Gefährlich ist ein Hund in meinen Augen dann, wenn er nicht in der Kontrolle des Halters steht. Ich mach das also nicht am Hund fest, sondern daran, wie sicher die Umwelt ist, wenn der "draußen rumläuft".
Das kann auch ein stinknormaler lieber Hund sein, der beim Ziehen an der Leine den Oppa hintendran schlichtweg stolpernd hinter sich herzieht, weil dieser unsicher auf den Füßen ist. Macht er das am Straßenrand, während der LKW kommt, war dieser ach so liebe Hund für sein Herrchen dann leider die Todesursache, weil dieser liebevoll auf die Straße gezerrt wird. Heute früh erst gesehen: ich mußte mit dem Auto dran vorbei, und mir war himmelangst - um den Halter! Für diesen Mann ist ein hund, der größer als ein Chihuahua ist, definitiv lebensgefährlich - und er ist sich dessen offenbar nicht mal bewußt......
Ansonsten: wenn ein aggressiver Hund bei einem Halter lebt, der ihn zu sichern versteht, und eben nicht versucht, verzweifelt den Hund in den Kindergarten mitzunehmen und einen Besuchshund draus zu machen, und der Halter in jeder Situation körperlich in der Lage ist, den Hund zu halten, zu managen oder eben lieber mal daheimzulassen (also auch die richtige Einstellung zum Hund hat und nicht sich selbst überschätzt - mir gefällt, was Atrevido schrieb) - dann hab ich absolut kein Problem mit diesem Hund! Man kann damit einem Hund, der sonst aufgegeben würde, noch ein Leben mit möglichst viel Lebensqualität bieten.
Ich selbst hab ja mit meiner Frieda einen solchen Hund, der auf Hunde aggressiv reagiert (zum Glück ist sie bei Menschen total begeistert und ein echtes Lamm - aber das reichte mir anfangs auch so schon *gg) - auch so ein Fall, wo man schon überlegt hat, ob das Leben in der Auffangstation für sie einen Sinn macht: hatte panische Angst vor anderen Hunden (ging aber nach vorne - und zwar ernsthaft), ist blind und sieht die Körpersprache anderer Hunde nicht, war aber monatelang in der Auffangstation zwischen anderen Hunden in ihrer (50x50cm!)- Box (und das als bewegungsfreudiger Terrier!) eingesperrt gewesen. Möchte nicht wissen, was das für sie für einen Streß bedeutet hat.
Und doch hat sie auch als nicht einfacher Hund bei mir ein Zuhause gefunden, in dem es ihr richtig gut geht, wage ich zu behaupten. Klar - ich hab weitere Hunde. Aber ich habe die Möglichkeit, zu trennen. So ist sie daheim tiefenentspannt, und wir haben es im Lauf der Jahre geschafft, daß sie inzwischen mit mir entspannt Gassi gehen kann (d.h. ohne wie am Anfang hinter jeder Ecke, an der ein Hund auftaucht, hochgehen zu müssen und erst nach Stunden wieder runterzukommen), und damit entsprechend Lebensqualität hat. Und das war mein Ziel- ihr diesen Streß zu nehmen: dauernd an Hunde denken zu müssen unterwegs, sich ständig vermeintlich verteidigen zu müssen, dauernd auf 180 zu sein (was ja wiederum erneutes Hochfahren begünstigt - ein Teufelskreis).
Ich denke nicht, daß der Kontakt zu anderen Hunden für sie zum Kapitel "Lebensqualität" dazugehört - je weiter die weg sind, desto besser geht´s ihr :-) Also muß sie bei mir nicht zwangskuscheln mit den Anderen zweien. Klar, ab und an geht´s zusammen Gassi. Einfach, damit sie lernt, ihr passiert nichts in Situationen mit Hunden um sie herum. Ansonsten gehen wir halt getrennt, und ich manage Hundekontakte, blocke notfalls, nehme sie kurz hoch, wenns zu viel wird, mache Bögerln, wenn nötig, was auch immer.
Bis auf diesen einen Punkt war dieser Hund von Anfang an ein absoluter Engel, vollkommen unkompliziert, konnte überall alleinbleiben vom ersten Tag an, liebt alle Menschen, war stubenrein (wenn sie nicht grad Durchfall bekam, weil kein gescheites Futter gewöhnt.....) etc. Warum sollte es dieser Hund (wie viele Andere!) nicht verdienen, daß sich jemand die Mühe macht, ihm ein Leben zu bieten in einem Rahmen, daß es dem Hund möglich ist, halbwegs normal zu leben? Ich manage, passe auf, daß es ihr nicht zu viel wird, wir haben an der Aggressivität gearbeitet soweit, wie es ging. Sie wird nie ein "Juhu - ein Hund!"- Hund werden - aber muß sie das? Ich kann so gut mit ihr leben, und den Aufwand, getrennt Gassi zu gehen, ist sie mir wert.
Ich denke, auch ein auf fremde Menschen aggressiv reagierender Hund hat sicherlich liebenswerte Züge, die er vielleicht nur seinem Halter zeigen kann, oder aber es bereitet einfach Freude, zu sehen, daß es dem Hund gut geht, sein Streßlevel sinkt, er sein Leben genießen kann, und er einfach Fortschritte macht.
So viel zum Thema "warum tut sich jemand solche Hunde an" - auch wenns net ganz on topic ist :-)