinenzunterlagen. Meine Mutter hat mit ihr viel trainiert in den ersten Jahren, alltagstauglich ist sie nicht wirklich geworden, trotz bestandenem Hundeführerschein. Man kann sie zwar managen, aber mehr auch nicht. Bei entgegen kommenden Fahrradfahrern muss nach wie vor ein großer Bogen gelaufen werden.
Inzwischen wurde sich mit den vielen Macken abgefunden und quasi der Alltag nach diesem Hund ausgerichtet. Alleinebleiben ist nur für 2,5h vormittags oder nachmittags möglich. Familienfeiern werden so ausgerichtet, dass es sich nicht mit den Gassizeiten überschneidet, oder man geht dann zwischendrin usw. Das hört sich alles schon extrem an und ich denke schon, dass man das in gewissem Maße auch anders händeln könnte, aber dafür wäre ein Aufwand nötig, der ebenfalls Stress bedeutet. Z.B. min. einmal wöchentlich in eine Stadt fahren, damit der Hund regelmäßig bestimmte Umweltreize hat und man so trainieren kann, aber ob das dann auch was für die heimischen Strecken bringt, ist ja nicht gesagt.
So wie es jetzt ist, ist es am wenigsten Stress für alle. Bloß keine Abweichungen im Alltag, dann geht alles gut und ansonsten muss man halt managen.
Auch mein Mix aus Ungarn hat seine früheren Verhaltensweisen nicht abgelegt in den letzten 8 Jahren. Er kann nach wie vor keine unkastrierten Rüden leiden. Er kommt auch mit Veränderungen und Stress nicht gut klar. Trotzdem kann ich ihn inzwischen fast überallhin mitnehmen. Das liegt aber auch an unserem Alltag. Ich hab nicht die Wahl und muss ihn mitnehmen. So muss er notgedrungen bestimmte Reize aushalten. Er hat so viel gelernt, aber am liebsten ist ihm trotzdem wenn er seinen geregelten Alltag hat und keine großen Veränderungen sind.
Mit ihm habe ich einige Hundetrainer durch. Von den Wattebäuschen Werfern zu den Hardcore Trainern, aber keiner hat wirklich zu 100% geholfen. Von jedem konnte man was mitnehmen und lernen, aber schlussendlich war der Schlüssel: Erwartungen runter schrauben, den Hund so nehmen wie er ist, managen ohne viel Aufhebens und weiter.
Noch ein kurzes Beispiel, bevors endgültig zu lang wird: Er ist sehr leinenaggressiv. Als er ein halbes Jahr bei mir war hat er mich beim Pöbeln ins Bein gebissen. Er ist zwar klein, aber trotz Jeans blieb eine Narbe. Ich war damals total verzweifelt, enttäuscht und traurig und wollte unbedingt üben und trainieren, damit er das sein lässt. Die oben genannten Hundetrainer später, war das Problem nach wie vor da. Egal ob man Leckerli geworfen hat oder den Hund auf den Boden drückte, kam ein Feind, dann ging er ab, aber wie!
Irgendwann wars mir dann egal. Ich hatte für mich eine Strategie gefunden. Bein nicht in den Weg stellen und Hund weiter ziehen. Ist es zu eng, geht auch hochheben ganz gut.
Letztens war es dann wieder soweit, ich passte nicht auf, Janosch pöbelte und zwickte mich dabei ins Bein. Ich zog ihn weiter, ignorierte das und machte weiter wie vorher. Keine Aufregung, kein Schämen, weil er sich so aufführt, kein Stress. Ist auch keine Lösung und kein Trainingsweg, aber so geht es allen Beteiligten am Besten
Übrigens kommt Janosch auch viel besser mit einer klaren gerechtfertigten Ansage zurecht, als mit "nur positiv".