Einer der Haupthaken, wenn man hauptsächlich über Strafe arbeitet, ist, dass ein Vakuum an der Stelle entsteht, wo der Hund "das Verhalten nicht" tun soll.
Vakuums gibts aber gar nicht, also wird es durch irgendein anderes Verhalten gefüllt.
ich gebe dir vollkommen recht, dass genau das beim alternativlosen arbeiten mit grenzen geschehen kann. nur zu sagen, was ich nicht will, kann nicht zielführend sein. wenn ich als chef meinen mitarbeitern nicht sage, was ich von ihnen verlange können sie es nicht richtig machen; sie sind ja schließlich keine hellseher.
anders sieht es aber aus, wenn ich klar und deutlich abgrenze, was unerwünscht ist und sofort bestätige, was ich möchte. dann habe ich kein vakuum, sondern klare richtlinien für meinen hund, die er befolgen kann.
Und da folgt umgehend Haken zwei: IRGENDEIN Verhalten - das kann aber genauso falsch oder noch schlimmer sein, als das erste unerwünschte. Was natürlich dann wieder bestraft werden muss. Und so weiter und so weiter und so weiter, bis der Hund zufällig vielleicht mal das richtige Verhalten trifft - und da hattest du dann glaub ich zu bemerkt in einem Frühern Post, dass DAS dann oftmals nicht belohnt wird, sondern ignoriert.
Mit Ignorieren bekommt man ganz schnell Verhalten gelöscht, die nicht selbstbelohnend sind...
genauso arbeitet man eben nicht mit korrekturen, wenn man es angemessen macht. das wäre der absolut falsche weg und wird zum leidwesen für den hund viel zu oft so gegangen. "nach jedem abbruch muss IMMER das alternativverhalten bestärkt werden." ein viel gehörter satz. ich gehe da noch einen kleinen schritt weiter: wenn irgendwie möglich ist, sollte zuerst das alternativverhalten gelernt werden und erst dann kann überhaupt über abbruch gearbeitet werden, wenn es erforderlich ist.
Und an allem hängt Haken Nummer drei: Strafe hemmt Verhalten global: NICHT nur das Verhalten, was man bestrafen wollte, sondern ganz viele andere, von denen wir nicht notwendigerweise ausgehen, dass sie damit zusammen hängen.
martina, das ist mir zu pauschal. es kommt immer darauf an, wie man arbeitet. strafe hemmt vor allen dingen deshalb alles verhalten, weil zu viel gestraft, zu wenig verstärkt und auch zu nachtragend gestraft wird. hunde merken, dass man nach der kurzen intervention immer noch "in der wut" ist und meiden dann komplett. eine korrekt ausgeführte korrektur führt zum abbruch des unerwünschten verhaltens und nicht zum einbruch des hundes.
Der Hund macht also immer mehr NICHTS, auch weniger gewünschtes Verhalten.
Halt, nein, "nicht verhalten" gibt es nicht, gell? Dieses NICHT-Verhalten hat in der Szene andere Namen:
der Hund ist sturr, bockig, dominant, will dich verarschen...
WEIL nämlich "eigene Ideen haben und Verhalten testen" gefährlich ist, oft folgt als Konsequenz eine Strafe, macht der Hund nur noch Sachen, von denen er hundertprozentig sicher ist, dass das absolut richtig ist. Alles andere wird zögerlich, langsam, vorsichtig oder gar nicht ausgeführt... Sturer Köter! 
wie gesagt: ein ganz klarer ausführungsfehler.
Einer der Hauptvorteile bei Arbeiten über positive Bestärkung ist, dass der Hund lernt, rauszufinden, welches Verhalten das richtige ist, welches Verhalten sich lohnt. Sogar jemand, der gar nicht soooo für Training mit positiver Bestärkung zu haben ist (Günther Bloch), sagt, das Hunde Opportunisten sind und eben machen, was sich lohnt. Wenn sich von Menschen gewünschtes Verhalten lohnt, ungewünschtes aber nicht, welches macht er dann wohl...
Ausserdem hat man das Problem mit dem Vakuum nicht. Wenn der Hund feststellt: DAS Verhalten lohnt sich hier nicht, dann testet er umgehend eins, was sich schon mal gelohnt hat. Wenn sich Anspringen nicht lohnt, weil das Ziel des Anspringens (Aufmerksamkeit) sich dadurch nicht einstellt, und der Hund probiert irgendeinen "Trick", den er vorher schon mal gelernt hat, oder rausgefunden hat, dass Menschen ihn lustig finden, zum Beispiel hinsetzen oder Spielverbeugung oder vielleicht anfangs erstmal "rumhampeln-aber-nicht-anspringen", braucht man als Mensch nichts weiter zu machen als zu sagen JA das nehmen wir erstmal als Verhaltensangebot und belohnen es. "Rumhampeln" ist noch nicht das "richtige richtige" Verhalten, aber er ist um einiges richtiger als Anspringen. Wenn man also "rumhampeln" in der Situation bestärkt senkt man die Wahrscheinlichkeit von "Anspringen und erhöht "rumhampeln".
Dann fängt man an, aus dem "rumhampeln" Momente rauszufischen, wo der Hund gleichzeitig mindestens drei Füße an der Erde hat... dann vier, dann vier plus hintern... Fertig. Der Hund hat gelernt, was sich nicht lohnt. Er weiß genauso - vielleicht sogar besser - das Anspringen das "unerwünschte Verhalten ist, weil er nicht nur gemerkt hat, dass sich das nicht lohnt. Er hat MEHRERE Alternativen. Und obwohl das vielleicht nicht sofort logisch erscheint ist das eine gute Sache, weil nämlich dem Hund in schwierigen, stressigen Situationen nicht das "schwierigste" einfällt anzubieten, sondern irgend ein Zwischenschritt. Wenn er also vielleicht einen sehr sehr geliebten Menschen wieder trifft und noch wegen anderer Gründe aufgeregt ist, geht vielleicht sitzen nicht "Drei Füße auf der Erde" aber schon.
Das ist so ähnlich, wie ein Gedicht zu lernen. Meistens fängt man bei der ersten Strophe an, und "kämpft" sich dann nach hinten durch. Die erste Strophe kann man am Besten, weil man die schon am häufigsten gelesen hat. Man geht von Bekannt über weniger bekannt zu neu zu unbekannt - und das wissen wird immer wackeliger und wackeliger.
Wenn man aber das Pferd von hinten aufzäumt, und mit der letzten Strophe anfängt, arbeitet man von unbekannt, zu neu, zu weniger bekannt zu bombensicher. GENAU wie beim Shapen im Prinzip. Wenn "rumhampeln" die letze Strophe ist, mit der man begonnen hat zu üben, dann ist zwar die Wahrscheinlichkeit, dass ehr "rumhampeln" als "mit Winkelmesser gestochen gerades Sitzen" in zu aufregenden Situationen angeboten wird deutlich höher. Aber es ist auch was, was sich öfter gelohnt hat und was was deutlich besser ist als Anspringen...
bei nicht selbst belohnendem verhalten gebe ich dir da uneingeschränkt recht. die belohnung ist in diesem fall meine aufmerksamkeit. entziehe ich diese, wird der hund das verhalten nicht mehr zeigen und ich kann ihn bestätigen. bei verhaltensweisen, deren ziel meine unmittelbare aufmerksamkeit ist, würde ich ganz genauso handeln. warum sollte ich hier "strafen"? anders sieht es mit selbstbelohnenden verhaltensweisen aus. da muss ich andere pläne machen.
Beim Arbeiten über Bestrafung wäre diese Version des "nicht Anspringens" vermutlich aber zu irgend einem Zeitpunkt auch bestraft worden. Was natürlich die Alternativen des Hundes einschränkt, denn "eigentlich" ist ja nur "Sitzen" völlig ganz und gar richtig. Leider wird dabei völlig vergessen, dass der Hund keine Maschine ist, sondern genauso unter Stress stehen kann wie Menschen. und wer schon mal unter Stress komplexe Sachen machen sollte, kann vielleicht nachvollziehen, dass das eine Herausforderung ist.
Wenn dem nicht so wäre, müßten Sportler nicht in einer tour ihre Bewegungsabläufe trainieren müssen. Hunde sollen aber so viele Sachen ohne viele Wiederholungen auf die Reihe kriegen...
es übrigens auch einige hunde, die beim shapen absoluten stress haben, weil sie nicht wissen, was man von ihnen möchte. das wäre zwar positiver stress, aber es bleibt stress. ich finde shapen trotzdem genial, aber finde es ganz allgemein gesprochen auch richtig und fair, hunden zu zeigen, was ich nicht möchte. das gibt ihnen auch eine form von sicherheit.
Wenn ich noch länger schreibe, fallen mir noch unzählige andere Haken ein, wahrscheinlich.