Dann erzähle ich auch mal unsere Geschichte, vielleicht hilft es dir ja.
Als Max (Dobermann-Mix, jetzt 3,5 Jahre) aus dem gröbsten raus war, wollten wir einen Zweithund dazuholen. Möglichst unkompliziert, wenn möglich ein Hund den ich mit zu meinen Kunden nehmen kann. Tja es kam anders als gedacht, wir verliebten uns zu Weihnachten 10 in einen Dobermann, geschätzte 1,5 Jahre, der vorher - was man weiß - 9 Monate im Wald gelebt war, ein ganz armes Würstchen und dünnes Hemd. Wir haben ihn nicht vorher kennengelernt, wir haben rein von seiner Geschichte und Bildern entschieden. Wir haben uns - im Gegensatz wohl zu dir - versucht auf das schlimmste einzustellen
damit wir hinterher nicht enttäuscht sind.
Er ist jetzt 6 Monate bei uns und ich kann dir sagen in den ersten 2 Wochen habe ich ständig gedacht, dass ich mich doch übernommen habe und das obwohl ich Probleme liebe, ich liebe es an ihnen zu wachsen und zu sehen, was man zusammen mit dem Hund erreichen kann, zu wehen welche Freiheiten und Lebensqualitäten nach und nach gewonnen werden. Zudem bin ich eigentlich sehr belastbar aber da war auch ich an meinen Grenzen.
Er kam mit folgenden Baustellen im Rucksack an:
* überhaupt nicht gewöhnt an jegliche Form von Umweltreizen
* extrem leinenaggressiv
* extrem an der Leine ziehe
* keinen Meter gradeaus laufen, sondern immer wild hin und herspringen
* aus dem Stand ins Gesicht/Rücken, etc. springen
* sehr nervös
* den ganzen Tag fiepend
* kann nicht alleine bleiben
* hat ständig gebellt
* noch nicht - logisch - 100% Stuben rein, hatte dann Durchfall und hat ihn, wie er es aus dem Wald gewohnt war, einfach laufen lassen
* von allem und jedem gestreßt
* hat unseren Ersthund mehrfach gefaltet (das ist eine besondere Belastung, grade wenn der Neuzugang den ersten angeht)
* 0 Frusttoleranz
* klaut alles was fressbar ist
Das allerschlimmste ist aber, dass er immer sofort mit allem überfordert ist, jede Form von Reiz löst bei ihm enormen Streß aus, jede Neuerung, jede Änderung ... alles bringt ihn sofort auf 180. Das macht ein Training extrem schwierig, da er sogar vom Clicker total überdreht. Die Hauptaufgabe war bei uns von daher kein Training an den einzelnen Problemen, sondern ihm einfach nur Ruhe beibringen. Wir wissen mittlerweile das er hyperaktiv ist, was einen anderen Trainingsaufbau notwendig macht, als wenn er nur "unerzogen" wäre.
Er hat mich tatsächlich sehr oft an die Grenzen gebracht ...
Wichtig war, dass ich nicht zuviel Mitleid mit diesem armen Würstchen zeigte sondern, dass ich ihn auch forderte und ihn auch mal mit Frust umgehen ließ. Das waren so unsere primären Punkte.
Da ein normaler Gassigang nicht möglich war (kannte kein Halsband, keine Leine, kein "normales" gehen ... auch logisch) haben wir auch hier viel Ruhe reingebracht und haben uns fast milimeterweise fortbewegt. Wir sind ein Meter gegangen, haben ihn dann an die Seite genommen, ihn dort stehen oder absitzen lassen und sind einfach eine Weile gestanden (das war schon fast unmöglich, da er sofort anfing zu fiepen, in einer Lautstärke wie schreien), dann sind wir wieder einen Meter gegangen und wieder eine Pause. Es ging dabei einfach darum, dass er Frusttoleranz lernt, dass Ruhe reinkommt und als interessanter Nebeneffekt lief er besser an der Leine.
Natürlich haben wir zwischendurch noch viel mehr mit ihm gearbeitet und jetzt nach einem halben Jahr kann man sagen, dass er wirklich ein toller toller Hund geworden ist den wir nicht mehr missen wollen. Bis ein Herz an ihm hang hat gedauert aber er war zu uns so lieb, dass es eigentlich nicht schwer war ihn auch lieb zu haben.
Bei "so einem Hund" ist es auch wichtig gewisse Dinge zu akzeptieren. Unser Zweithund wird wohl nie ein total entspannter Hund sein, der mit neuen Umgebungen und Situationen gut umgehen kann. Aber genauso, wie es unterschiedliche Menschen gibt muss man auch lernen, dass es unterschiedliche Hunde gibt, manche werden halt nie der perfekte Hund und ich denke sie müssen es auch nicht. Man sollte erarbeiten was geht aber nie aus dem Auge verlieren, welche tollen Seiten der Hund auch hat und sich einfach locker machen. Große Erwartungshaltung und persönlicher Streß den man sich macht sind eher kontraproduktiv.
Wir möchten unser "schwieriges Kind" nicht mehr missen aber es gibt nach wie vor Tage, wo man durchdrehen könnte ... auch wenn man ansonsten die Ruhe in Person sein mag :) .
Von daher wünsche ich dir viel innere Ruhe und auch die Kraft die richtige Entscheidung zu treffen. Überprüfe was du für dich möchtest und wie weit du bereit bist dich einzuschränken. Man muss nicht aus moralischen Gründen krampfhaft an einem Hund festhalten der nicht wirklich zu einem paßt und der einen total überfordert, dann wird das Mensch/Hund-Team nicht glücklich aber man sollte diese Entscheidung im Sinne des Hundes nicht leichtfertig treffen.